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Reiseberichte
   

In Lendas auf Kreta fand sich Kazantzakis selbst wieder

Zusammen am Ufer des Libyschen Meeres sitzen, Afrika gegenber!"

Von Michaela Prinzinger

Das heutige Lendas ist etwa eine Autostunde vom antiken Gortys entfernt, dessen Hafendorf es einmal war. Auf dem Weg zum Meer muss in vielen Serpentinen zuerst das Asteroussia-Gebirge berwunden werden, bevor man einen Blick auf die kretische Sdkste erhlt, die in Reisefhrern meist nur am Rande Erwhnung findet.
Neben den zeitgenssischen Reiseschriftstellern lie auch Nikos Kazantzakis das Dorf beinahe unerwhnt. Dabei verbrachte er im August des Jahres 1924 zumindest einige Tage in Leda", und dieser Aufenthalt wurde zu einer Art Schlsselerlebnis fr den wohl bekanntesten griechischen Schriftsteller der Neuzeit.


Nikos Kazantzakis war damals noch mit Galatia Alexiou verheiratet, reiste aber mit seiner neuen Liebe, Eleni Samiou, dorthin und verlebte zehn herrliche Tage, von denen er noch lange zehrte und auf die er im Verlauf seines Lebens immer wieder zurckkam. Seine Ehefrau Galatia reiste den beiden nach, konnte dem heien Strand am Libyschen Meer jedoch nicht viel abgewinnen.
In Kazantzakis Nachla fand sich eine Skizze unter dem Titel Elenis Buch, in der Lendas, afrikanische Landschaft, erwhnt wird. Am 29. Juli 1924 schrieb Kazantzakis nicht lange nach ihrem ersten Zusammentreffen an Eleni Samiou und lud sie nach Lendas ein: Genossin, das Leben ist doch wunderbar. Sie kommen jetzt nach Kreta! Zusammen werden wir die teure Insel sehen, zusammen am Ufer des Libyschen Meeres sitzen, Afrika gegenber! Kommen Sie schnell! Die Trauben, die Feigen, die Birnen, die Melonen Homer, Buddha, unsere beiden Herzen die herrlichen ersten Regenflle alles ist reif, ist bereit, ist groartig, Genossin!"
Die Nhe Afrikas, das Blut der Sarazenen, das Kazantzakis in sich fhlte, und der ewige faustische Kampf zwischen Geist und Materie mssen ihn in Lendas besonders heimgesucht haben. Nach stundenlangem Ritt auf dem Maulesel ber das Asteroussia-Gebirge langten sie am Strand an, wo wie er behauptet damals nur ein Haus mit einem einzigen Bewohner stand. Es soll sich, nach Auskunft der Tavernenwirtin Elpida Jannedaki, um das Haus oberhalb der Strandtaverne Michalis gehandelt haben. Im heutigen Drfchen Lendas ist die Erinnerung an den Besuch von Kazantzakis in der mndlichen berlieferung noch lebendig und treibt so manche Blten. So soll der Dichter mit dem leibhaftigen Sorbas hier gewesen sein und gar ein halbes Jahr hier verbracht haben.

In der Badebucht von Diskos ein halbmondfrmiger Strand

Elpida Jannedaki ist die dienstlteste Tavernenwirtin in der Bucht von Lendas. Obwohl lngst im Rentenalter sthnt sie jedes Jahr aufs neue, am Anfang und am Ende der Saison. Doch alljhrlich findet man sie wieder auf ihrem Posten vor: Den Rcken zum Meer gewandt, wartet sie auf Gste. Die See habe ich mein Leben lang gesehen, irgendwann reichts." Elpida ist eine der letzten, die den Mythos von Kazantzakis in Lendas noch weitertradieren. Sie hat sich von den ltesten Zeitzeugen den legendren Besuch schildern lassen und in einem alten, blauen Schulheft aufgezeichnet. Ihre uglein blinzeln listig: Der war seiner Zeit weit voraus! Ihm war egal, was die Leute redeten. Er sagte immer: Was ihr im stillen Kmmerlein tut bei Kerzenschein, das tue ich im Sonnenlicht!'"
Eleni Kazantzaki beschreibt ihren ersten Eindruck der Bucht von Lendas: Ein halbmondfrmiger Strand, von zwei Seiten durch steil abstrzende Felsen eingeschlossen. Ein einziges Dach: ein Speicher, mit Krgen und Getreide gefllt. Ein einziger Bewohner: ein halb tauber und halb blinder Greis. Leda! Das war der ideale' Ruhesitz, den man fr den Dichter und Asketen ausgesucht hatte. Gab er nicht vor, das Leben der einfachen, kleinen Leute zu lieben? Weder Tisch noch Bett, keine Wsche, nichts, was die Illusion von Behaglichkeit hervorrufen knnte. Ameisen, Fliegen und heller Sand, der rauchte wie geschmolzenes Zinn."
Trotz des anfnglichen Schocks blieben Nikos und Eleni, sie suchten sich tagsber eine Grotte, in der sie die Ilias, Goethes Iphigenie auf Tauris, Aischylos und Tschechow lasen. Eleni empfand diesen Aufenthalt als eine Mischung aus Qual und Freude. Kazantzakis bestand, trotz seiner groen Schamhaftigkeit darauf, nackt zu baden. Auch heute noch ist die lang gestreckte Badebucht von Diskos, von Lendas aus in zwanzig Minuten zu Fu zu erreichen, ein Geheimtip unter Nacktbadern und Wildzeltern.

Die schreckliche Kste" in ein Paradies verwandeln

Aber wie dem auch gewesen sein mag: Im September 1924  schrieb Kazantzakis  seiner Geliebten aus Iraklio: Doch wre es, und ich msste jetzt pltzlich sterben, so wrde vor meine Augen das Meer bei Leda treten, unser Fels, die glhheien Kiesel, die flammenden Zitronenbume, Ihr schlanker biegsamer Leib, Ihr schmaler und verschlossener Mund. Ach, voll von Wunderbarem ist diese Erde, und unser Herz ist ein nie befriedigtes, furchtbares Mysterium, das die ganze Hllenqual des Lebens in heilige Trunkenheit umwandelt. Erinnern Sie sich doch welch ein Ringen, um Leda in ein Paradies zu verwandeln!" Lendas wird zu einem geheimen Symbol der Bindung zwischen Nikos und Eleni, zum Ort einer Verschwrung. Kazantzakis spricht von der schrecklichen Kste von Leda", die er mit Geduld, Beharrlichkeit und Liebe in ein Paradies verwandeln mchte. Die Nchte von Lendas kehren in Nikos Briefen aus den Jahren 1925 und 1926 des fteren wieder.
Galatia Kazantzaki beschreibt dieselben Vorkommnisse, nur notdrftig kaschiert, in ihrem Schlsselroman Anthropi kai Yperanthropi, Menschen und bermenschen.  Es ist vielleicht ganz interessant, einmal die Darstellung der Gegenseite" zu hren. Danai und Alexandros Artakis also Galatia und Nikos Kazantzakis verbringen den Sommer auf Kreta und empfangen eine Reihe von Bewunderern des Dichters, unter ihnen die junge Nelly (Eleni Samiou). Man erzhlt von einem Strand am Libyschen Meer, der fr seinen Sternenhimmel, sein indigoblaues Wasser, seine vllige Abgeschiedenheit, seine Wildtauben in den umliegenden Grotten, sein altes Asklepios-Heiligtum mit den gut erhaltenen Mosaikbden der Heilquellen und mit seinem einzigen und zu mietenden Haus zu einem Geheimtip geworden ist. Alexandros bricht am nchsten Tag dahin auf, und als Danai ihm nicht folgen will, begleitet ihn Nelly. Danai, die sich erst nach drei Wochen dazu aufrafft, ihnen nachzureisen, trifft die beiden in einer khlen Hhle an, in der Alexandros vorliest, whrend Nelly lauscht: Der Strand hatte an dieser Stelle die Form einer Mondsichel, deren Spitzen in riesigen Felsen endeten. Die rechte Sichelspitze formte die Gestalt eines riesenhaften, sitzenden Lwen, der nach Afrika blickte." Danai stuft die Hingabe der jungen Nelly an Alexandros als unerotische Lehrer-Schlerin-Beziehung ein: Nein, dachte Danai, ich bin nicht dafr geschaffen, meine sei es auch noch so unbedeutende Persnlichkeit irgendeinem Propheten oder Lehrer zu opfern."
Im Ort sind heute die berreste des erwhnten Asklepios-Heiligtums zu besichtigen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgegraben wurden. In den spten fnfziger Jahren wurden die Ruinen einer frhminoischen Siedlung mit Kuppelgrbern nachgewiesen, Fundstcke daraus befinden sich im Archologischen Museum in Iraklio.

Asklepios-Heiligtum: Hier suchten auch Libyer Heilung

Das Asklepios-Heiligtum wurde von Gortys aus im vierten vorchristlichen Jahrhundert gegrndet und erlangte bald groes Ansehen in ganz Griechenland. Sogar Libyer sollen auf der Suche nach Heilung hierher gepilgert sein. Der Tempel muss sehr eindrucksvoll gewesen sein: mit Statuen des Asklepios und der Hygieia, einem Schatzhaus, in dem Opfergaben aufbewahrt wurden (ein Teil des Fubodenmosaiks dieses Schatzhauses ist erhalten geblieben), mehrere Sulenhallen (eine davon fr den Heilschlaf, der in einer mystischen Erscheinung des Heilgottes gipfeln sollte), eine groe Marmortreppe, eine durch ein Nymphaion berbaute Quelle, von der aus eine Leitung aus Tonrhren Wasser in die Badebassins fhrte, zudem Herbergen und Gstehuser fr die Besucher und Wohnungen fr die Priester. Mit der Durchsetzung des Christentums wurde auch diese heidnische Kultsttte zerstrt und als Steinbruch gentzt. Die Thermen wurden jedoch an die tausend Jahre genutzt. In der heutigen Ioannis-Theologos-Kirche von Lendas, unweit des Heiligtums, sieht man noch verbaute marmorne Sulenteile.
Warum hat Lendas mit seiner afrikanische Landschaft, seinem Wstenklima, das Galatia als tagsber unertrglich hei und nachts kalt beschreibt, so stark auf Kazantzakis gewirkt? Vielleicht gibt ein Brief aus dem Jahr 1917 Aufschluss, den der Dichter in Zrich verfat hat. Darin fhlt er das Blut der Sarazenen assoziiert mit Dattelpalmen, heiem Wstensand, maurischen Torbgen, schlank gewachsenen Beduinenfrauen in sich brodeln. Gerade im Herzen Europas schreibt er: Ich habe mich selbst wiedergefunden, den Abkmmling der Sarazenen, auf Kreta, der afrikanischen Insel." Aber gerade dieser Kampf zwischen Sarazenenblut und Vergeistigung, zwischen Materie und Intellekt steht dem hautempfindlichen Kazantzakis immer wieder ins Gesicht geschrieben. Er leidet nmlich an einer Hautkrankheit, die sein Wiener Psychoanalytiker Stekel als Maske der Sexualitt" bezeichnet.


Weitere literarische Streifzge auf  Kreta finden Sie in: Michaela Prinzinger: Kreta. Ein Reisebegleiter. Mit farbigen Fotografien. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2006, 275 S., 12,- Euro.

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