Kastoria – die Biberstadt, Teil 1: „Der liebe Gott hat uns mit einem zauberhaften See gesegnet“ Tagesthema

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Kastoria – die Biberstadt, Teil 1: „Der liebe Gott hat uns mit einem zauberhaften See gesegnet“

Zirka 150 Kilometer von Thessaloniki enfernt, unweit der Landesgranze zu Albanien liegt das Städtchen Kastoria an einem See, der es „umarmt“. Seit dem Mittelalter war der Ort bekannt und berühmt für seine Pelzherstellung. Die meisten Besucher sind griechische Touristen, nur selten verirren sich auch ausländische Urlauber nach Kastoria.

Es war später Abend, aber ich wusste, ich kann mich kaum verfahren. Ich brauchte mich ja nur entlang des Sees zu bewegen. Irgendwann würde ich an der richtigen Stelle abbiegen. Alle Wege führen in Kastoria zum See Orestiada, der die Stadt fast gänzlich umschließt.

Auf der Landkarte betrachtet ist diese Stadt auf dem Hügel eine Halbinsel, an deren Spitze ein Waldgebiet den äußersten Punkt im See markiert. Deshalb bietet sich ein Rundgang entlang des Seeufers auch als Wander- und Spazierweg sehr gut an. Egal auf welchem Punkt der Uferstraße man sich befindet, immer ist es möglich, hügelan in die Stadt hinein zu laufen.
Natürlich bin ich nicht allein wegen ihrer topographischen Besonderheit in diese griechische Provinzstadt gefahren. Ich wollte vielmehr herausfinden, was ein Fremder hier entdecken kann, in einer Stadt weitab vom Meer, die auch noch in den letzten Jahren regelrecht geschrumpft ist. Von den ehemals 22.000 Einwohnern leben heute nur noch 12.000 in Kastoria.
Ich suche mir ein Hotel am Wasser zum Übernachten, weil ich das jungfräuliche Gefühl, morgens am See zu erwachen, sehr liebe. Und tatsächlich ist der nächste frühe Morgen sehr friedlich. Die Enten und Schwäne tagen bei einem Frühschoppen vor meinen Augen. Und hunderte fliegende Fische finden sich an der Wasseroberfläche zu einer Tanzpartie ein. Die Einheimischen nennen sie Schmetterlinge, und sie schnappen bei ihrem ständigen Flug über das Wasser erfolgreich nach kleinen Fliegen und Mücken.

Erste Entdeckungen: Hausgemachte Nudeln

Nach dem Frühstück entschließe ich mich, bis zur anderen Seite der Stadt zu laufen. Das heißt: an der Südseite des Sees den Hügel hinauf zu laufen, um auf der Nordseite wieder hinunter zu kommen. Dort ist auch der moderne Teil Kastorias mit der Bezirksverwaltung und den zahlreichen Geschäften, die der Stadt für einen Moment das Image einer Großstadt verleihen. Dort entdecke ich ein neues Geschäft mit traditionellen Produkten aus der Region. Sprich: Hülsenfrüchten, vor allem weißen Bohnen.
Ebenso werden viele Früchte, die zum „glykó tou koutalioú“ aufbereitet sind, angeboten. Süß in Sirup eingelegte Früchte eben, die die Griechen immer gerne zum Mokka servieren. Hausgemachte Nudeln, lokaler ökologisch angebauter Wein und Liköre für jeden Geschmack sind ebenfalls zu haben.
Ich komme ins Gespräch mit Damianos Mansios, dem Besitzer. Er erklärt mir, dass sein Laden im ersten Geschäftsjahr ganz gut geht und er auch übers Internet versucht, lokale Produkte zu verkaufen. Über meinen, also deutschen Besuch in seiner Heimatstadt, ist er sehr überrascht: „Wissen Sie, Kastoria wird meistens von griechischen Gästen besucht. Nur selten sehen wir hier Ausländer. Aber es war vor einer Woche, als ein Reisebus mit französischen Gästen vor meinem Laden anhielt. Diese wollten eigentlich nur die Meteora-Felsenklöster besuchen. Ihr Reiseleiter meinte aber, es wäre einmal interessant, in eine griechische Provinzstadt zu fahren. So kamen sie ganz spontan hierher. Sie erzählten mir, wie überrascht sie waren, eine solche Stadt in Griechenland anzutreffen. Sie wussten nicht einmal genau, wo Kastoria liegt. Die Schönheit der Stadt hatte es ihnen angetan. Sie bedauerten sehr, dass in ihrem Fünf-Tage-Ausflug keine Übernachtung in Kastoria vorgesehen war“.

Eine Stadt ohne typisch griechisches Image

Über die Entstehung des Namens „Kastoria“ scheiden sich die Geister. Die einen behaupten, er stamme von Kastell, im Griechischen „Kastron“ ab, das die Stadt im Mittelalter umgab. Andere sind der Meinung, der Name Kastoria sei von „Kastor“, also Biber, abzuleiten, und der soll im See von Kastoria in großer Anzahl vorgekommen sein. Unbestritten bleibt: Kastoria ist und bleibt bis heute auch für treue Griechenlandfreunde eine unbekannte Stadt. Und das hat vielleicht mit seiner Lage zu tun. Es liegt zwar nur 150 Kilometer von der Großstadt Thessaloniki entfernt, aber in südwestlicher Richtung. Das heißt: Nur unweit der Landesgrenze zu Albanien. Und dorthin verirrt sich allenfalls der klassische Individualtourist. Für mich ist es immer wieder aufregend, wenn man in Griechenland etwas entdeckt, das sich von den allgemein bekannten Urlaubs-Klischees abhebt, wie: dem strahlend blauem Meer, wunderschönen Stränden, weißer Inselarchitektur, Säulenromantik, den immerzu tanzenden und Ouzo trinkenden Griechen! – Keine Spur davon in Kastoria. Diese Stadt am See bietet erst auf den zweiten Blick Sehenswertes für den Gast: Die romantische Straße entlang des Sees verläuft an uralten Kastanienbäumen und mächtigen Platanen vorbei. Auf dieser Wanderung kann die Altstadt besichtigt werden. Zwei Kilometer weiter befindet sich ein griechisch-orthodoxes Kloster und wieder ein Stück weiter eine jüngst entdeckte Tropfsteinhöhle, die erst im vor kurzem zu Besichtigungszwecken eröffnet wurde.
Der Eintrittspreis von 6 Euro ist beachtlich für den kleinen Rundgang in das Innere des Hügels. Dafür wird man mit einem gut begehbaren Weg entschädigt und sanfter Entspannungsmusik, die die Worte der Führerin fast ein wenig unbedeutend wirken lassen. Die Höhle wird heute als „Drachenhöhle“ touristisch vermarktet, weil dem Mythos zufolge ein Drache die Höhle bewacht haben soll. – Eine griechische Kleinstadt im strebsamen Versuch ein touristisches Image aufzubauen!

Text: Marianthi Milona, Foto: Eurokinissi (Diese Aufnahme zeigt Kastoria im Winter.)

Im Teil 2 dieser Reportage, der in der kommenden Woche veröffentlicht wird, lesen Sie von der langen Tradition des Pelzhandwerks in Kastoria und wie die Stadt heute versucht, sich neue Perspektiven zu eröffnen.

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