Museumsdirektoren aus Leidenschaft

Sammelfreudiger Priester: Das Papamichalis Georgoulakis Museum auf Kreta Sammelfreudiger Priester: Das Papamichalis Georgoulakis Museum auf Kreta

Über 800 Museen warten in Griechenland auf Besucher. Das Nationalmuseum und das Akropolis-Museum in Athen sowie das 2014 wieder neu eröffnende Archäologische Museum in Herakleion auf Kreta gehören zu den bedeutendsten der Welt. Am anderen Ende der Skala stehen die vielen privaten Museen, die ihre Entstehung dem Enthusiasmus Einzelner verdanken. Und davon gibt es gerade in Hellas eine ganze Menge.

Papa Michalis war zeitlebens eine Autorität in Asomatos, dem „Dorf der Körperlosen“ auf Kreta. Die Kinder lernten das schon von klein auf, denn Papa Michalis war zugleich auch ihr Grundschullehrer. Sein Hobby war das Sammeln. Darum hatte er es seinen Schäfchen verboten, irgendetwas aus ihrem Haushalt zu entsorgen, ohne es ihm vorher gezeigt zu haben. So bewahrte er allerlei Haushaltsgegenstände, Möbel, landwirtschaftliche Geräte und sogar Spielzeug vor der Vernichtung. Zudem war er ein leidenschaftlicher Flohmarktbesucher, reiste deshalb sogar einmal ins ferne Athen. Wenn es etwas für seine Sammlung zu erbeuten galt, schreckte er vor kaum etwa zurück. Im Krieg zog er gefallenen Partisanen sogar einmal die Stiefel aus, nahm getöteten deutschen Soldaten die Erkennungsmarke ab.
Seit 2008 weilt Papa Michalis nun selbst im Schattenreich. Unvergesslich ist der Tag, an dem er mich und einen auch gerade anwesenden jungen Mönch aus dem nahen Kloster Preveli an die Hand nahm und uns durch das auch „Oriseum“ genannte Museum führte, das er im Erdgeschoss seines großen Hauses mitten im Dorf eingerichtet hatte. Triebfeder war dabei seine deutsche Schwiegertochter Romi, die es schade fand, dass sein Sammlerfleiß den Augen Reisender verborgen blieb. Sie führt das Museum nun zusammen mit ihrem Mann Georgios, einem Sohn des Priesters, weiter. Sie haben darin jetzt auch ein kleines Café eingerichtet, das das ganze Jahr über bei kretischer Live-Musik und Mezedakia Treffpunkt für Einheimische und in der Gegend von Plakias wohnende Ausländer ist, verkaufen hier auch Produkte befreundeter Bauern und Hausmütter. Georgios steht zudem Wandergruppen als Führer ins Psiloritis-Gebirge zur Verfügung, in seiner kleinen Pension außerhalb des Dorfes können Gäste wohnen. Das Museum wird dankbar als Nebenerwerbsquelle angenommen, ist für Romi und Georgios aber vor allem eins: Lebensinhalt und Hommage an den eigenwilligen Papa Michalis.  

Kykladen und Menschheit im Überblick

Benetos Skiadas auf der Kykladeninsel Paros war in seinem langen Leben als Fischer,  Schmied und Arbeiter in den parischen Marmorsteinbrüchen tätig. Mit dem Kaiki ist der heute 71-Jährige weit in der Ägäis herumgekommen. Was er da an historisch bedeutsamen Stätten und schönen Gebäuden sah, hat er im Garten seines Museums nahe dem Inselflughafen als Modell nachgebaut. Hier kann der Besucher eine Kykladen-Rundreise unternehmen, ohne sich Wind und Wellen aussetzen zu müssen. Er sieht das Marienheiligturm und die Taubentürme von Tinos, das in den Fels geklebte Kloster Chozoviotissa auf Amorgos und die Löwenallee von Delos ebenso wie das antike Theater von Milos oder das venezianische Kastro von Antiparos. Eine zweite Bastelleidenschaft des Herrn Skiadas gilt dem Bau von Schiffsmodellen. Auch hier lässt er sich wieder von den Themen leiten, die die Außenausstellung prägen: Glaube und Religion, historische Größe Griechenlands und ägäischer Alltag. Hat man draußen schon über seine gewaltige Hobbyarbeitsleistung im Zeitraum von nur 30 Jahren gestaunt, erregt spätestens die Sammlung der Bootsmodelle im Museumsbau Bewunderung. Für das Modell des vor 2300 Jahren vorm zyprischen Kyreneia gesunkenen Frachtenseglers fertigte er sogar die Ladung in Feinarbeit wieder an: einst mit Wein gefüllte Mini-Amphoren.   
Nicht Objekte, sondern die Menschen selbst haben Giorgos Petrakis auf Kreta zeitlebens beschäftigt. An einem kahlen Hang auf dem Weg von der kretischen Nordküste hinauf zur Lassithi-Hochebene hat er sein Freilichtmuseum der Menschheitsgeschichte, ein „Museum of Mankind“, geschaffen. Ganz auf eigene Kosten und fast ohne jede fremde Hilfe hat er ein Grundstück planiert und darauf zunächst seine Sicht der Menschheitsentwicklung von der Altsteinzeit bis zu Jesu Geburt an Hand der Wohnformen des Homo Sapiens von der Höhle bis zur einfachen Hütte dokumentiert. „Und dann kam Christus“, beschreibt er die erste große Zäsur gleich hinter einem Ehrenmal für die zwölf olympischen  Götter, die alle in Form von Statuen präsent sind. Was danach kam, hat ihn zunächst wenig interessiert, aber dann erkannte er in der Weltraumfahrt den nächsten großen Schritt der Menschheitsentwicklung und hat so seine neueste Abteilung dem „Homo cosmicus“ gewidmet. Originelle Monumente erinnern an Jurij Gagarin als ersten Menschen überhaupt und an Valentina Tereshkova als erste Frau im All, an die Hündin Laika, an Neil Armstrong und schließlich an die „Space Heroes“, alle bisherigen Opfer des Vorstoßes in außerirdische Welten. Dahinter drehen sich die typischen, mit Segeltuch bespannten Windräder der Lassithi-Hochebene – natürlich auch von Giorgos eigenhändig errichteten Nachbauten.

Madame Tussaud auf Griechisch

Helden ganz anderer Art werden in einem erst 2013 gegründeten kleinen Privatmuseum im kretischen Chania vorgestellt: Die Spieler der griechischen Fußball-Nationalmannschaft, die 2004 den Europameister-Titel errang, und ihr göttlicher Trainer Rehakles, auch Otto genannt.
Ebenfalls auf Kreta ist eins der beiden großen Wachsfiguren-Kabinette Griechenlands zu finden. Beide sind ganz und gar der glorreichen griechischen Geschichte gewidmet. In Zoniana am Nordhang des Psiloritis, zu Beginn dieses Jahrtausends wegen Drogenanbaus in die Schlagzeilen geraten, hat Dionissis Potamios Szenen aus der griechischen Geschichte an Hand von 87 lebensgroßen Wachsfiguren nachgestellt. Da sitzt Eleftherios Venizelos mit einem wichtigen Dokument in der Hand am Schreibtisch, steht der Maler El Greco an seiner Staffelei, hält Nikiforos Fokas, der später zum byzantinischen Kaiser aufgestiegene Befreier Kretas von arabischer Herrschaft im 10. Jahrhundert, Bibel und Schwert in der Hand. Das Kloster Arkadi wird noch einmal verteidigt, Kinder besuchen eine Geheimschule, der Freiheitsheld Daskalogiannis wird vom Pascha verhört. Damit der Besucher einen Gewinn für seine Bildung davon trägt, hat Familie Potamios ausführliche Erklärungen zu jeder Szene verfasst und in mehrere Sprachen übersetzen lassen. So macht Geschichtsunterricht Spaß.  
Ein Jünger Madame Tussauds war auch Pavlos Vrellis in Vizani nahe der epirotischen Hauptstadt Ioannina. Der Künstler und glühende Verehrer griechischer Freiheitshelden hat all seine Wachsfiguren selbst gearbeitet und sie in eigens von ihm für sie gestaltete Szenerien gestellt, die Bühnenbildern gleichen. Die Verbrennungsöfen in deutschen Konzentrationslagern sind bei ihm ebenso ein Thema wie die Teilung Zyperns, der Kampf gegen die Italiener in den Bergen Albaniens oder die Gräueltaten Ali Paschas im Epirus und die Schlacht um Kreta im Zweiten Weltkrieg. Glühender Patriotismus und ästhetischer Anspruch gehen in den 36 Innenräumen des Museums und auf dem Außengelände eine gelungene Verbindung ein.   

Technik und Natur

Konstantinos Kotsanas aus der peloponnesischen Elis huldigt der Größe Griechenlands auf eine ganz andere Art: Die große Leidenschaft des gelernten Maschinenbauingenieurs ist die antike Technik. Schon seit Jahrzehnten stöbert er versprengte Hinweise auf die Erfindungen der alten Griechen auf. Texte und Textfragmente sind seine Quellen ebenso wie Vasenmalereien und archäologische Funde. Er hatte das Glück, bei den Lokalpolitikern des Hafenstädtchens Katakolo Begeisterung für seine Ideen wecken zu können. Die waren es nämlich leid, dass jährlich Zehntausende von Kreuzfahrt-Touristen an ihren Kais von Bord gingen und gleich ins antike Olympia weiter fuhren. So stellten sie Herrn Kotsanas ein ehemaliges Thermalbadehaus auf dem Bahnhofsgelände als Ausstellungsraum zur Verfügung. Dort sind nun etwa 100 von ihm rekonstruierte, voll funktionstüchtige Modelle antiker griechischer Erfindungen ausgestellt. Antike Bühnentechnik und eine Art antikes Kino sind da ebenso zu sehen wie das erste vollautomatische Puppentheater, eine sich automatisch öffnende Tempeltür, Beispiele antiker Nachrichten- und Waffentechnik. Besonders überraschend sind ein über 2000 Jahre alter Wecker, tragbare Sonnenuhren sowie der Startmechanismus für Laufwettbewerbe in antiken Stadien.
Herr Kotsanas hat darüber hinaus auch eine musische Ader. Seine zweite Leidenschaft ist die Rekonstruktion antiker Musikinstrumente. Die Gemeinde Katakolo hat ihm dafür ein zweites Gebäude zur Verfügung gestellt. Harfe und Wasserorgel, Lyra und Schlagzeug sind alle bespielbar – als nächstes Projekt will der stets unruhige Geist nun ein Orchester gründen und antike Konzerte wieder erklingen lassen. Ähnlich Gesinnte gibt es übrigens auch auf der Insel Santorin: Da steht in Oia ein kleines Museum antiker Musikinstrumente, hat in der mittelalterlichen Burg von Akrotiri ein musisches Paar gerade ein Museum für den traditionellen griechischen Dudelsack, die „tsambouna“ gegründet. Die Konzerte dort gehören zu den kulturellen Highlights der Kykladen.

Mensch und Natur

Die Liste privater Museen in Griechenland ist noch viel länger, ihr Themenspektrum weit gefächert. In Benitses auf Korfu zeigt Napoleon Sagias schon seit Jahrzehnten Muschelschalen und Seeschneckengehäuse aus aller Welt, in Ligourio in der Argolis präsentiert das private, hochmoderne Museum Kotsiomyti Mineralien und Halbedelsteine aus Griechenland und aller Welt. Viele Weinkellereien betreiben kleine Ausstellungen zu Geschichte und Technik des Weinanbaus, im thrakischen Soufli beschäftigt sich eine der letzten Seidenmanufakturen des Landes ausgiebig mit der Vergangenheit dieses einst so wichtigen Gewerbes. Besonders aktiv und vorbildlich sind die Museen einer Stiftung der Bank von Piräus. Sie betreibt sieben Freilichtmuseen auf dem Festland und den Inseln, die sich der Industriegeschichte widmen. Der Olive und dem Öl sind Museen auf Lesbos und in Sparta auf dem Peloponnes gewidmet, dem Marmor und seiner Verarbeitung ein Museum auf Tinos. Im  PIOP-Museum bei Dimitsana auf dem Peloponnes dreht sich alles um die Nutzung der Wasserkraft in vergangenen Jahrhunderten, im Museum der Stiftung in Volos auf dem Pilion um Keramik und Ziegel und Stymphalia auf der Peloponnes um Natur und Landwirtschaft. Zwei weitere Museen sind in Planung: Eines in den Mastixdörfern im Süden von Chios, ein anderes in der Altstadt von Ioannina.

Text und Foto von Klaus Bötig

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