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Trockensteinmauern überziehen die Hänge

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Schön ist die Kurzwanderung von Tholaria nach Egiali (Fotos: GZcb). Schön ist die Kurzwanderung von Tholaria nach Egiali (Fotos: GZcb).

Für Wanderer ideal – Amorgos

Typisch Inselspringer: Für Amorgos sind vier Tage eingeplant. Wir waren vorher auf Astypalaia, Naxos heißt das nächste Ziel. Wir sind sehr früh da. Um 6.40 Uhr legt die große Autofähre „Naxos“ von Blue Star Lines in Egiali an.

Theodoros steht schon an der Rezeption seines kleinen Hotels direkt am Hafen. Sein „Miké“ ist das älteste der Insel. Der Großvater hat es bereits 1954 gegründet – als Kafenio mit drei Fremdenzimmern im Obergeschoss. Schon zwei Jahre später baute er fünf Zimmer und ein Restaurant dazu. Die Kellner trugen weiße Jacken und Fliegen, die Zimmermädchen banden sich weiße Schürzen um. Noch bis 1981 lieferte nur ein Generator Strom, noch bis Mitte jenes Jahrzehnts wurden die Fährpassagiere ausgebootet, weil es keinen brauchbaren Anleger gab. Hotel- und Tischwäsche wurden noch bis 1990 mit der Hand gewaschen. Erst ein Jahr später erhielten die Zimmer ihr eigenes Bad – und seit 2011 sind sie alle völlig neu gestaltet.

Tamarisken spenden Schatten

Die ersten Urlauber, die uns beim Frühstück auf der Platia auffallen, scheinen fast alle jenen frühen touristischen Zeiten zu entstammen: Beschwingte ältere Damen in wallenden, grellfarbenen Gewändern mit flatternden Haaren – das Hippie-Musical „Hair“ lässt grüßen. Beim ersten Ortsrundgang bemerken wir mehrere Werbeplakate für Yoga Sessions, ein Wirt bietet mythologische Sternenkunde-Abende an, aus einer Taverne erschallen Hare Rama-Gesänge, am Strand zupft jemand seine Gitarre. Dieser Strand hat es uns angetan. Feinster Sand auch noch im Wasser, keinerlei Felsschollen, Tamarisken spenden Schatten. Ende Mai ist hier noch kein Liegestuhlvermieter aktiv. Tische und Stühle mehrerer Lokale stehen direkt auf der Strandstraße.  Ich bestelle ein Viertel Wein, erhalte dazu Mezedakia aus dem Garten und ein Gläschen kretischen Raki zum Probieren, zahle einen Euro fünfzig für alles.

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In Egiali im Osten der Insel ist das „Miké“ das Traditionshotel.

Kaffee im „Guten Herzen“

Eine andere Klientel als frühmorgens lässt sich jetzt im Ort blicken. Vor allem skandinavische und holländische Wanderer sind unterwegs. Eine großformatige Inselkarte auf der Platia zeigt hier, wie in allen Dörfern auf Amorgos, die hervorragend markierten und gut gepflegten Wanderrouten auf. Einmal fotografiert, hat man sie immer bei sich. Wir wählen für heute die kürzeste aus. Zunächst fahren wir mit dem Inselbus fünf Minuten nach Langada hinauf, einem der beiden Dörfer hoch oben am Hang über der Bucht von Egiali. Wir steigen nicht aus, fahren sofort wieder runter und dann hinauf ins zweite Hangdorf, Tholari. Im „Kali Kardia“, dem „Guten Herz“, trinken wir einen Elliniko. Es ist noch ein echtes Kafepantopoleion, Kaffeehaus und Gemischtwarenhandlung in einem. Hinterm Tresen sitzt Oma und schält Kartoffeln, an einem der Tische verdient eine im Dorf ansässige Deutsche am Laptop ihr Geld. An den Gästen draußen auf der Gasse ziehen schwer beladene Esel vorüber – 15 dieser Tiere soll es im Dorf noch geben. Wir folgen dem bestens ausgeschilderten Wanderweg hinunter nach Egiali, bestaunen wieder einmal den unermüdlichen Fleiß vergangener Generationen: Trockensteinmauern überziehen die Hänge, aufgerichtet von Menschen, die mit all ihrer Plackerei kaum mehr erwirtschafteten als ihr täglich Brot.

Insel mit Spezialitäten

Heute wollen sie mehr, lassen sich viel dafür einfallen. Seit 2013 sind erstmals amorginische Flaschenweine auf dem Markt – und das aus biologischem Anbau. Schon etwas länger produziert Antonis Vekris den Feigenlikör Mekila, den mit Honig versetzten Tresterschnaps Rakomelo und den für Amorgos besonders typischen Psiméni. Das ist ein Rakí, der mit Honig, Kräutern, Zimt, Nelken, Orange und Zitrone angereichert ist. Früher wurde er vor allem bei Taufen und Hochzeiten ausgeschenkt. Jetzt kann man ihn in schönen Flaschen mit nach Hause nehmen. Antonis Vekris hat zudem auch Alkoholfreies im Angebot: Loukoumia und die Sesamriegel Pastelli zum Beispiel.

Andere backen kleinere Brötchen. Dimitris vermietet Motorboote an Selbstfahrer (führerscheinfrei), Petra Elpida zupft Augenbrauen und massiert Urlauber in ihrem Kosmetikstudio. Fünf Fischerboote laufen jeden Spätnachmittag zum Fang aus, die thailändische Frau von Wirt Panagiotis tischt jeden Freitag Thai-Küche auf. Und Jannis sitzt tagein, tagaus vor seinem Touristenshop, löst skandinavische Kreuzworträtsel, bis ein Kunde kommt. Schöne Sonnenhüte hat er im Angebot. Meinen beiden Begleiterinnen gefallen sie gut. „Was kostet der?“, frage ich Jannis. „18 Euro“, erwidert er. „Und zwei?“  Er lässt sich auf 30 Euro ein. „Und drei?“, frage ich und deute auf meinen Kopf. „Die sind nur für Frauen“, lässt er mich wissen ...

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Egiali: Eine Bar − ideal zum Chillen.

Kloster mit acht Stockwerken

Nach einem ganz faulen Tag mit vielen guten Gesprächen packen wir wieder die Koffer. Das 32 Kilometer lange Amorgos besitzt zwei Häfen, Egiali im Osten und Katapola im Westen. Da wollen wir mit dem Inselbus hin. Er schraubt sich das Asphaltband hinauf, das beide Orte seit etwa 20 Jahren verbindet, erklimmt fast den 698 Meter hohen Profitis Ilias und kommt nach einer knappen Stunde am Ziel an. Der Bus wurde gebraucht in Deutschland gekauft. Über der Windschutzscheibe ermahnt ein deutsches Schild die Fahrgäste, nicht mit dem Fahrer zu sprechen. Unnötig, denn der telefoniert fast die gesamte Fahrt über.

Auf den ersten Blick sagt uns Katapola weniger zu als Egiali. Es ist größer, zerfleddert, weniger dicht; der Strand ist weiter vom historischen Dorfzentrum entfernt. Dafür sind wir hier näher an den Hauptsehenswürdigkeiten der Insel. Allen voran das Kloster Chozoviotissa an der einsamen Südküste. Blendend weiß klammert es sich 300 Meter  über der Ägäis an eine rostrote Felswand. Griechenland-Autorin Ingeborg Lehmann verglich es einmal phantasievoll mit „einer im Sturzflug innehaltenden Möwe“ und einer „Neuschneelawine“.  Mönche aus Kleinasien gründeten es schon vor etwa 1200 Jahren. Auch ganz sachliche Zahlen sind beeindruckend: Der Bau ist bis zu acht Stockwerke hoch, 40 Meter lang, aber nur 5 Meter tief. In seinen 15 Zellen leben heute noch drei Mönche, die man als Besucher eher selten zu Gesicht bekommt. Zwei Laien sind angestellt, sich um Fremde zu kümmern, ihnen die kleine Kirche zu zeigen und sie mit süßen Loukoumi und einem Schnaps zu bewirten. Bis kurz vors Kloster fährt der Inselbus, den letzten halben Kilometer muss man dann noch auf breitem, gepflasterten Weg bergan steigen – ganz ohne Schatten. Wer will und gut zu Fuß ist,, kommt vom Kloster aus auch weiter: Ein wie überall auf der Insel gut markierter Wanderweg führt über die Berge bis nach Egiali hinüber.

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15 Esel leben noch in Tholaria - Touristen nicht mitgezählt.

Blick auf Windmühlen

Schattenlos bergan geht es auch, wenn man vom Kloster ins alte Hauptdorf der Insel, die Chora, hinüberwandern möchte (man kann auch den Inselbus nehmen). Die Chora hat sich in den letzten Jahren zu einem wahren Schmuckstück unter den ägäischen Inseldörfern gemausert. Über 30 kleine Kirchen und Kapellen stehen an den schmalen, verwinkelten Gassen, überall blühen Blumen. Viele kleine Kunstgewerbeläden und Schmuckgalerien bieten Souvenirs mit Niveau, der übliche Touristenramsch ist aus den Läden verbannt. Die in der klassischen Antike berühmten amorginischen Leinengewänder bietet allerdings niemand an: Sie waren mit Purpur gefärbt und durchscheinend. Auch Cafés und Tavernen in der Chora bewahren den Inselstil, laden im Wechsel abends zu griechischer Live-Musik ein. Immer wieder geben die Gassen den Blick auf  Windmühlen frei, die vom einstigen Wohlergehen der Insel zeugen. Alles überragt eine winzige Burg aus dem 13. Jahrhundert, als Amorgos zum römisch-katholischen Herzogtum der Kykladen gehörte.

Im Rausch der Tiefe

Die letzten Stunden auf der Insel gehören noch einmal Katapola. Wir entdecken das Lokal „Le Grand Bleu“. Da wird täglich der Film gezeigt, der die Insel in aller Welt bekannt machte. Luc Besson drehte die 1988 in die Kinos gekommene Geschichte miteinander rivalisierender Apnoe-Taucher vor allem auf und vor Amorgos. Auf Englisch wurde er unter dem Titel „The Big Blue“ gezeigt, in Deutschland als „Im Rausch der Tiefe“. Überrascht sind wir auch von der kleinen Buchhandlung im Dorfzentrum: soviel gute Lektüre hatten wir auf einer Insel mit weniger als 2000 Bewohnern nicht vermutet. Und als Abendessen erwartet uns im Restaurant „Kapetan Dimos“ schließlich der außergewöhnlichste Moussakas, den wir je auf dem Teller hatten. Er ist kreisrund, die obligatorischen Auberginenscheiben sind als Umfassung senkrecht gestellt!DSC 0411 small

Wie eine Fata Morgana − das Felsenkloster Chozoviotissa.

 

INFO

Fährverbindungen: www.bluestarferries.com, www.ferries.gr/smallcycladeslines

Empfehlenswerte Hotels: in Egiali www.mikehotel.gr und www.amorgos-aegialis.com, in Katapola www.thebigblue.gr

Camping: www.aegialicamping.gr, www.amorgoscamping.com, www.katsanisgroup.gr

Busfahrplan: www.amorgosbuscompany.com

Wanderkarte: Anavasi-Verlag 2017, 1:32 000, www.anavasi.gr (6,50 Euro)

Amorginische Produkte: www.amorgion.gr

Empfehlenswerte Websites: www.amorgos-island-magazine.com, www.nissomanie.de

 

Von Klaus Bötig

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