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Leben im Livathós

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Leben im Livathós

Man kann dem Livathós, einem von acht Verwaltungsbezirken der Insel Kefaloniá, wegen seiner Vielfältigkeit getrost einen ganz eigenen Charakter zusprechen. 

Hier lebt man sozusagen im Schatten des Kástro. Um das hoch gelegene Sankt-Georgs-Kastell herum beziehungsweise in diesem befand sich die alte Inselhauptstadt. Es heißt, zur Blütezeit des Burgberges sollen vierzehntausend Menschen auf und an ihm gelebt haben – das wären etwa zweitausend mehr als in der heutigen Hauptstadt Argostóli, die jetzt mit zwölftausend Einwohnern ungefähr ein Drittel der Bevölkerung Kefaloniás beherbergt.

Der Livathós liefert an den meisten Tagen des Jahres vielerorts schöne Ausblicke in eine heitere, sonnendurchglühte Landschaft, geprägt von größeren und kleineren Siedlungen, Olivenbäumen und Oleanderalleen. Über allem thront der 1628 Meter hohe Aínos, höchste Erhebung im Ionischen Meer. Er ist allerdings am schönsten bei Nacht – ein dunkel-geheimnisvoller Berg, klar und an seinen unteren Säumen schimmernd von tausenden funkelnden Straßenlaternen der vielen kleinen Orte, die sich an ihn schmiegen. Tagsüber erinnert er an einen mächtigen, gestrandeten Wal. Der Dichter Lord Byron hat in seinem letzten Lebensjahr hier gelebt und von seinem bescheidenen Haus aus den Ausblick auf den Berg genossen.

Man hat hier zwei Extreme fürs Auge: die Begrenzung durch die Berge und daneben die Weite der See. Die Strände des Livathós sind die besten Badestrände der Insel, und einige von ihnen sind auch wild-romantisch gelegen. Vielleicht sind sie nicht ganz so atemberaubend wie der berühmte Mírtos-Strand an der Westküste, der zu den drei schönsten der Welt zählen soll und sicher unbenommen der Spitzenreiter in Griechenland ist. Sein Wasser schimmert in allen Abstufungen zwischen milchweiß, türkis und tieftintenblau. Aber wie alle Schönheit umgibt er sich mit Gefahr. In diesem Falle sind es Wellen, sich immerzu bewegende Marmorkiesel an der Wasserlinie, ein schnelles Abfallen in tiefes Wasser und vor allem Unterströmungen, die selbst geübten Schwimmern Schwierigkeiten bereiten können. Das haben die Südstrände nicht, sie sind familienfreundlich und manchmal sogar sandig. Das kristallklare Wasser lässt mich an meine Kindheit in der Nähe Berliner Badegewässer denken und mich ungläubig daran erinnern, welchen trüben Substanzen ich seinerzeit meinen Körper anvertraut habe.3 Spartiá Beach.jpgsmall

Im Livathós befinden sich die meisten Ortschaften; es ist der am dichtesten besiedelte Teil der Insel. Die Post kommt alle zwei Tage; mal ist der Postbote mit dem Motorrad, mal mit dem Auto unterwegs. Er kann einem nicht entgehen, denn wenn er durch den Ort fährt, hupt er ständig aufgeregt und klingt so wie der „Roadrunner“ in der bekannten Zeichentrickserie... „miek, miek!“

In unserem Ort stehen manche Häuser dicht bei dicht, manchmal fast übereinander; andere wieder vereinzelt. Einige Fassaden lassen noch den Reichtum ihrer Bewohner erahnen. Sie fielen – hier wie in weiten Teilen des Eilands – dem großen Erdbeben zum Opfer.

Wie wohl tut den Augen und der Seele, dass es hier keine überbeanspruchte Einheitsarchitektur gibt, dass alles kleinteilig ist, individuell und stets neu und überraschend. Viele Gärten sind tief und wirken geheimnisvoll. In und zwischen den alten Mauern und Gehöften kann die Seele – Arm in Arm mit der Phantasie – spazieren gehen. Man wird der Eindrücke niemals müde.

Der Herbst ist hier das zweite Frühjahr. Das Feigenlaub erlaubt sich einen hellgelb aufflammenden Tod, ehe es trocken zur Erde schwebt und dort in kürzester Zeit zu Staub zerfällt. Der erste Regen erfüllt die Luft mit dem Geruch nach frischem Lorbeer. Aber schon dominieren wieder die wilden Cyclamen und Narzissen.4 Ausblick.JPGsmall

Das dumpf-melodische Bimmeln der Schafsglöckchen, das irgendwie eher an hohlen Bambus erinnert; die kehlig-rauhen Stimmen der Frauen, wenn sie sich unterhalten; an Feiertagen der Messgesang der Priester aus den großen und kleinen Kirchen und Kapellen, der von überall aus dem Tal zu hören ist; dazu Vögel, Hühner, Puten und Hundegebell und am Morgen beziehungsweise Abend – je nach Saison – dieses typische Geräusch, wenn sich die Propellermaschine aus Athen auf dem Weg zum nahen Inselflughafen durch die Luft quirlt; dazu an Sommermorgen das Motorenstampfen der Fähre zur Nachbarsinsel Zákinthos: das ist eine ganz typische, ganz eigene Lebensmelodie in diesem Teil der Welt, um unser Dorf herum, im Livathós.

Die Kirchenglocken werden von Hand angeschlagen. Ihnen fehlt jede von anderen Ländern her gewohnte Feierlichkeit. Es ist eher ein schnelles, heftiges Bimmeln, welches drängelnd, aber auch pragmatisch wirkt und einen Schläfer garantiert aufweckt. Einzig die traurig-monotone Totenglocke wird ihrem Namen gerecht.

So trägt der Livathós seinen Teil bei zum Lebensrhythmus der Insel, im Kreislauf zwischen Geburt und Tod, zwischen Tag und Nacht und zwischen den Jahreszeiten – einen Rhythmus, bei dem jeder, der sich darauf einlässt, gar nicht umhinkann, ihn nicht nur zu erleben, sondern mitzuleben.

Marina Müller

Dieser Beitrag und die fotos wurden uns im Rahmen unseres Leserwettbewerbes zum zehnjährigen Jubiläum der Griechenland Zeitung von Marina Müller zugeschickt. Wir möchten uns dafür ganz herzlich bedanken!

 

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