Spaziergänge durch den Hafenort Pythagorion auf Samos (Teil 2) Tagesthema

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Spaziergänge durch den Hafenort Pythagorion auf Samos (Teil 2)

In kaum einem anderen Inselort Griechenlands begegnen sich Geschichte und Geschichten so eng wie im Hafenstädtchen Pythagorion auf Samos. Einige Persönlichkeiten kennt bei uns jedes Kind. Anderen begegnet der Besucher vor Ort.

Der berühmteste antike Tunnel

Den spektakulärsten Bauauftrag aus der Herrschaftszeit des Polykrates – er regierte die Insel von 538 bis 522 vor Christus – erhielt ein Ingenieur aus Megara bei Athen.

Der Tyrann wusste, dass seine Residenz im Falle einer Belagerung ausgetrocknet werden konnte. Eine sehr ergiebige Quelle gab es auf der Insel. Sie sprudelte jedoch nicht in den Bergen oberhalb der Stadt, sondern auf der entgegengesetzten Seite des Gebirges. Einen um den Berg geführten Kanal hätten Feinde schnell zerstört. So entstand die Idee, einen von außen unsichtbaren Tunnel durch den Berg zu graben.
Zeit war kostbar. Deshalb schlug Baumeister Eupalinos vor, den Bau von beiden Seiten gleichzeitig zu beginnen. Eine bis heute bewunderte technische Meisterleistung. Nach fünfeinhalb Jahren trafen sich die Bautrupps tatsächlich in der Mitte des Weges. Ende des 20. Jahrhunderts, bei der Untertunnelung des Ärmelkanals, hätten britische und französische Baukolonnen fast aneinander vorbei gebohrt. Nicht so die alten Griechen.
Eupalinos ließ die exakte Höhe durch genaue Messungen am Berghang festlegen. Wie man es damals anstellte, im Berg auf dieser Höhenlinie zu bleiben, ist bis heute nicht ganz geklärt. Man traf sich mit einer ganz geringen Abweichung. Um nicht parallel aneinander vorbei zu graben, wurde in der Mitte ein Trick angewendet: Eine der beiden Tunnelröhren wich in leichtem Bogen zur anderen ab. War man auf der gleichen Höhe, musste man sich treffen. Weitere Bauabschnitte waren nötig. In den Tunnel musste zusätzlich ein Graben mit leichtem Gefälle eingefügt werden, damit das Wasser floss. Das tat es bei 0,5 Prozent Gefälle. Dann war die Quelle einzufassen und zu verstecken. Um Verunreinigungen zu vermeiden, wurde der Kanal auch auf der Stadtseite bedeckt. Das Wasser floss quasi unterirdisch in die Brunnen von Samos. Der Wasserkanal funktionierte vermutlich an die tausend Jahre. Erst im 7. Jahrhundert nach Christus gab man ihn auf. Die Eingänge verfielen, Vergessen legte sich über das Meisterwerk. Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts legten den Eingang zwischen 1971 und 1973 frei. Man kann inzwischen einige hundert Meter in den Eingang gehen. Sogar Licht ist gelegt.

Das Kloster „Maria Grotte“

Aus Pythagorion führen zwei Wege zum Eingang des Tunnels, die gut zu Fuß zu erledigen sind. Eine Autostraße biegt von der Hauptstraße nach Vathy ab. Zwei Kilometer sind es durch eine Landschaft, die immer wieder Blicke auf den Hafen frei gibt. Nach einem Kilometer gabelt sich der Weg. Rechts oben im Hang sieht man das Kloster der Panagia Spiliani. Es wurde vor einer Grotte errichtet, in der man angeblich im 16. Jahrhundert zwei Ikonen entdeckte. Ihnen werden wundertätige Kräfte zugeschrieben. Ein reiner Fußweg führt ferner von der Straße zum Flughafen in den Berg zum Tunnel des Eupalinos. Beide Wege sind ausgeschildert.
Mit Pythagorion ist auch ein Kapitel des griechischen Freiheitskampfes verbunden. Ab 1821 gab es mehrmals Aufstände gegen die türkischen Besatzer. Da Samos dicht vor der Küste Kleinasiens liegt, hatten die Soldaten des Sultans es leicht, Nachschub zu organisieren. Wundersame Dinge werden berichtet. So soll sich bei einer Belagerung, als das Trinkwasser knapp wurde, auf dem Kastrohügel eine neue Quelle aufgetan haben. Dies wird ebenso als Hilfe Gottes gefeiert wie ein Sieg von 70 Schiffen des griechischen Kapitäns Andreas Miaoulis vor der Insel gegen eine dreifache türkisch-ägyptische Übermacht.

„Christus rettete Samos am 24. August“

Führer des Widerstandes war Likourgos Logothetis. Er wurde 1772 als Jorgos Paplomatas in Karlovasi auf Samos geboren, studierte im Ausland, war Sekretär von Alexandros Ipsilanti, dem Organisator der Freiheitsgruppe „Philiki Etaireia“, der Gesellschaft der Freunde. Der Coup gegen die türkische Übermacht vom 6. August 1824 wird bis heute gefeiert. Zur Erinnerung wurde auf dem Kastrohügel neben alten Ruinen und einem neuen Verteidigungsturm eine Kirche errichtet, der Metamorphosis, der Erscheinung Christi geweiht. „Christus rettete Samos, 24. August 1824“ steht auf dem Sockel eines Denkmals zu Ehren von Logothetis im Hof der Kirche.
pythagorion das denkmal fuer pythagoras small

Auch Pythagoras wird seit 1988 mit einem Denkmal geehrt. Am Ende des alten Hafenkais steht er überlebensgroß mit einem Dreieck in der linken Hand. Die ausgestreckte Rechte weist auf zwei Stäbe und bildet dadurch mit dem Körper wiederum ein Rechteck. Eine Inschrift verrät: „Pythagoras, der Samiote, 580-496 vor Christus“.

Text und Fotos: Konrad Dittrich

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