Vorschrift ist Vorschrift

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Vorschrift ist Vorschrift

„Vuaschrift is Vuaschrift!“ hätte ein Staatsbeamter der k.u.k. Monarchie gesagt und zugeschaut, wie ein wunderschöner, hölzerner Vorbau eines Hauses, welches seit 1887 besteht, höchstwahrscheinlich so langsam Brett für Brett abgetragen wird, dass es inzwischen einigen wichtigen, namhaften Personen aufgefallen wäre oder man sie darauf aufmerksam gemacht hätte, dass ein schützenswertes, landestypisches, ethnologisches Kulturgut gerade zu verschwinden droht, das erhalten bleiben muss, also natürlich stehen bleiben darf. Leider leben die Bewohner von Paläochora auf Kreta nicht in der österreichischen Kaiserzeit, und die Windeseile, mit der die wunderschöne Holzveranda des letzten typischen Kafenions zerstört wurde, schrie nach einem Skandal. 

Wollte sich Pavlos, der Besitzer des „Scala“, dem neu eröffneten Bäckereicafe, schräg gegenüber mit den modernen Plastiksesseln, anpassen? Wollte er wirklich eine dieser emotionslosen Einrichtungen, wie sie genauso in L.A., Kalkutta, Peking, Johannisburg oder Kikerikspatschen stehen könnten? Wollte er so etwas mit schnell zusammengenagelten Brettern wie die Bar, die sie aus dem einst so idyllischen Gartenhaus namens „Glaros“ am anderen Eck der Anlegestelle gemacht haben?
Ich beschloss, nicht mehr hinzugehen. Ich beschloss den, wenn auch sympathischen Cafetier zu bestrafen, indem ich auch meinen Bekannten sagen würde, den nun kahlen atmospärelosen Ort zu meiden.
Doch dann sah ich zu meinem Erstaunen, dass zumindest die so griechischen Sessel mit den Strohgeflechtsitzen stehen blieben. Was ist also los, was war geschehen? Drohte die alte Holzkonstruktion zusammenzubrechen und wurde sie deshalb abgetragen, um eventuelle Unfälle zu verhindern? Gerade jetzt, wo heuer der Touristenstrom erstaunlicherweise stärker denn je zuvor auch im September nicht abbricht?
Durch Zufall erfuhr ich, dass der Besitzer nicht bereit war, 20.000 Euro zu zahlen, die ihm die Hafenbehörde als Strafe aufoktroyiert hätte, weil sie seine Pergola verbotenerweise vorgefunden hat.
Verbotenerweise! Irgendjemand nämlich grub da ein Gesetz aus, welches seit zirka 30 Jahren besteht und besagt, dass jener so wunderschöne, griechische, an das alte Haus angepasste, hölzerne Terrassenvorbau auf Hafenbereichsgrund stünde. Ein Gesetz, welches also drei Jahrzehnte die Vorbauten aller Wirte im Bereich rund um die Fährbootanlegestelle tolerierte. Einen Bereich, den es aber eigentlich nicht gibt. Damals nämlich vor 30 Jahren beschloss man, die Anlegestelle zu einem zukünftigen, größeren Hafen auszubauen. Einen Hafen, der an anderer Stelle gebaut worden war. Das Gesetz aber gibt es noch immer!
Und da schließt sich auch der Kreis zu Österreich. Als ich damals vor etwa 40 Jahren mein Pragmatisierungsdekret in Händen hielt, musste ich als zukünftiger Staatsbeamter einen Eid leisten, den Maria Teresia verordnet hatte.

Christiane Neppel

Foto: © Griechenland Zeitung / Melanie Schümer, Hafen von Chania

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