Der verschwundene Augenblick

  • geschrieben von 
Unser Archivfoto (© Eleni Kougionis) zeigt das Parlamentsgebäude am Syntagma-Platz. Unser Archivfoto (© Eleni Kougionis) zeigt das Parlamentsgebäude am Syntagma-Platz.

Als in Athen der Frühling noch nach Frühling duftete, als es kaum Autos auf den Straßen gab und noch keine Hochhäuser in der Stadt, also vor langer, sehr langer Zeit, da stand Arion am oberen Teil des Syntagmaplatzes.
Arion hatte gerade seinen 17. Geburtstag gefeiert, war hoch gewachsen, hatte schwarze, lockige Haare, die er nur schwer bändigen konnte. Er trug ein weißes Hemd mit offenem, großen Kragen - so wie es damals Mode war - und lange Hosen. Die anderen im Gymnasium trugen auch alle lange Hosen, das wirkte männlich! Nun ja, männlich – Arion war sehr schüchtern, besonders, wenn es um Mädchen ging.

Sein Freund Alexandros war ihm in dieser Beziehung schon weit voraus und er gab ihm immer gute Ratschläge: „Du musst die Mädchen einfach ansprechen, die Mädchen tun doch nur so brav. Meine Güte, nun leg doch mal deine ewigen Bücher weg und komm mit uns mit, wenn wir nun bald wieder nach Vouliagmeni an den Strand fahren. Was hast du davon, wenn du der Beste bei uns im Gymnasium bist …?“
So redete Alexandros ganz oft mit ihm. Aber Arion hatte schreckliche Hemmungen. Nun, er hatte schon öfter probiert, ein Mädchen anzusprechen, aber da war er immer so aufgeregt, dass er zu stottern anfing, rot wurde und nervös an seiner Brille spielte, die er leider von klein auf tragen musste. Während also Arion so da stand und überlegte, was er denn tun sollte, zuerst in die Buchhandlung in der Akademias zu gehen oder vielleicht doch zuerst in eines der vielen Cafés, die es damals noch rund um den Syntagmaplatz gab, um seine erste Granita in diesem Jahr zu trinken. In seiner Hosentasche klimperten ein paar Drachmen, die würden schon für Buch und Granita reichen.
Als er so überlegte, da sah er am anderen Ende, also an der Ermou ein Mädchen.
Beinahe hätte er die Zeitung, die er unter seinem Arm trug, verloren, denn es durchfuhr ihn ein Schauer grad wie ein Blitz. Sein Herz fing plötzlich an zu klopfen, er spürte das ganz oben im Hals und in seinem Bauch war ein ganz flaues Gefühl. Aus reiner Gewohnheit rückte er seine Brille zurecht, die ohnehin gut saß und ohne dass er es wollte, trugen ihn seine Beine geradewegs zu diesem Mädchen. Das Mädchen kam auch auf ihn zu, aber es hatte ihn bis jetzt noch nicht bemerkt. Was Arion genau erkennen konnte, war, dass das Mädchen etwa sein Alter haben musste, etwas kleiner war, als er selbst. Die dunklen Haare waren an den Seiten zu Zöpfen geflochten. Und es trug einen Geigenkasten vor sich, gerade so, als würde es eine Puppe fest im Arm halten. Neugierig schaute es nach rechts und links und kam immer näher. Arion war aufs Höchste angespannt. Dieses Mädchen musste er ansprechen, koste es was es wolle, aber wie? Es blieben ihm doch nur noch wenige Sekunden und sie würden sich gegenüberstehen, er spürte, wie er - verflixt noch mal - wieder rot wurde, ganz trocken war seine Kehle. Und jetzt, jetzt sah das Mädchen ihn auch an, ja es verlangsamte sogar seinen Schritt – die Geige fest im Arm – jetzt war er ganz dicht vor ihr und sah, dass sie blaue Augen hatte.
Und ohne dass er es wirklich wollte, blieb er stehen. Auch das Mädchen blieb wortlos vor ihm stehen und schaute ihn mit diesen herrlichen blauen Augen fragend an. Es war die Hölle, jetzt musste Arion etwas sagen und mit einem anfänglichen Stottern brachte er heraus: „Dddu, du bbist, du bist mein ganzes Mädchen“.  Uff -  jetzt war’s raus.
Das Mädchen lächelte andeutungsweise und dabei sah Arion, dass es auf der linken Wange ein kleines Grübchen hatte, das sich beim Lächeln zeigte. Das Mädchen schlug die Augen nieder, aber nur so weit, dass ein kleiner Schlitz offenblieb, durch den es Arion ganz keck anfunkelte und ging ohne ein Wort zu sagen weiter. Ach der arme Arion, jetzt war er total verwirrt. Aber wieder, ohne das er es wirklich wollte, drehte er sich um und ging neben dem Mädchen in Richtung Basiliko Kypo, worauf es zielstrebig zusteuerte. Es nahm den langen Weg, der von himmelhoch großen Palmen eingesäumt ist, vorbei an uralten, wuchtigen, saftig grünen Bäumen und die Grillen waren schon fleißig dabei zu zirpen, ziemlich laut sogar.
„Ich habe den gleichen Weg“, log Arion, „ich habe es auch nicht eilig, ich wollte sowieso ein bisschen in den Park gehen, um dort zu lesen und vielleicht trinke ich später in Sappio auch eine Granita, meine erste in diesem Jahr, hast du Zeit, dann lade ich dich ein, es ist doch schön heute, spielst du Geige?“ Und so redete Arion ununterbrochen auf das Mädchen ein und wunderte sich, dass er überhaupt nicht mehr stottern musste. Nur sein Herz klopfte nach wie vor so laut, dass er meinte, dass das Mädchen es hören musste. Das Mädchen ging ohne zu zögern weiter, sagte kein Wort, sondern schaute Arion immer mal wieder so ganz und gar keck von der Seite an und lächelte ein ganz bezauberndes Lächeln. „So lauf doch nicht so schnell, ich heiße übrigens Arion, ich kann auch nichts dafür, schon mein Großvater hieß so und mein Vater heißt so, das ist so in meiner Familie, mein Vater passt auf, dass mich niemand nur Ari ruft. Deine Geige hast du wohl sehr gern, du hältst sie so fest. Ganz schön warm heute, oder?“ Jetzt endlich blieb das Mädchen stehen, das heißt, sie waren an einer Bank angekommen. „Du kannst einen verrückt machen mit deinem Gequatsche, aber du bist lustig!“ Und das Mädchen zeigte wieder das Grübchen an der linken Wange. Arion hätte es am liebsten geküsst. Aber dazu fehlte ihm nun wirklich jeder Mut.
Ohne das darüber diskutiert wurde, setzten sich die beiden. Arion rechts von der Geige und das Mädchen links.
„Ich heiße Kaliopi, und ich kann auch nichts dafür, meine Urgroßmutter hieß so.“
Schon wollte Arion sagen „sehr angenehm“, aber das passte ja nun nicht hier her.
„Das ist ein wunderschöner Name und er passt ganz toll zu dir.
Schweigen.
„Ich muss jetzt wieder was sagen“, dachte Arion, aber Kaliopi half ihm aus seinen Hemmungen.
„Gehst Du noch zur Schule? Was steht denn heute so in der Zeitung? Wie alt bist denn Du eigentlich?“ Und nun war endlich der Bann gebrochen. Sie redeten völlig ungezwungen miteinander, sie lachten über Kleinigkeiten, sie redeten über den letzten Film, den sie zufällig beide schon gesehen hatten. Von Lehrern, die sie nicht mochten oder die komisch waren. Und sie erzählten sich von ihren Zukunftsträumen.
Arion wollte unbedingt Architekt werden. Er wollte wunderschöne Häuser bauen, mit klassischen Fassaden und Raum genug, dass eine ganze Familie mit mindestens drei Kindern und den Großeltern Platz hätte und natürlich mit Vorgarten am Haus und einem Abstellplatz für ein Auto. Ja, ein Auto, das würde er sich später sehr wünschen.
„Und ich will Geigerin werden, nichts als Geigerin. Natürlich in einem großen Orchester, vielleicht als Solistin. Ja und Kinder möchte ich auch haben – wie viele sagtest du, drei? Ja und in so einem Haus, wie du bauen willst, möchte ich auch gern wohnen,
und jetzt möchte ich die Granita trinken, die du mir versprochen hast“ sagte ganz selbstverständlich Kaliopi.
Arion steckte noch mal die Hand in seine Hosentasche und fühlte die Drachmen – reichten sie für beide und ein Buch? Ach, ade Buch - war die Welt nicht wunderschön?
Sie gingen auch in das Café in Sappion und tranken eine herrlich, eiskalte Granita.
Aber sie redeten nun kaum noch. Sie sahen sich nur noch an, lächelten einander zu und so ganz vorsichtig krabbelten ihre Finger auf dem Tisch zueinander und ihre Hände hielten sich auf einmal ganz fest. Inzwischen warf die Sonne lange Schatten und auf einmal stand Arion auf und sagte mit ernster und aufrichtiger Miene: „Kaliopi, wir werden jetzt auseinandergehen, jeder in seine Richtung und wir werden uns nicht umdrehen. Ich verspreche dir, wenn wir uns dann wieder über den Weg laufen, dann werde ich dich heiraten, sofort, dann sind wir füreinander bestimmt!“
Auf einmal war für Kaliopi die Sonne verschwunden, Kaliopi öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber es kamen keine Worte über ihre Lippen. Sie stand ebenfalls auf und nahm ihre Geige in den Arm. Ihre Augen füllten sich mit Wasser, als legte sich ein Schleier über ihre ersten zarten Gefühle und sie lächelte tapfer und nur ganz andeutungsweise. Da war wieder das Grübchen -
Arion nahm ihr Gesicht in beide Hände und gab einen Kuss auf dieses verführerische Grübchen. Damit drehte er sich um und ging. Es war sein erster Kuss.
Sie hielten Wort, keiner drehte sich um, jeder ging in seine Richtung. Ihre Wege trennten sich weit voneinander. Athen ist groß, sehr groß sogar und das Schicksal ist unberechenbar.
Am Anfang suchten sie sich in jeder Straße, in jedem Winkel und in jedem Park. Aber die Zeit hat ihre eigenen Gesetze und das Erwachsenwerden auch.

Heute, an einem sonnigen, frühsommerlichen Tag im April, wartet Arion auf seinen alten Freund Alexandros, mit dem er vor mehr als 50 Jahren das Abitur gemacht hatte.
Arion hatte am oberen Ende des Syntagmaplatzes in dem neuen Café Platz genommen, ein Buch vor sich und seine erste Granita in diesem Jahr.
Arion war alt geworden, müde von dem Stress in seinem Beruf. Er ist wirklich Architekt geworden. Aber Häuser baute er nicht, sondern Straßen, neue Verbindungen von dem einen Ende Athens bis zum anderen. Er hatte in den vergangenen Jahren zwar recht flott gelebt, aber geheiratet hat er nie. Athen hat sich verwandelt, die vielen Cafés rund um den Platz sind bis auf wenige verschwunden. Am oberen Ende gähnt der Schlund der Metro, der die Menschenmassen verschluckt und wieder ausspuckt. Autos brausen rund herum, statt Vogelgezwitscher hört man Hupkonzerte.  
Arion schaut traumverloren über den Platz und bemerkt gar nicht, dass Alexandros gekommen ist.

"Γεια σου, φίλε μου"
Aber Arion schaut gar nicht auf, sondern beginnt mit wehmütiger, ja sehnsüchtiger Stimme zu sprechen: „Ich stand heute an dieser Stelle, Alexandre, als ich überlegte, ob ich zuerst in die Akademias in den Buchladen gehen sollte oder ob ich erst eine Granita trinken sollte, da sah ich am anderen Ende, an der Ermou eine Frau. Alexandre, ich wusste nicht, wie mir geschah, es durchfuhr mich ein Schauer wie ein Blitz und in meinem Bauch hatte ich ein ganz flaues Gefühl. Glaube mir, Alexandre, ohne dass ich es wollte, trugen mich meine Beine dieser Frau entgegen. Es war eine schöne Frau, sie hielt einen Geigenkasten in der rechten Hand, schaute selbstbewusst nach rechts und nach links. Die Sonne ließ graue Strähnen in ihrem halblangen Haar wie Silber aufblitzen. Es blieben nur noch wenige Sekunden und wir würden uns gegenüberstehen. Ich spürte Röte in meinem Gesicht aufsteigen, ach und meine Kehle war ganz trocken und mein Herz klopfte so laut, dass es andere hören mussten. Sie hatte mich nicht wahrgenommen, aber dann verlangsamte auch sie ihren Schritt und sah mich kurz, irgendwie fragend an. Ich sah blaue Augen und entdeckte ein Grübchen an der linken Wange, aber schon war sie vorübergegangen. Obwohl ich mich rasch umdrehte, sah ich sie nicht mehr, die Menschenmenge, die zum Schlund der Metro strömte, hatte sie verschluckt - Kaliopi war’s."

“Γεια σου, Αλέξανδρε, θέλεις κι εσύ μια γρανίτα?„

“Καλύτερα έναν καφέ„

„Κύριε, θα μας φέρετε δύο καφέδες, παρακαλώ“.

Die beiden Freunde nahmen ihren Kaffee in die Hand, schlürften genüsslich daran und hingen schweigend dem verschwundenen Augenblick nach.

Marlisa Thumm, München, 2008

Nach oben