"Griechenland wurde mir in die Wiege gelegt"

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"Griechenland wurde mir in die Wiege gelegt"

Griechenland wurde mir mit in die Wiege gelegt, und das hier in Köln. Wie das kam?
1959 zogen meine frisch verheirateten Eltern nach Köln, wo mein Vater eine neue Arbeitsstelle und meine Mutter durch familiäre Beziehungen zur Kirche eine schöne Altbauwohnung fand.
Noch ohne Nachwuchs war die Wohnung viel zu groß, das junge Paar war auf jeden Groschen angewiesen, und so entschlossen sie sich, ein Zimmer zur Untervermietung abzutreten.

Nach einem Jahr anstrengender Erfahrung mit einer älteren, sehr exzentrischen Dame, hatte meine Mutter von weiblichen Mitbewohnerinnen, die den ganzen Tag zuhause und in ihrer Küche rumlungerten, die Nase voll. Ein Mann sollte es beim nächsten Mal sein, der den ganzen Tag einer geregelten Arbeit nachging und am liebsten noch am Wochenende zu seinen Eltern ins vertraute Nest heimflog, während ich 1960 ins bereitete Nest einzog.

Es begab sich, dass meine Mutter mit Inbrunst Romane und Filme mit historischem Inhalt verschlang, Helden und Heldinnen der Antike, die ihre Fantasie beflügelten. So entstehen Bilder im Kopf. Als nun das Zimmer ausgeschrieben war und die ersten Interessenten nicht ihre Zustimmung fanden, wurde schon überlegt, es dabei bewenden zu lassen. Doch dann meldete sich noch einer, der um eine Besichtigung bat. „Ich bin aber Grieche“, soll er schüchtern erwähnt haben.

die 70er Kosta SChwesterMutter Mutter Kosta ich Alt-Korinth

Als er dann im Türrahmen stand muss meine Mutter ihn verwundert angeschaut und gefragt haben: „Und Sie sind Grieche“? Weit entfernt von der Statur eines Ben Hur oder Spartakus, Filmhelden, die damals berühmt waren, stand ein schmaler kleiner Mann vor ihr, der sie ebenfalls überrascht anschaute. „Ich habe mir Griechen ein wenig kräftiger vorgestellt“, meinte sie und ließ ihn eintreten. Es muss Sympathie auf den ersten Blick gewesen sein, beidseitig, denn meine Mutter war damals die Verkörperung der schönen Helena aus Homers Illias. Zudem hieß sie auch Helene, versehen mit langem wallenden blondem Haar, was dem kleinen Griechen wie ein gutes Ohmen erschien, obwohl er sich geschworen hatte, bei Keinem einzuziehen, bei dem ein Baby oder Kleinkind die Feierabendruhe beeinträchtigten könnte. Griechen haben es in den Genen, an Zeichen und Ohmen, an Deutungen aus dem Kaffeesatz und dem Flug von Vögeln zu glauben. Mit meinem Vater verstand er sich auf Anhieb, glich dieser doch im Äußeren wie im Wesen einem Griechen wie aus dem Bilderbuch. Unser Kostas zog gleich am nächsten Tag bei uns ein.

Meinem Vater wurde er ein enger Freund, meiner Mutter ein Geschichtenerzähler über die antiken Mythologien, mir ein erster Spielkamerad und meiner Schwerster, die 1963 in unser Nest kam, ein Patenonkel.

1966 wurde der Freiheit unseres Kostas hier in Köln durch den väterlichen Rückkehrbefehl ein Ende bereitet. Er musste in sein Heimatdorf zurückkehren, um die großen Wein- und Obstplantagen zu übernehmen. Eine Frau, durch Familienabkommen schon ausgesucht, wartete dort auf ihn, ansonsten drohte Enterbung und Verstoß, nicht auszudenken bei einer griechischen Familie. So war das Leben noch auf dem Lande.

Im Frühjahr 1966 kehrte er also zurück, im gleichen Sommer besuchten wir vier ihn in seiner Heimat. Was sind schon 3.000 km in einem alten VW Käfer, den Führerschein gerade erst in der Tasche, wenn es um den Erhalt von Freundschaft geht? Seine Eltern, bei denen nun auch wir Unterschlupf fanden, wurden uns in diesen ersten Ferien Ersatzgroßeltern, die wir von da an jedes Jahr im Sommer besuchten, vollbeladen mit Gastgeschenken und Kostas Lieblingsgerichten, Leberwurst und Sauerkraut, auf der Hinreise, und Gastgeschenken und griechische Souvenirs auf der Rückreise. Noch heute liebe ich bei Weitem keine Souvenir- und Kitschläden, aber die in Griechenland haben ihre ganz besondere Anziehungskraft für mich, heute noch. So wie das Land nach wie vor. Wo anders kann das Paradies sein? Die Schönheit dieses Erdenflecks ist so vielfältig und einmalig, so gastfreundlich und ursprünglich und uns in unserer Kultur so nah.

im Kreise der ganzen Familie von Kostas

Natürlich begannen wir in den Siebzigern, auch andere Länder, vornehmlich in den Sommerferien, zu bereisen, so dass jährlich abgewechselt wurde in unserer Mittelmeeraffinität. Griechenland, Italien, Griechenland, Spanien, Griechenland, Frankreich und so fort. Meine Eltern zogen das durch bis wir erwachsen waren und selbst entschieden, wo wir Urlaub ohne Eltern verbringen wollten. Und wo zog es mich hin, als ich das erste Geld verdiente? Meinen Eltern hinterher, aber mit eigenem Auto, an den Golf von Korinth, 3000 Kilometer non-stop.

Seit meiner Kindheit verliere ich mich in der griechischen Musik, obwohl ich kein Wort verstehe. Theodorakis natürlich, Chatzidakis, Vieles habe ich heute noch auf Langspielplatten und damals natürlich auch auf Kassetten für das Auto. Meine eigenen Kinder verdrehten die Augen, wenn ich wieder einmal meinen „Griechenlandtick“ bekam und stundenlang Musik hörte, die sie nicht verstanden. Mein persönlicher Reichtum wächst unaufhörlich.

Meine Eltern und unser Kostas sind nicht mehr.
Keiner erwartet von mir, diese Hinterlassenschaft fortzusetzen. Doch ich tue es. Sie haben ihre Samen gesät und diese haben gekeimt. Die Wurzeln geben Halt. Die Haustüren stehen weiterhin offen und werden in regelmäßigen Abständen durchschritten.

Ich bewahre stets “Ithaka“ in meinen Gedanken. Dort anzukommen ist mein Ziel. Aber ich beeile mich nicht.

Lydia Kluetsch

Dieser Beitrag sowie die Fotos wurde uns im Rahmen unseres Leserwettbewerbes zum zehnjährigen Jubiläum der Griechenland Zeitung von Frau Lydia Kluetsch zugeschickt. Wir möchten uns dafür ganz herzlich bedanken!

 

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