Exodus ins Glück

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Exodus ins Glück

Anfang der 90er Jahre – also 20 Jahre vor unserem Renteneintritt – beschlossen wir, unseren Lebensabend irgendwo im Süden Europas zu verbringen. Nach unserem ersten Urlaub auf Rhodos war es klar: es soll in Griechenland sein. In den nächsten Jahren verbrachten wir unsere Ferien jeweils auf verschiedenen Inseln. 2005 hatten wir DEN Platz für uns gefunden: Kerkyra, immer grün und nicht zu heiß.

Wie überall vorher wurden wir freundlich, ja geradezu liebevoll empfangen, denn das war es, warum wir nach Hellas auswandern wollten: die Menschen und die Landschaft. Trotzdem setzten wir unsere Suche in 4 weiteren Sommeraufenthalten in anderen Gegenden von Hellas fort, aber unser Herz gehörte schon längst fest der Ionischen Insel und ihren Bewohnern.

Im folgenden Sommer kehrten wir dorthin zurück und fanden in einer kleinen Ansiedlung nicht weit der Inselhauptstadt ein Haus mit großem Garten und – wovon wir immer geträumt hatten – vielen alten Olivenbäumen. Obwohl wir unsere Jobs liebten, konnten wir ab dann den Eintritt in die Rente kaum noch erwarten. Bis dahin knüpften wir im Sommer während des „Urlaubs im eigenen Haus“ die ersten Kontakte im zukünftigen neuen Zuhause. Was immer für Haus und Grund an Hilfe und Rat benötigt wurde, wir erhielten es von griechischen Nachbarn und Freunden, auch wenn unsere 2-jährige sprachliche Vorbereitung in Abendkursen in Deutschland noch nicht für eine Kommunikation in Landessprache ausreichte. Wann immer möglich, versuchten wir unsere Griechisch-Vokabeln bei unseren Einkäufen und Unternehmungen anzuwenden und wurden öfter liebevoll korrigiert. Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass wir den Einheimischen gegenüber immer respektvoll und höflich begegnen und wir schämten uns manchmal sehr für unsere deutschen Landsleute, wenn sie dies während ihrer Ferien nicht taten.

Vor dreieinhalb Jahren war es dann endlich soweit: Exodus aus Germania. Wir verkauften unser deutsches Haus und übersiedelten mit unserem gesamten Hausstand auf UNSERE Insel. Wir leben seitdem dauerhaft hier in unserem „Klein-Europa“, denn unsere Nachbarschaft besteht aus Griechen, Engländern, Belgiern und Schweizern. Eine friedliche Gemeinschaft, wenn nur das große Europa auch so gut funktionieren würde!

Als wir Deutschland verließen, waren die auch heute noch anhaltenden Probleme des Landes dank der Medien in tiefschwarzen Farben täglich aufs Neue zu lesen. Viele Freunde in unserer alten Heimat warnten uns gutgemeint, aber wir blieben bei unserem Plan und haben es nicht einen Tag bereut. Ja, über unserem Paradies hier schweben manchmal auch dunkle Wolken, aber die Herzenswärme und Hilfsbereitschaft unserer griechischen Freunde und Nachbarn, die wunderschöne Landschaft zu jeder Jahreszeit, das Essen und der Wein, das Meer und die Berge machen das alles wieder wett. Wir haben viele unserer deutschen Eigenschaften sehr schnell abgelegt und fühlen uns großartig dabei. Der mediterrane Lebensstil wirkt sich positiv auf Leib und Seele aus (sagt uns auch immer wieder unsere Personenwaage). Was kann mehr für die innere Zufriedenheit tun, als Meze und Wein im Schatten zweier großer, alter Olivenbäume. Sitzen, schauen und oft einfach schweigend genießen. Immer endet diese Zeit mit der Erkenntnis: da haben wir doch alles richtig gemacht!

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Was uns mit diesem Land verbindet sind die vielen kleinen Erlebnisse jeden Tag: die Freundlichkeit der Kassiererin im Supermarkt, wenn sie uns wiedererkennt beim Einkauf; die Hilfsbereitschaft der Shop-Angestellten, wenn sie das gewünschte selbst nicht haben, aber einem mit einer Adresse weiterhelfen; die Freude des Restaurantbesitzers, wenn man wieder einmal einkehrt und er sich an unseren Tisch setzt und man wie sehr alte Freunde plaudert; der Moment, wenn man bei der Ernte der eigenen Oliven mitgeholfen hat und der Mühlenbetreiber einem die Flaschen mit Olivenöl vom den eigenen Bäumen aushändigt; der Ausflug ans Meer, wenn die Touristen abgereist sind und man alleine ist mit dem Rauschen der Wellen; der ergreifende Moment, wenn zu Ostern das heilige Licht aus der Kirche weitergereicht wird von Kerze zu Kerze hinaus in den Straßen; wenn man durch die historischen Gassen schlendert und sich inmitten der Einheimischen in einem Kafenion niederlässt und sehr oft herzlich in Gespräche einbezogen wird in einem Mix aus Sprachen;  wenn man im Kühlregal einen geräucherten Fisch liegen sieht (wie man ihn aus Deutschland kennt) und man dann Zuhause erkennt: in Hellas wird der Fisch MIT Inhalt geräuchert; wenn der selbstgepflanzte Zitronenbaum zum ersten Mal viele Früchte trägt und gleichzeitig blüht; wenn die Mutter eines Handwerkers plötzlich ganz eifrig auf der Wiese Grünzeug abpflückt (das man als Unkraut eingestuft hatte) und einem Anweisungen zur Zubereitung als Salat gibt oder wenn man in der Hitze des Sommers vor der eigenen Haustür sitzt und eine „Griechische Milch“ (Ouzo mit Wasser) trinkt. Diese Aufzählung könnten wir noch endlos fortführen oder es in einem Satz zusammenfassen: So sieht wahres und stilles Glück aus.

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Wir wünschen diesem Land und seinen Menschen, dass WIR die Krise bald überwunden haben und alle dieses Glück wieder spüren können. Αντίο και καλή τύχη!

Hellmann

Dieser Beitrag sowie die Fotos wurde uns im Rahmen unseres Leserwettbewerbes zum zehnjährigen Jubiläum der Griechenland Zeitung von Herrn Hellmann zugeschickt. Wir möchten uns dafür ganz herzlich bedanken!

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