Byzantinisches Erbe am Hausberg Athens: Klöster des Hymettos, Teil 1

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Byzantinisches Erbe am Hausberg Athens: Klöster des Hymettos, Teil 1

Der Hymettos ist nicht nur eine grüne Lunge für die Hauptstadt Griechenlands. Der Berg beherbergt auch eine Handvoll Klöster, die winters und sommers als Ausflugsziel lohnen. In diesem ersten Teil wird das Kloster Kaisariani vorgestellt, das fraglos das wichtigste Kloster am Hymettos ist.

Der Hymettos (gr. Υμηττός / Ymittós) ist seit alters von besonderer Bedeutung für Athen. Sein bis zu 1026 Meter aufragendes, lang gestrecktes Massiv erhebt sich machtvoll im Osten der griechischen Hauptstadt und grenzt diese gegen das attische Binnenland ab, die Mesogia (Μεσόγεια). In der Antike wurde der einst dicht bewaldete Hymettos wegen seines Kräuterreichtums und der Qualität des dort produzierten Honigs gerühmt. Sein Holz verwendeten die Athener zum Hausbau, und auch sein Marmor wurde abgebaut. Das reichlich vorhandene Wasser nutzte man für den städtischen Bedarf. Schon früh waren auch verschiedene Kulte auf dem Hymettos eingerichtet geworden, eine Tradition, die sich nach dem Ende der heidnischen Antike dann bis ins byzantinische Mittelalter fortsetzte. So entstanden an seinen Hängen Kirchen und Klöster, die auch die Jahrhunderte der osmanischen Besatzung überdauern sollten und zum Teil noch heute in Betrieb sind.

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Kaisariani: Schönes, historisches „Mosaik“

Die bedeutendste dieser Anlagen ist zweifellos das Kloster Kaisariani (auch Kesariani, Μονή Καισαριανής), das oberhalb des gleichnamigen Athener Stadtteils inmitten des Waldes liegt. In der Antike soll in dieser Gegend ein Aphrodite-Kult ansässig gewesen sein, und so bezeichnete man sie noch im 19. Jahrhundert als „Gärten der Venus“. Kiefern, Zypressen und Platanen bilden eine herrliche Kulisse für die malerische Klosteranlage mit ihrer wehrhaften Umfassungsmauer. Heute nicht mehr bewohnt ist es dem Besucher als Museum zugänglich. Nicht weit vom Athener Stadtzentrum entfernt bietet sich hier die Gelegenheit, in landschaftlich außerordentlich reizvoller Lage eines der wichtigsten nachantiken Denkmäler Griechenlands kennen zu lernen. Überdies lässt sich sehr anschaulich auch dessen Vorgeschichte nachvollziehen. Die erhaltenen Zeugnisse sind ein beredtes Beispiel dafür, wie sich in spätantiker Zeit am Platz, oder doch zumindest in der Nähe eines antiken, heidnischen Kultes das Christentum installiert und damit eine eigene Tradition begründet hat, die nahtlos ins Mittelalter und weit darüber hinaus fortreichte.
Schon der kurze Fußweg von der Straße hinauf zum Kloster stimmt auf die Besonderheit des Ortes ein. Betritt man die Anlage dann durch die Pforte in ihrer Westmauer, glaubt man, in eine längst vergangene Zeit einzutauchen. Friedvoll und still öffnet sich der beschauliche, baumbestandene Klosterhof mit seinen Gebäuden. Während die ehemaligen Zellen der Mönche sowie die Trapeza, das Refektorium, von innen an die Außenmauer angeschoben sind, erhebt sich die Kirche frei in der Hofmitte. Architekturteile früherer Bauten liegen umher. Das ganze Ensemble vermittelt dem Besucher einen durchaus harmonischen Gesamteindruck, auch wenn die einzelnen Teile aus unterschiedlichen Zeiten stammen. In ihrem Kern geht die heutige Anlage aufs 11. Jahrhundert zurück, in eine Zeit also, die für das byzantinische Reich von einer enormen kulturellen Blüte geprägt war, in deren Verlauf es politisch dann allerdings auch in sehr schweres Fahrwasser geriet. Damals entstand das Katholikon des Klosters, seine Hauptkirche, die der Muttergottes geweiht ist, präziser gesagt der Einführung Mariens in den Tempel (Εισόδια της Θεοτόκου / Eisódia tis Theotókou). Sie folgt dem bekannten Typus der Kreuzkuppelkirche, bei dem sich über dem Schnittpunkt zweier Kreuzarme im Zentrum des Baus eine Kuppel erhebt. Die eingefügten Eckräume geben ihm nach außen seine rechteckige Grundform. Im Inneren hat man bei der Errichtung in größerem Maße auf bereits vorhandenes Baumaterial zurückgegriffen, auf so genannte Spolien. Dazu zählen die schönen, aus frühchristlicher Zeit stammenden Schrankenplatten des Altarraumes ebenso wie die Säulen, welche die Kuppel tragen. Eine solche Verwendung älterer Bauteile hatte natürlich immer auch den Effekt wirtschaftlicher Ersparnis – schließlich brauchten nicht eigens neue Werkstücke hergestellt zu werden –, besonders mit Blick auf die Schrankenanlage darf aber gerade auch der zuweilen klar im Vordergrund stehende ästhetische Aspekt keineswegs unterschätzt werden. Ganz bewusst muss man sich hier des frühen, sicher entsprechend wertgeschätzten Materials bedient haben, um auf diese Weise auch einen dekorativen Akzent zu setzen. Noch der jetzige Besucher kann sich leicht davon überzeugen, dass dieses Vorhaben auch durchaus gelungen ist.

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Beheizung nach antiken Vorbildern

Die heutige Erscheinung der Kirche wird allerdings – wie im Übrigen jene des gesamten Klosters – stark geprägt durch spätere Arbeiten aus osmanischer Zeit. Diese sind ein deutlicher Ausdruck jener Blüte, die Kaisariani auch während der Türkenherrschaft erlebte. So fügte man dem Katholikon im 17. Jahrhundert an der Zugangsseite einen Narthex hinzu, eine Vorhalle; von Süden her wurde eine kleinere Kapelle angeschoben, die dem Heiligen Antonios geweiht ist. Und auch die Malereien im Inneren der Kirche stammen nicht aus der Zeit ihrer Errichtung, sondern wurden offensichtlich erst im 18. Jahrhundert ausgeführt. Sie sind damit noch später als die Ausmalung des Narthex, die 1682 der von der Peloponnes stammende Ioannis Ypatos vornahm. Dessen Arbeiten wurde von Ioannis Benizelos aus Dank dafür finanziert, dass er mit seiner Familie im Kloster Aufnahme gefunden hatte, während Athen von der Pest heimgesucht wurde. Die älteste noch erhaltene Malerei findet sich interessanterweise an der ehemaligen Außenmauer der Kirche, in der später angefügten Antonios-Kapelle. Sie zeigt eine in Gebetshaltung dargestellte Maria aus dem 14. Jahrhundert. Die übrige Ausstattung der Kapelle dürfte etwa zeitgleich mit jener des Narthex sein.
Aus osmanischer Zeit stammen auch die großen Gebäude der Trapeza und des Zellentrakts. Dagegen ist der einzige Bau des Klosters, der neben der Kirche ebenfalls ins 11. Jahrhundert zurückreicht, das Badehaus mit seiner Kuppel. Es wurde später zwar in eine Ölmühle umgewandelt, seine Grundstrukturen sind aber dennoch gut erfassbar und geben deutlich zu erkennen, dass die Raumabfolge ganz dem bereits in der römischen Antike für solche Anlagen entwickelten Schema entsprach. Auch die Art und Weise seiner Beheizung folgte den antiken Vorbildern. In den mittelalterlichen Klosteranlagen Griechenlands sind nicht viele solcher Badeanlagen erhalten, umso bedeutender ist das Beispiel in Kaisariani. Gerade kulturgeschichtlich kommt ihm ein ganz besonderes Gewicht zu, ist es doch ein klarer Hinweis auf den hohen Stellenwert, der dem Bad im Leben der Mönche damals noch zukam. In dieser Hinsicht hat sich im Verlauf der Zeit manches geändert, und so war es später dann nur folgerichtig, auch das Badehaus von Kaisariani einer neuen Nutzung zuzuführen.

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Wein, Öl, Honig und viel Kultur

Bei der Anlage des Bades konnte man sich einer der vielen Quellen bedienen, die die Gegend von Kaisariani auszeichnen. Bereits in römischer Zeit dürften sie eine Bautätigkeit in diesem Bereich befördert haben. So sind entsprechende Reste nicht nur im Klosterhof selbst nachweisbar, sondern auch auf einer kleinen Höhe nahebei. Dort wird es sich aufgrund der erhaltenen Marmorfragmente wohl um ein Heiligtum gehandelt haben. In dessen Nachfolge trat in frühchristlicher Zeit dann eine dreischiffige Basilika, die im 5. oder 6. Jahrhundert die christliche Tradition von Kaisariani begründete und von der die frühchristlichen Spolien im Kloster stammen. Über ihren Fundamenten entstand im 10. Jahrhundert eine den Taxiarchen, also den beiden Erzengeln Michael und Gabriel geweihte Kirche. Nach der Eroberung Athens durch die katholischen (gr.: „fränkischen“) Invasoren wurde daneben eine Kapelle für den Heiligen Markus errichtet, die der Abhaltung katholischer Gottesdienste diente. Ihre bis zum Gewölbe anstehende Ruine bestimmt heute ganz entscheidend die besondere Wirkung des Platzes, der auch als Frangomonastiro (Φραγκομονάστηρο) bekannt ist. Der herrliche Blick von hier oben reicht weit über die griechische Hauptstadt bis hinab zum Saronischen Golf. In späterer Zeit wurde der Hügel als Friedhof für die verstorbenen Väter des Klosters genutzt. Die zugehörige Kapelle des 17. Jahrhunderts, ebenfalls den Taxiarchen geweiht, erhebt sich neben dem früheren Bauresten.
Im Verlauf seiner Geschichte entwickelte sich das Kloster Kaisariani nicht nur zu einem spirituellen, sondern dank herausragender Persönlichkeiten unter seinen Äbten auch zu einem wichtigen intellektuellen Zentrum. Seine Schule sowie die umfangreiche Bibliothek waren weithin berühmt. Wohlstand war ihm beschert durch reichen Landbesitz, die Mönche widmeten sich der Kultivierung von Olivenbäumen ebenso wie dem Anbau von Wein, der Bienenzucht genauso wie der Pflege von Heilkräutern. Als Sultan Mehmed II., der Eroberer Konstantinopels, 1458 nach Athen kam, soll er in Kaisariani vom Abt des Klosters die Schlüssel der Stadt in Empfang genommen haben. Mag es sich bei dieser Erzählung auch um eine Legende handeln, verweist sie doch auf die Bedeutung, die das Kloster zu jener Zeit innehatte. Sicher ist jedenfalls, dass Mehmed Kaisariani mit großzügigen Privilegien ausgestattet hat, so dass es auch künftig eine herausragende Stellung bewahren konnte. Diese wurde zudem durch eine vom Patriarchat in Konstantinopel verfügte Unabhängigkeit des Klosters von der Athener Metropolie gefördert. Mit deren Entzug im Jahre 1792 ging dann aber doch der letztlich unaufhaltsame Niedergang des Klosters einher, der einige Jahrzehnte später schließlich in seiner Aufgabe gipfelte. 1921 ging es in den Verantwortungsbereich des Archäologischen Dienstes über, in den Jahren 1952 bis 1955 wurde es aufwändig restauriert. Den Anstoß zu diesen Arbeiten gab die hochverdiente Kaiti Argyropoulou, die als Präsidentin der „Athener Vereinigung der Freunde des Waldes“ (Φιλοδασική Ένωση Αθηνών / Filodasikí Énosi Athinón) Wiederaufforstungsarbeiten am Hymettos, und dabei ganz besonders auch in der Umgebung des Klosters Kaisariani initiierte und engagiert vorantrieb. Ihr zu Ehren wurde unweit des Klosters ein kleines Denkmal errichtet.

Jens Rohmann

Fotos: © Jens Rohmann

Anfahrt: 
Das Kloster Kaisariani ist leicht zu erreichen. So kann man von der Leoforos Katechaki Alimou am Abzweig Richtung Kaisariani abbiegen und dann den entsprechenden Hinweisschildern zum Kloster folgen. Bereits im Zentrum Athens ist Kaisariani auch von der Leoforos Vasileos Konstantinou über Pangrati ausgeschildert. Nicht mehr weit vom Kloster entfernt kann man gezwungen sein, ein Verbotsschild zu ignorieren, das eigentlich für das Nachtfahrverbot gilt. Mit Ausnahme des Montags ist das Kloster täglich von 8.30 bis 15 Uhr geöffnet. Eintritt: 2 Euro.
Zum Hügel mit der frühchristlichen Basilika führt der Weg unmittelbar gegenüber der Klosterpforte hinauf (ca. 5 Minuten Gehweg). Das Denkmal für Kaiti Argyropoulou erreicht man, indem man sich beim Verlassen des Klosters nach links die Straße hinauf hält, an dem dann folgenden Haus nach rechts hinaufgeht, um sich dahinter gleich wieder nach links zu wenden. An der nächsten Gabelung führt der rechte Abzweig zum Denkmal (ca. 5 Minuten Gehweg).

 

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