Delphi oder der Nabel der Welt

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Delphi oder der Nabel der Welt
Wo Staatsmänner und Privatleute Rat und Hilfe suchten Von Martina Attenberger Eine Reise ins antike Delphi unternahm im alten Griechenland nicht nur der, der sich für die dortigen Wettkämpfe interessierte, sondern auch der Ratsuchende, sich vom berühmten Orakel Hilfe und Weissagung erhoffend. Alle acht – später alle vier Jahre – fanden Wettkämpfe zu Ehren des Musengottes Apollon statt.
für die dortigen Wettkämpfe interessierte, sondern auch der Ratsuchende, sich vom berühmten Orakel Hilfe und Weissagung erhoffend. Alle acht – später alle vier Jahre – fanden Wettkämpfe zu Ehren des Musengottes Apollon statt. Dieser, Gott des Lichtes und des Verstandes, Sohn des Zeus, stand an jedem Siebenten eines Monats durch das Orakel jedem griechischen Bürger „zur Verfügung". Das mystische Parnassgebirge am korinthischen Golf war in der Antike auf dem Landweg nur mühsam zu erreichen und eine Seereise konnte sich nicht jeder leisten – der einfache Mann musste lange darauf sparen.Noch heute gilt Delphi ob seiner Heiligtümer als ein Höhepunkt jeder Griechenlandreise. Doch wer sich heute auf den Weg macht, kann das nicht nur jederzeit tun, sondern hat auch die Wahl, bequem mit Pkw oder Überlandbus die gut ausgebauten Straßen zu benutzen; von Athen aus kommend gelangt der modern Pilger in knapp drei Stunden später unbeschwert an jenen von Sagen umwobenen Ort.

Huldigung der Götter mit Opfergaben und Ritualen

Der Bus hält im Städtchen. Der Besucher der Kultstätte geht die Straße zurück bis zu dem 1880 wieder entdeckten und seitdem ausgegrabenen heiligen Ort am Berg. Zu dessen Füßen liegt heute das Archäologische Museum von Delphi. Die Anlage selbst, vom nackten Felsen bewacht und reich an Geschichte, erstreckt sich im Anschluss an das Museum, den steilen und karg bewachsenen Hang hinauf. Die derzeitige „Opfergabe" beträgt neun Euro Eintrittsgeld für Anlage und Museum.

Der Weg führt vorbei an den Ruinen ehemaliger Säulenhallen, an den Resten der Waschhäuser, die geheiligtes Quellwasser zur Reinigung bereithielten, vorbei an Plätzen und Schatzhäusern griechischer Stadt- und Inselstaaten. Wer in der Antike hierher kam, huldigte den Göttern mit Opfergaben und Ritualen, mit Waschungen und Weihegaben, bevor er den Wettkämpfen zusah oder sich für die Orakelbefragung anmeldete.

Einstige Inschriften am Schatzhaus der Athener

Von hier aus gelangt man direkt zum Schatzhaus der Athener, welches restauriert wurde und nun teilweise in hellem Stein erstrahlt. Hier befanden sich neben den wertvollen Opfergaben und Staatsschätzen einst auch Steintafeln mit Inschriften von Liedern und Gedichten zu Ehren des Musengottes. Diese freilich stehen heute im Museum. Eine der Inschriften wird für eine der ersten vollständig entwickelten Notenschriften, in Stein gemeißelt, gehalten. Tatsächlich geht der Weg der ersten Notation auf Griechenland und auf das 7. Jahrhundert zurück.

Da die pythischen Spiele musische, dem Musengott Apollon zu Delphi gewidmete Veranstaltungen waren, ist es nicht verwunderlich, derartige Inschriften in Delphi zu finden. Der Begriff der Muse ist ein allumfassender Begriff, der nicht nur das Singen oder das Spielen eines Instrumentes meint, sondern ebenso den Vortrag von Lyrik, den Rhythmus und den Tanz, die Bildhauerei und die Malerei.

Der Weg im alten Delphi war einst mit wertvollen Statuen aus Marmor und Bronze gesäumt – Geschenke und Danksagungen reicher Besucher. Er führt weiter hinauf zur ehemals mächtigen Säulenhalle, die heute nur noch in Umrissen und einigen kleinen Säulen zu erkennen ist. Hier wurden früher weitere Weihegaben und Beuteschätze als Demonstration von Ruhm, Reichtum und Macht gezeigt.

Gefangene und Sklaven,die um ihre Freiheit ersuchten

Auf der Mauer der Terrasse zum Tempel des Apollon, von dem noch eine breite Rampe und einige wenige Säulen zu sehen sind, kann man noch die Namen der Gefangenen und die all der Sklaven lesen, die einst um ihre oft teuer erkaufte Freiheit ersuchten. Wir können heutzutage den unschätzbaren Wert der persönlichen Freiheit nur noch schwer nachvollziehen.

Oft zweideutige Antworten für die Ratsuchenden

Und hier also, im Inneren des damaligen Tempels, soll es gewesen sein, das berühmte Orakel, welches im Altertum vom Staatsmann wie vom Privatmann um Rat und Hilfe ersucht werden konnte. An jedem Siebten eines Monats soll die Pythia – eine jungfräuliche Priesterin - auf einem Dreifuß sitzend und von Dämpfen berauscht, Lebensgeschichten und Fragen der Menschen erhört und schließlich eine Antwort als Weissagung „hervorgestoßen" haben, würdige Priester „übersetzten" diese dann in schriftliche – oft zweideutige –Texte und übergaben sie dem Ratsuchenden. Welch eine Zeit war das damals? Alltagsprobleme wie etwa die Kinderlosigkeit mag die Menschen hierher getrieben haben. Aber auch öffentliche und politische Fragen, Machthunger und ein unerschütterlicher Glaube an die regulative Kraft der Weissagungen und des ersehnten Blicks in die Zukunft ließ den sich Sorgenden den beschwerlichen Weg hierher auf sich nehmen, um Information, Rat und Antworten zu finden, die er sich selbst nicht geben konnte. Der göttliche Rat der Pythia galt damals als sehr fortschrittlich, denn bereits damals stand Apollon für Toleranz, Barmherzigkeit und Rechtsstaatlichkeit.

Die Weissagung für den lydischen König Krösus

Doch wie viele unheilvolle Schicksale mögen hier wohl durch die oft widersprüchlichen Weissagungen beschieden worden sein? Eine der bis in die heutige Zeit bekanntesten Weissagungen ist die für den lydischen König Krösus. Dieser befragte das Orakel, ob es wohl richtig sei, die Perser anzugreifen. Als er die Antwort erhielt, dass ein großes Reich untergehen werde, zog er frohen Mutes und nach Macht strebend in den Krieg gegen den mächtigen Gegner, wodurch er sein eigenes Reich verlor.

Zwei Adler und der Mittelpunkt der Welt

Der Blick des Besuchers wandert über die Bergwelt und den nackten Felsen oberhalb der Anlage. Friedliche Stimmung, klare Luft und eine unbeschreibliche Stille liegen über dem Land. In den damals unruhigen Zeiten wurde für die antiken Spiele der Frieden extra angeordnet, und dieser war unbedingt einzuhalten.

Zurück zum Ort des Geschehens sucht das Auge ihn bereits, den Stein, der den Mittelpunkt der Erde bedeutete, und da liegt der Omphalos als Nachbildung aus Kalkstein (antike Nachbildung im Museum zu Delphi), etwas entfernt vom Tempel – der Nabel der Welt.

Einst ließ Zeus – so die Sage – zwei Adler fliegen, den einen von Osten nach Westen, den anderen von Westen nach Osten. Genau hier sollen sie sich getroffen haben, und so wurde diese Stätte mit einem eiförmigen Stein (Glücksbringer), einem „Omphalos", gekennzeichnet und war seit dem 8. Jahrhundert die Mitte der griechischen Welt.

Männer aus den sportlichen Eliten der Gymnasien

Etwas oberhalb der „griechischen Mitte" befindet sich das Theater. Hier wurden die musischen Spiele mit Musik- und Gesangswettbewerben zur Kithira sowie Lesungen aufgeführt, welches eine Besonderheit in Delphi war.Hoch über der Anlage, im alten Stadion, wurden die gymnastischen Wettkämpfe ausgetragen. Nach olympischem Vorbild – wie auch bei allen panhellenischen Spielen – kämpfte der Athlet, an Körper und Geist gebildet, nackt, welches die Harmonie der Schönheit des gestählten Körpers und der Seele zum Ausdruck bringen sollte. Nur Männer griechischen Ursprungs waren zugelassen. Sie stammten aus den sportlichen Eliten der Gymnasien, die es in jeder griechischen Stadt gegeben hat. Als klassische Sportarten standen immer – wie noch zu unserer Schulzeit – Einzelwettkämpfe im Laufen, Weitsprung, Diskus- und Speerwerfen auf dem Programm. Später kamen Varianten hinzu: Ringen und Faustkampf sowie Wagenwettkämpfe mit Pferden. Jeder Spieler legte – wieder nach olympischem Vorbild – genau wie seine Richter einen Eid ab, sich fair und gemäß den Regeln zu verhalten. Dieser Eid blieb bis in die Zeit unserer heutigen Wettkämpfe erhalten, und bis heute werden Übertretungen geahndet.

Weit unten im Tal: Das korinthische Meer

Weit unten im Tal liegt das korinthische Meer, märchenhaft und glatt wie ein Spiegel, gesäumt von silbrig glänzenden Olivenwäldern. An diesem alten Sagenort verschmelzen zwei Welten miteinander. Ein Hauch von Mystik liegt in der Luft, ein Sein neben dem Sein, das den Besucher ergreift mit dem leisen Gefühl von damals und heute.

© Griechenland Zeitung

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