Die heilende Kraft von Träumen oder: Kurbetrieb in der Antike

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Die heilende Kraft von Träumen oder: Kurbetrieb in der Antike
Ein Tagesausflug zum Amphiareio von Oropos, einem antiken Traumorakel an der Grenze zwischen Attika und Böotien. Von Sebastian Zerhoch Bald könnte der Alptraum, dass Athen irgendwann ganz Attika verschlingen und der Unterschied zwischen Stadt und Land gänzlich verschwinden wird, Wirklichkeit werden.
ont face="Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif" size="1">Bald könnte der Alptraum, dass Athen irgendwann ganz Attika verschlingen und der Unterschied zwischen Stadt und Land gänzlich verschwinden wird, Wirklichkeit werden. Noch ist es jedoch nicht soweit, wie ich mich vor einigen Wochen überzeugen konnte, als ich mit dem Bus aus der Stadt fuhr, um mir das nach dem Heros Amphiaraos (Αμφιάραος) benannte antike Kurzentrum Amphiareio (Αμφιάρειο) im Nordosten Attikas anzuschauen. Es war ein herrlicher Herbsttag, und als ich in Kalamos auf dem Dorfplatz ausstieg und mich auf den Weg zum Amphiareio machte, entsprach alles genau meinen mitgebrachten Vorstellungen von einem ländlichen Attika: Von dem Bergrücken, auf dem das Dorf erbaut ist, öffnete sich in Richtung Nordosten eine traumhafte Aussicht über das „veilchenfarbene" Meer in der Tiefe hinüber auf die hohen Berge von Euböa, und nach vier Kilometern Fußweg vorbei an Pinien, Oliven und Reben tauchten plötzlich in einer Rechtsbiegung zwischen einigen Platanen Säulen und Ruinen auf. Entlang eines kleinen Bachlaufs in einem schmalen Waldtal gelegen, passt sich das Amphiareio perfekt dem ländlichen Charakter der Umgebung an. Die antike Stätte ist überschaubar und durch den Verlauf des Baches in zwei Teile gegliedert. Auf dem linken Ufer befinden sich die Überreste der offiziellen und heiligen Stätten, auf dem rechten eine kleine Wohnsiedlung für die Kurgäste. In der Antike betrat man das Gelände von Nordosten her, also von Oropós (dem heutigen Skala Oropoú) kommend. Auf eine lange dorische Säulenhalle folgt eine Reihe von Statuenbasen mit Inschriften von Gästen, die von der Polis Oropos, zu der das Heiligtum gehörte, zu Gastfreunden gemacht worden waren. Ein Tempel, ein großer Altar und eine heilige Quelle bilden den Abschluss auf der linken Bachseite.

Mythos

Aus der Quelle unterhalb des Tempels soll Amphiaraos, einer der Sieben, die gegen Theben kämpften, als Gott aus der Erde wieder aufgestiegen sein, nachdem ihn Zeus mit einem Blitz versengt und ihn eine Erdspalte verschluckt hatte. So schreibt zumindest Pausanias, der Griechenland im 2. Jahrhundert n. Chr. bereiste. Die Vergöttlichung eines mythischen Helden war in der antiken griechischen Religion nichts Ungewöhnliches. So genannte Heroen wurden in fast jeder griechischen Polis verehrt, und oft gibt es einen Mythos, bei dem die Geburt aus der Erde oder das spurlose Verschwinden in der Erde und das anschließende Wiederauftauchen eine Rolle spielen. Zum Beispiel wurde auch Ödipus am Ende seines Lebens zu einem solchen Heros, wie Sophokles in seiner letzten Tragödie „Ödipus in Kolonos" erzählt. Ein anderes Beispiel ist der mythische König von Athen, Erechthonios (oder Erechtheus), der von Gaia, der Erde, geboren und von Athene großgezogen wurde. Nach ihm ist das Erechtheion auf der Akropolis benannt. In der Antike wurden nicht nur die bekannten zwölf olympischen Götter kultisch verehrt, sondern auch diese Heroen. Sie standen als Tote, also ehemalige Menschen, dem einzelnen mit seinen Sorgen näher als die Götter, und oft wurden ihnen heilende oder weissagende Kräfte zugeschrieben. Im Falle des Amphiareio wurde dem Heros sogar ein eigener Tempel errichtet. Den großen Altar vor dem Tempel musste er sich allerdings, wie Pausanias schreibt, mit anderen Göttern teilen.

eben, die gegen Theben kämpften, als Gott aus der Erde wieder aufgestiegen sein, nachdem ihn Zeus mit einem Blitz versengt und ihn eine Erdspalte verschluckt hatte. So schreibt zumindest Pausanias, der Griechenland im 2. Jahrhundert n. Chr. bereiste. Die Vergöttlichung eines mythischen Helden war in der antiken griechischen Religion nichts Ungewöhnliches. So genannte Heroen wurden in fast jeder griechischen Polis verehrt, und oft gibt es einen Mythos, bei dem die Geburt aus der Erde oder das spurlose Verschwinden in der Erde und das anschließende Wiederauftauchen eine Rolle spielen. Zum Beispiel wurde auch Ödipus am Ende seines Lebens zu einem solchen Heros, wie Sophokles in seiner letzten Tragödie „Ödipus in Kolonos" erzählt. Ein anderes Beispiel ist der mythische König von Athen, Erechthonios (oder Erechtheus), der von Gaia, der Erde, geboren und von Athene großgezogen wurde. Nach ihm ist das Erechtheion auf der Akropolis benannt. In der Antike wurden nicht nur die bekannten zwölf olympischen Götter kultisch verehrt, sondern auch diese Heroen. Sie standen als Tote, also ehemalige Menschen, dem einzelnen mit seinen Sorgen näher als die Götter, und oft wurden ihnen heilende oder weissagende Kräfte zugeschrieben. Im Falle des Amphiareio wurde dem Heros sogar ein eigener Tempel errichtet. Den großen Altar vor dem Tempel musste er sich allerdings, wie Pausanias schreibt, mit anderen Göttern teilen.

Der Kurbetrieb

Gegründet im 5 Jahrhundert v. Chr., erlebte das Heiligtum in hellenistischer Zeit seine Blüte und war in der ganzen griechischsprachigen Welt bekannt. Aus einer wichtigen Inschrift, einem so genannten Hieros Nomos, wissen wir, dass es auch eine große Anzahl Angestellter gegeben haben muss, die den Betrieb organisierte. Allen voran stand ein Priester, der die Rechtsprechung in kleineren Delikten übernahm, die Gebete für die Opfer sprach und die Durchführung sowohl der privaten als auch der offiziellen Opfer auf dem Altar übernahm. Von den Opfergaben stand ihm, wie in der Antike üblich, ein bestimmter Teil zu. Natürlich war der ganze Betrieb für die Gäste nicht umsonst. Die Kranken und um göttlichen Rat Suchenden bezahlten eine Art Kurtaxe. Die Kur selbst bestand anscheinend trotz der Bäder, die es in späterer Zeit auch gab, mehr aus religiösen Handlungen denn aus medizinischen Anwendungen: Die Kranken kamen hauptsächlich, um Amphiaraos zu konsultieren. Als erste Handlung mussten sie eine rituelle Reinigung vollziehen. Diese bestand darin, dem Gott einen Ziegenbock zu opfern. Anschließend legten sie sich in der Säulenhalle auf der ausgebreiteten Haut des Tieres zum Schlafen nieder und warteten darauf, dass ihnen der Gott einen Traum schicke, der Aufschluss über die Therapie oder andere Auskünfte geben würde. Nach dem Erhalt eines solchen Orakels bzw. der Genesung war es üblich, eine Münze in die Quelle unterhalb des Tempels zu werfen, aus der Amphiaraos aufgestiegen sein soll. Das Quellwasser durfte übrigens weder getrunken noch zu irgendeinem anderen Zweck verwendet werden, da die Quelle heilig war – in Karlsbad oder Baden-Baden würde man darüber wahrscheinlich nur den Kopf schütteln. Viele der von ihren Leiden Befreiten gaben dem Gott außer der obligatorischen Dankesmünze noch weitere Weihgegenstände. Entweder Kleinigkeiten wie Tonpüppchen, die günstig in einem extra für diesen Zweck eingerichteten Laden erworben werden konnten, oder Abbildungen auf Marmor von den jeweiligen Körperteilen, die geheilt wurden. All diese Sachen wurden in oder vor dem Tempel aufgestellt, so dass jeder sie sehen konnte – ein Brauch, der bis heute in christlichen Kirchen und Wallfahrtstätten überlebt hat.

Gästezimmer

Mit einem Sprung über den Bach war ich auf der anderen Talseite. Die hier befindliche kleine Siedlung, deren ursprüngliche Größe noch anhand der ausgegrabenen Grundmauern erahnt werden kann, diente in erster Linie der Beherbergung der Kranken. Sie war erforderlich, da sich das Amphiareio auf dem Land befand und einige Kranke sich längere Zeit in dem idyllisch gelegenen Heiligtum aufhielten. Auch die Läden und Werkstätten für die Weihgeschenke befanden sich hier. Archäologisch interessant ist auf der rechten Bachseite vor allem die Klepshydra, ein kleines, direkt am Ufer des Baches gelegenes unterirdisches Gebäude, das als Wasseruhr diente. Aus einem von einer Treppe umgebenen brunnenartigen Sammelbecken floss das Wasser sehr langsam durch ein Rohr ab. Gleichzeitig mit dem Wasser senkte sich ein Zeiger. Alle fünf Jahre, wenn die „Großen Amphiareia", musische und sportliche Wettkämpfe nach dem Vorbild von Olympia und Delphi, stattfanden, wurde es voll im Amphiareio. Das in den Abhang hinter der Säulenhalle eingebettete Theater aus dem Ende des 4. Jahrhunderts, in dem sich die Dichter und Sänger dann messen konnten, legt davon noch Zeugnis ab. Vor allem der Bühnenbereich ist sehr gut erhalten. Ob die Kranken zur Zeit der Wettkämpfe besser schliefen und klarere Träume hatten, ist nicht überliefert.

Rückfahrt

Mit Bildern von den Wettkämpfen im Amphiareio im Kopf ging ich nach der Besichtigung des Heiligtums weiter zu Fuß bis hinunter ans Meer und fuhr anschließend mit dem Bus von Skala Oropos zurück nach Athen. Keine halbe Stunde Fahrt und schon warfen mich die ersten Wohnblöcke und der dichte Verkehr der Hauptstadt Attikas aus meinen Träumen und zurück in die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts.

Anfahrt mit dem Bus vom Pedion Areos in Athen nach Agioi Apostoloi, in Kalamos-Dorf aussteigen. Von dort die vier Kilometer weiter bis zum Heiligtum entweder zu Fuß oder mit einem Taxi. Winteröffnungszeiten: 10-15 Uhr, Eintritt: 2 Euro, ermäßigt 1 Euro.

©Griechenland Zeitung, erschienen in Ausgabe Nr.61

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