Das Kloster Ossios Loukás – auf dem Wege nach Delphi

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Das Kloster Ossios Loukás – auf dem Wege nach Delphi

Das Kloster Ossios Loukás, gebaut im 11. Jahrhundert am Westhang des Helikon-Gebirges beim Parnass, ist eines der bedeutendsten Denkmäler byzantinischer Kunst auf griechischem Boden. Seine Kirche schmücken kostbare Mosaiken auf Goldgrund, seine Nachbarschaft zum Orakel von Delphi ist für die Griechenland-Reisenden ein zusätzlicher Reiz.

Der Einsiedler und der Kaiser

Es war einmal ein heiliger Mann, der am Hang eines großen Berges sein Leben verbrachte, neben einem kleinen Kirchlein. Dort legte er einen Gemüsegarten an. Er betete zu Gott, zog sein Gemüse und verteilte es an die Menschen, die zu ihm kamen. Ab und zu sagte er ihnen auch etwas über die Zukunft voraus, denn Gott hatte ihm die Gabe der Prophetie gegeben. Als aber der Kaiser in der großen Stadt am Bosporus davon erfuhr, beschloss er, den heiligen Mann über das Schicksal seines Reiches zu befragen. Und so standen eines Tages die  kaiserlichen Abgesandten vor dem Einsiedler Loukás, denn das war sein Name, und fragten ihn, ob die kaiserliche Flotte, die gen Kreta auslief, die große Insel von den  Sarazenen befreien  würde.
Loukás antwortete mit ja. Und so geschah es auch. Das war Ende des 10. Jahrhunderts. Und diesmal schickte der Kaiser, sein Name war  Romanos II., aus großer Dankbarkeit seine besten Architekten und Baumeister aus Konstantinopel nach Griechenland und Handwerker aller Art, Steinmetze, Marmorleger, Schmiede ... Seine Nachfolger taten es ihm nach, und es kamen auch die Wandmaler und Hagiographen und auch jene Künstler, welche für ihre Kunst vor allem eins brauchten, unendlich viel, d. h. die Hersteller der Mosaiken. Eine uralte Kunst, antikes Erbe von Hellas und von Rom, das zum Hauptcharakteristikum byzantinischen Glanzes wurde. Stück für Stück bearbeiteten sie das Glas, überzogen es mit farbigem Email oder mit feinem Blattgold, bedeckten damit das neue Gotteshaus ganz, nicht ein Zentimeter Wand blieb unbedeckt, keine Nische keine Kuppel ... Und aus dem Kirchlein wurde eine große Kirche und an sie angelehnt noch eine größere gebaut, deren Prunk und Glanz noch heute weltweitem Ruf genießen. Durch die Arkaden des sie umgebenden Klosters hindurch blickt man auf die griechische Landschaft, Weiden, Olivenhaine, am Horizont die Berge. Den Parnass.

Innerlichkeit östlicher, byzantinischer Musik

Heute gehört das Monastir von Ossios Loukás - zusammen mit zwei anderen Klöstern, Nea Moní auf Chios und Daphní bei Athen – zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das trägt sicherlich auch zu seinem Ruhm als begehrtes Reiseziel bei, wie nach wie vor Tatsache, dass es sich auf dem Wege nach Delphi befindet, das neben Athen und Olympia zu den drei „obligatorischen“ Angeboten der internationalen  Reiseunternehmer gehört. Ist das Kloster Ossios Loukás gewissermaßen ein „Nebenschauplatz“? Freilich nicht. Zwar bleibt die Antike neben Sonne, Luft und Meer der Hauptanziehungspunkt für die Reisenden. Aber Byzanz ist schon längst ins Zentrum des Interesses gerückt, durch eine neue fundierte Betrachtungsweise europäischer Geschichte, mit der eine Reihe großer internationaler Ausstellungen einherging, so wie die Thematisierung Konstantinopels in der Literatur und nicht zuletzt die Verbreitung der byzantinischen Musik. Wie auch immer: In letzter Zeit scheinen sakrale Orte in Griechenland, wie Kirchen und Klöster besonders von jüngeren Touristen aus aller Welt bevorzugt besucht zu werden. Vielleicht hängt das mit all den Tendenzen nach Besinnung, Ruhe und alternativen Lebensformen zusammen, als Gegengewicht zu unseren zunehmend rascheren Lebensrhythmen. Glaubt man dem Magazin „Der Spiegel“ (Ausgabe „Geschichte“ 1, 2014, Byzanz), folgt ein immer größeres jugendliches Publikum zurzeit einem neuen Trend: zur gregorianischen Kirchenmusik. Dabei werden die frühmittelalterlichen Chorgesänge, wie es heißt „diskret“, mit Lounge-Beats unterlegt, sprich mit allerlei instrumentalen Popmusik-Elementen. Die ganze Tendenz spräche für die Bereitschaft, sich auch der Innerlichkeit östlicher, byzantinischer Musik anzunähern. Ich kann es nicht ausschließen, auch wenn die gregorianischen … Lounge-Beats im Internet  sich für mich nicht ganz so „diskret“ anhören.

Mosaiken, die Reliquie und eine Nachtigall

Ich besuchte Ossios Loukás mit einer Gruppe von Schriftstellern, Akademikern und Übersetzern aus Anlass eines internationalen Treffens im „Europäischen Kulturzentrum von Delphi“. Es war ein sonniger Vorfrühlingstag, und wir verbrachten erst einige Zeit draußen vor dem Kloster, um uns herum die Wiesen voller wilder Blumen, umgeben, trotz der vielen Touristen – manchmal sind es zwei tausend am Tag –, von einer „gefühlten“ Stille. Hugo von Hofmannsthal hatte es hier, an derselben Stelle in seinen „Augenblicke in Griechenland“  auf den Punkt gebracht:
„Stunde, Luft und Ort machen alles“.
Er hatte allerdings das Kloster zu Pferde besucht und erlebte es in nächtlicher „paradiesischer“ Einsamkeit als sein Gast. Jemand aus unserer Gruppe las uns einige Sätze: „Wo der Abendstern stand, dort glänzte unsichtbar hinter dunklen Bergen der Parnass. Dort, in der Flanke des Berges, lag Delphi“. Für den österreichischen Schriftsteller ist die Erde, auf der Delphi und das christliche Kloster stehen, eine Art Gewähr für Ewigkeit. Er hört die Mönche sprechen in einer Sprache, die älter ist als die tausendjährigen Ölbäume der Gegend:
„Homer ist noch ungeboren, und solche Worte, in diesem Ton (werden schon) gesprochen ...“. Hier wären, fügt er im gefühlvollem Stil der Zeit hinzu, „der gleiche Boden, die gleichen Lüfte, das gleiche Tun, das gleiche Ruhn“. Und die gleiche Kraft der Prophetie, könnte man hinzufügen. Hier und drüben. Wobei die Priester der Orakels Pythias Sprüche den Herrschenden der Welt in rätselhafter Form weiter gaben und absichtlich mehrere, politische Interpretationen zuließen. Und die Prognosen des Seligen, klar formuliert, doch vermutlich nicht weniger brisant gewesen sein dürften. Der Kirche hat es ja an wundersamen Zukunftsvoraussagen nie gefehlt, manchmal waren es sogar nationale Visionen, die man in die Hand Gottes legen wollte. Deren Verwirklichung oblag allerdings den wirklichen  Akteuren der Geschichte, den Mächtigen, ihren Feldherren, den Befehlshabern ihrer Flotten.
Wir saßen noch für eine Weile auf dem Mäuerchen vor dem Kirchentor und hörten die Vögel zwitschern. Dann traten wir in die Dunkelheit der Kirche. Noch geblendet vom Sonnenschein, sahen wir es nicht gleich, das schimmernde Gold. Nur langsam umfing uns sein Glanz, das matte goldene Licht der Mosaiken, das die lang gezogenen, schmalen Gestalten der Heiligen und Engel – wie eine Vorahnung von El Greco – umgibt. Die Mosaiken zeigen dieselben Sequenzen  biblischer Szenen, die gleichen Heiligen und Propheten wie die Ikonen. Und sind doch in einer Hinsicht ihr Gegenteil: Ikonen sind einem körperlich nahe, man kann sich vor ihnen verbeugen, sie anfassen, sie küssen. Die Mosaiken hingegen sind von einem fern, geheiligter Schmuck und Stimmung eines „anderen Raums“. Man muss den Kopf in den Nacken  legen, den Blick in alle  Richtungen herum schweifen lassen – es sei, man begnügt sich damit, ihren Glanz nur still zu erahnen. Östliche Mystik befähigt offenbar gläubige Menschen durchaus zu dieser Umkehrung.  Auch ohne die Untermalung von beats.

Auf kirschrotem Samt gebettet

Doch  wir wurden gleich zu einem anderen Gegenstand religiöser Verehrung hin geführt, die mir überhaupt nicht behagte. Als hinreichend prominent eingeschätzt, wurde unsere kleine Gruppe für würdig gehalten, die ganzkörperliche Reliquie des heiligen Mannes betrachten zu dürfen, dem das Kloster geweiht ist. Nachdem der Selige Loukás 526 Jahre im Besitz der Venezianer gewesen ist, wurde er 1986 in sein Kloster zurückgebracht und liegt, auf kirschrotem, goldbestickten Samt gebettet, in einem Glaskasten. Aus einer schwarzen Mönchskutte ragt der mumifiziert Schädel hervor, erschreckend vollzählig die auffallend weißen Zähne. Ich wandte mich ab, als eine junge Frau an der Kopfseite des Kastens das Knie beugte und ihre Lippen an das Glas drückte. Meine Abwehr lag nicht in einem körperlichen Unbehagen, sondern hing mit dem Gedanken zusammen, was für unheilige Geschäfte im Laufe der christlichen Jahrhunderte in Ost und West mit dem Reliquienhandel getrieben worden sind – ein Hohn auf den Glauben der Menschen.
Draußen war es inzwischen etwas frischer, die Vögel zwitscherten, einer hörte sich etwas lauter an, klang wie eine Nachtigall. Singt die Nachtigall auch im Hellen? fragte ich mich.
Wir verließen das Kloster Ossios Loukás und fuhren die 35 Kilometer zurück nach Delphi. Der gelehrte Freund erzählte uns noch einiges über die neun Musen, den Gesellinnen des Apolls, Töchter des Zeus’ und der Mnemosyne, Göttin der Erinnerung. Sie waren an diesem Tag in unserer Nachbarschaft gewesen, an diesem gleichen Hang des Helikon, die Musen des Parnass. Da ging mir eine Darstellung der Mnemosyne durch den Kopf, auf einer Likythos, dem Trauergefäß der alten Griechen. Sie ist mit feinen, schwarzen und roten  Linien gezeichnet, sitzend zupft sie an den Saiten ihrer Kitharis, oder Phorminx. Sie allein weiß zu besingen, wie der alte Dichter Hesiod uns sagt: „das Gewesene, das Jetzige und das Zukünftige“. Vor ihren Füßen, unten links, fast unsichtbar klein, steht eine Nachtigall.
Ob man es glaubt oder nicht!

Text und Foto: Danae Coulmas

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