Von der Sperchiada in den Oiti

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Die Eisenbahnbrücke von Gorgopotamos Die Eisenbahnbrücke von Gorgopotamos
Thermalbäder, Tannenwälder, Gipfelblicke – Im Hinterland der unspektakulären Großstadt Lamia, wo die Landschaften Fthiotida und Evrytania im breiten Tal des Sperchios ineinander übergehen.
 
Von der fruchtbaren Flussebene zwischen dem Oiti-Gebirge und dem 2.300 Meter hohen Tymfristos-Massiv nahe Karpenissi schrauben sich Bergstraßen aufwärts, erst durch Kiefern- und schließlich Tannenwälder und durch immer noch ursprüngliche Dörfer. Auf den Höhen gibt es Aussichtspunkte, an denen man staunend meint, die gesamte Gebirgswelt Zentralgriechenlands vor sich ausgebreitet zu sehen – wie auf einer durch die Natur selbst gezeichneten „Panoramakarte“, welche die geographischen Zusammenhänge der Gebirgsstrukturen zum Erlebnis werden lässt.  
Alle sind sie nähere oder fernere Ausläufer, Ausfaltungen, des dominanten Pindosgebirges. Die Stadt Lamia, auf Hügeln über dem Maliakischen Golf in Sichtweite der Thermopylen gelegen, lässt davon nichts erahnen. Sie bedeutete mir bisher nie mehr als ein Etappenabschnitt auf der Strecke von Athen nach Norden. Ihr Name tauchte auf Schildern auf, und man fuhr vorüber. Mit ihren modernen „Polykatikies“ wirkt sie wie ein verkleinertes Athen, hat aber ein lebendiges Geschäftszentrum um nicht weniger als vier nahe beieinander liegende von Lokalen umsäumte Plätze. Sie verraten, dass man in Lamia zu leben versteht. 
 
Gipfel mit einem Hauch von Herakles
 
Die Landstraße in Richtung des bekannten Bergstädtchens und Skizentrums Karpenissi führt unter dem lang gestreckten Oiti entlang – der Name des Mittelgebirges wird „Iti“ ausgesprochen. Die Flussebene, die „Sperchiada“, ist geprägt von Pistazienpflanzungen, Mais- und Kartoffelfeldern um betriebsame Bauerndörfer, in denen zum Teil noch Störche nisten. Das erste ist Lianokladi, die Hauptbahnstation von Lamia auf der Strecke nach Thessaloniki. Von Athen und vom Oiti kommend fährt der Zug kurz zuvor über ein nationales Denkmal, die Hochbrücke von Gorgopotamos. Das massive Viadukt war 1942 durch ein gemeinsames Sabotageprojekt von griechischen Partisanen und einem britischen Kommando gesprengt worden, um den Vormarsch der Deutschen zu behindern und wurde zu einem Fanal des Widerstands. 
Das optisch im Grün von mächtigen Platanen und akustisch in rauschenden Wassern buchstäblich „eingetauchte“, nach seinem „schnellen Fluss“ benannte Dorf Gorgopotamos ist Ausgangsort in den östlichen Teil des Oiti.  Es handelt sich um den sogenannten „Kallidromos“ mit dem mythischen Gipfel „Pyrá“ (1.419 Meter), dem „Scheiterhaufen“ des Herakles, wo sich der Heros, unsäglich leidend unter einem mörderischen Nesselgewand, selbst verbrannte, um dann zu den Olympischen Göttern aufzusteigen. Der wilde Fluss donnert, durch Staustufen und Wehre flüchtig gebändigt, unter den Stahlpfeilern der Eisenbahnbrücke hindurch; wir schauen hinauf, erblicken einen einsamen Triebwagen, dessen Rattern vom Wasser übertönt wird, und fahren weiter im Tal des Sperchios, in den der Gorgopotamos einmündet …
 
Stattlicher Wasserfall am Dorfeingang
 
Die Ebene ist charakterisiert durch zahlreiche Thermalquellen, die zu Heilkuren insbesondere bei Hautproblemen, arthritischen und entzündlichen Erkrankungen dienen. Sie lassen, ebenso wie der Mythos um den Berg Pyrá, die Vermutung zu, dass die kegelförmigen Hügel an den grünen Hängen des Oiti vulkanischen Ursprungs sind. Der bekannteste erschlossene Kurort ist Loutra Ypati – ein Schwefelbad mit kohlensäurehaltigen Zuflüssen, das schon in der Antike genutzt wurde. Damals hieß die Stadt Hypata – der Name bedeutet wohl „unter dem Oiti“ („Υπό τα Οϊτη“), denn von hier aus steigt nun die Bergstraße in die Gipfelregion mit dem 7.200 Hektar großen Nationalpark hinan. Das Heilbad bietet uns einen vernachlässigten Eindruck. Rings um einen Kurpark und das überdimensionale Kurgebäude zur ambulanten Nutzung der Quellen gibt es mehrere mondäne, im klassizistischen Stil errichtete Hotels, einige noch in Betrieb, aber schon mit Spuren der Verwahrlosung, andere verlassen. Und auch die neueren Häuser erscheinen nur noch wenig frequentiert. Höher den Berg hinauf im verwaltungsmäßig zugehörigen Bergdorf Ypati, machen wir in einem der zahlreichen Kafenia auf der schattigen Platia (Platz) eine Tsipouro-Pause. Dem Tresterschnaps wird in den Gebirgsregionen mehr zugesprochen als dem Ouzo. Am Eingang des Dorfes geht ein stattlicher Wasserfall nieder, und an der Kante über der Ebene findet sich als „Bildungsstätte für Spezialisten und Laien“ eine „Astronomische Schule“ mit Planetarium und Observatorium. Im Kafenion erfahren wir, dass der Niedergang von Loutra Ypati eine unmittelbare Folge der „Krise“ sei. Doch habe man die Hoffnung auf einen neuen Aufschwung nicht aufgegeben …
 
Platia des Dorfes YpatiSMALL
Platia des Dorfes Ypati
 
Abwechslung im Hotel und in der Natur
 
Wir aber kehren Loutra Ypati den Rücken und fahren weiter nach Platystomo, ein winziges Bauerndorf, das, wie uns ein abendlicher Spaziergang zeigt, aber alles hat, was seit eh und je zum griechischen Dorfleben gehört: zwei schlichte Kirchen, eine Grilltaverne, die der Metzgerei angeschlossen ist, zwei Kafenia und den von Platanen bestandenen Kirchplatz, auf dem die Kinder mit Fahrrädern herumkurven. Durch Wiesen und Felder gelangt man zu den beiden Heilquellen von Platystomo, die vor rund zehn Jahren in ein luxuriöses, dabei durchaus erschwingliches Fünf-Sterne-Kurhotel integriert wurden, das „Asklepios“, das ebenso großzügig wie heimelig ist. In dämmeriger, raffiniert ausgeleuchteter  Rotunde sprudeln die Schwefel- und Radon-haltigen Thermalwasser, nur für zehn Minuten erlaubt; zuvor steigt man in ein mit verdünnten Wirkstoffen gefülltes Wellnessbad, das mit sieben verschiedenen Apparaturen für individuelle Unterwassermassagen eingerichtet ist. Im Unterschied zu Ypati gibt es auch eine Quelle für Trinkkuren. Hier lassen wir es uns eine Woche lang gut gehen … 
Viel Abwechslung bietet in dieser Ecke Griechenlands die Natur, die zu  täglichen Bergausflügen einlädt, sowie das gleich um die Ecke liegende Marktstädtchen Makrakomi, ein betriebsames Pistazienverarbeitungs- und Handelszentrum. Keiner der vielen kleinen Läden ist krisenbedingt geschlossen, und vollends scheint die Krise abends auf der dicht bevölkerten Platia ganz fern gerückt, wo Menschen jeden Alters den Sommer-Feierabend genießen. Ein Kranz von Lokalen jeder Art säumt den großen Platz, so dass man sich nach Lust und Laune verwöhnen lassen kann. Gerade haben wir unser Eis gelöffelt, da winkt von einem der Tische ein Mädchen herüber, das uns tagsüber im Hotel bedient hat: Das „Asklepios“ bietet etlichen jungen Frauen aus Makrakomi und den umliegenden Dörfern Arbeitsplätze, und zwar nicht nur in der Sommersaison!
 
Kirche im Dorf PlatystomoSMALL
Kirche im Dorf Platystomo
 
Wilde Bergziegen, Rotwild und Wildkatzen
 
Dass in dieser Gegend die Welt noch in Ordnung zu sein scheint und an ein Griechenland erinnert, wie wir es vor Jahrzehnten kannten, ist vor allem in den versteckten Bergdörfern zu spüren. Von Ypati geht es auf der Asphaltstraße durch Lychnos und Kastaniá nach Neochori, dem jüngst besiedelten der alten Dörfer – von dort kommt man nur noch mit Vierradantrieb weiter oder über Wanderwege. Der Blick reicht über die Felszacken des Vardoussis- und des Giona-Massivs bis zu den Hochgebirgen um Agrinio im Westen Zentralgriechenlands. Wir sind nun mitten im 1966 gegründeten Nationalpark Oiti, der rund um den 2152 Meter hohen Gipfel „Pyrgos“ eine große Vielfalt pflanzlichen und tierischen Lebens schützt. Von der Forstverwaltung werden Touren mit Geländefahrzeugen angeboten. Die schönste Jahreszeit dürfte der Frühling sein, wo kleine, vom Schmelzwasser gefüllte Seen wie Spiegel blinken und die Wiesen vielfarbig blühen – darunter dottergelb die in Griechenland seltene Trollblume, die wassergetränkte Böden liebt und eigentlich eine nördliche Spezies ist. Bevor man hier oben ankommt, sollte man jedoch etliche Zwischenstationen einlegen: Zwischen hohen Bäumen und blühenden Büschen bettet sich in großzügiger Kloster-Anlage das „Moni Agathonas“ mit einem Katholikon (Hauptkirche) aus der Gründungszeit im 15. Jahrhundert. Eine wundertätige Ikone der Panagia vermag hier beim Begräbnis eines Volks„heiligen“ auch einmal Tränen zu weinen. Von der Klosterterrasse öffnet sich eine atemberaubende Aussicht auf die Sperchiada-Ebene. Ein kleines Naturkundemuseum informiert anschaulich über die geschützte Flora und Fauna des Oiti, wo sich wilde Bergziegen und  Rotwild der Wildkatzen, der großen Greifvögel und mittlerweile auch der Wölfe zu erwehren haben, nicht aber mehr des Jagdfiebers von Menschen. 
 
Meer mitten im Tannenwald
 
Im Dorf Kastaniá, das sich auf mehreren Ebenen um die schmale Bergstraße windet, ragt die Platia mit grandioser Aussicht in die weite Landschaft hinein. Ein Kirchlein mit alten Einbauten gibt es da, ein umgittertes Denkmal, ein Brünnlein, doch weder Kafenion noch Taverne. Mehrere Gruppen von Kindern begrüßen uns und die Abwechslung, die wir ihnen bringen. Sie stecken mitten in geselligem Spiel und Gespräch, scharen sich auch um einen jungen Erwachsenen, der offensichtlich die freie Zeit für sie organisiert – mit Phantasie und Ideen und, wie es aussieht, ohne digitale Hilfen. 
Jenseits von Kastaniá beginnen ausgedehnte Tannenwälder. Die hohen Koniferen gehören botanisch zur Spezies der „Kephalonischen Tanne“, einer  endemischen Baumart, die es nur in Griechenland gibt. Dem Oiti gegenüber, am Ende der Sperchiada geht es beim Dorf Agios Georgios in Richtung Agrafa-Gebirge. Dort stehen noch mehr Tannen: schwärzliches Grün, so weit das Auge reicht, am Straßenrand großartige Baumindividuen – es sollen die größten Bestände in Griechenland sein. Hinter den Tannenwäldern liegt das Dorf Fournás an einem Hang, der schon den Blick auf die Vorberge des Pindos gewährt. Im Kafenion serviert uns Frau Dimitra, die Wirtin, zum Tsipouro selbst eingelegten Oktopus: Auch mitten im Tannenwald spürt man das Meer in Griechenland. 
 
Blick auf das Bergdorf FournasSMALL
Blick auf das Bergdorf Fournas
 
Text und Fotos von Ursula Spindler-Niros
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