Der Pilot ist Grieche

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Fortsetzungs-Satire: „Ich habe zwar nichts gegen Griechen …“ – Teil 1

Der Text stammt aus der Feder von Dr. Michael Neu. Er studierte Geschichte und Politik an den Universitäten Siegen, British Columbia (Kanada) und Sheffield (GB). Nach einer zweijährigen Episode als Englischlehrer am Städtischen Gymnasium Kreuztal, der besten Zeit seines Lebens, ist er seit 2012 Lektor für Philosophie, Politik und Ethik, an der „School of Humanities“ der University of Brighton. Es bleibt uns nur, Ihnen eine gute Unterhaltung zu wünschen. Und lassen Sie sich irritieren: Es handelt sich um eine SATIRE. Los geht’s! Im Flugzeug. Richtung Korfu!

Der Pilot ist Grieche, was mir aber nichts weiter ausmacht. Ich habe ohnehin panische Flugangst – selbst bei deutschen Piloten, die ja gemeinhin als die verlässlichsten gelten. Um mich abzulenken, halte ich Ausschau nach Flüchtlingsbooten aus Nordafrika. Die vielen Menschen an Deck würden vermutlich aussehen wie ein Haufenträger Ameisen, wobei die Boote längst untergegangen wären, bevor sie die Adria erreicht hätten. Auf der linken Seite, das könnte Albanien sein. Es wirkt entsetzlich karg. Kein Wunder, dass die Leute dort klauen wie die Raben. Ich freue mich schon darauf, die alte Festung von Korfu-Stadt zu besichtigen. Sie ist in ihrer Geschichte nicht ein einziges Mal erobert worden, wobei schwer zu sagen ist, ob das für oder gegen diese Festung spricht. Es hat bestimmt schon Festungen gegeben, von denen man aus einem gewissen Erobererstolz seine Finger gelassen hat. Wenn ich mir Korfu auf der Landkarte anschaue, wirkt es mir ein bisschen wie meine Sitznachbarin: lang und dürr. Gleich sind wir da. Ich stelle mir den griechischen Piloten vor: wie er unkontrolliert am Steuerknüppel herumreißt und die ganze Zeit „malaka“ brüllt. Wie ihm die Zigarette aus der Hand fällt und sich in den Kabinenboden brennt. Wie sein Flugzeug völlig außer Kontrolle gerät und ins Verderben taumelt. Am Ende macht es noch einen ansehnlichen Looping mit ordentlichem Linksdrall, doch schließlich fällt es wie ein Stein vom Himmel und kracht ins Mittelmeer. Meine arme deutsche Wirbelsäule: zersplittert. Zum Glück ist alles nur ein Traum. Ich sollte meine Griechenlandgeschichte noch einmal ganz von vorne erzählen – mit mehr Realitätsbezug. Griechische Piloten sind nämlich exzellent und landen butterweich. Man sollte überlegen, sie demnächst bei humanitären Interventionen oder Kriegen zur Durchsetzung westlicher Interessen einzusetzen, um Kollateralschäden zu reduzieren. Auf unserem Flug von Köln nach Korfu knallen sich ein paar dicke Engländer mit kleinen Schnapspullen die Hirse weg. Als wir über den Alpen sind, stimmen sie die englische Nationalhymne an, kennen aber nach wenigen Zeilen den Text nicht. Dass Gott die Königin schützen soll, wissen sie gerade noch – mehr aber nicht. Die inhaltlichen Lücken werden durch lautstarkes Pfeifen und Grölen geschlossen. Am „Korfu International Airport“ läuft dann Frank Sinatra, “I did it my way”. Ich gehe zur Gepäckausgabe. Man sieht dem ruhenden Fließband an, dass es gleich knarren und quietschen wird. Über dem Band ist ein kleiner Monitor angebracht, einer von den ganz alten, dessen Hintergrundbild mich an meine aus dem Flieger geschossenen Mittelmeerbilder erinnert: marineblau und etwas verschwommen. Düsseldorf steht darauf, nicht Köln. Daneben gibt es noch ein weiteres Fließband, das Fließband Budapest. Wir Deutsche sammeln uns ums Fließband Düsseldorf. Gebannt starren wir auf das schwarze Loch. Als wir schon nicht mehr damit rechnen, bewegt sich das Band plötzlich, in einem kreischenden Largissimo. Allein die Gepäckstücke wollen nicht kommen. In Griechenland ist offenbar alles so eingerichtet, dass man stets noch Zeit für einen Kaffee und eine Zigarette hat. Die Wartezeit würde in Deutschland ausreichen, um von Berlin nach Fankfurt und zurück zu fliegen und zwischendurch ein Business-Meeting abzuhalten. Aber am Ende kommt mein Rucksack dann doch. Zusammen sind wir über zwei Meter groß. Wir fühlen uns aber noch deutlich größer – mindestens doppelt so groß, wie die Einheimischen. Draußen wartet mein alter Freund Lykourgos, der ebenfalls kaum größer ist als der ehemalige französische Präsident Sarkozy. Allerdings trägt Lykourgos keine erhöhten Absätze, was ihm einen leichteren Gang verleiht. „LYKOURGOS!“ „GERMANICUS!“ Wir begrüßen uns mit zwei griechischen Wangenküssen, bei denen sich Lykourgos und ich seit Jahren jedes Mal ins Gehege kommen. Soll man erst links oder erst rechts? Auf eine Wange oder beide? Ist vorgesehen, dass man sich nach dem Kuss zusätzlich umarmt? „Wir wär’s, wenn wir uns einfach die Hand geben, Lykourgos, oder meinetwegen auch ohne Gesichtskontakt umarmen?“ „Ihr könnte das gerne so machen bei Euch, Jürgen. Unsere Herzen sind noch warm.“ Wir schlendern Richtung Scherz Autovermietung, wo wir von Marianna und Nikoletta begrüßt werden. „Na, wie heißen Sie denn, junger Mann?“ „Ich heiße Jürgen Fischer. Warum sind Sie so freundlich?“ „Wir haben erst acht Stunden gearbeitet. Geben Sie uns weitere acht Stunden und wir haben uns in bösartige Monster verwandelt!“ Ich grinse, doch Lykourgos erklärt mir, dass Nikolettas Äußerung kein Witz gewesen sei, zumindest nicht die Sache mit den 16 Stunden. „Na ja, wenn man ihr Geschnatter abzieht, arbeiten sie vielleicht vier bis fünf Stunden pro Tag, also deutlich weniger als der durchschnittliche Deutsche“, flüstere ich Lykourgos zu, der das aber nicht komisch findet. Marianna reicht mir den Autoschlüssel. „Und bitte vergessen Sie nicht, uns ein gutes Feedback zu geben.“ „Feedback?“„ Ja, im Internet. Bitte denken Sie dran. Die meisten Leute geben nur dann Feedback, wenn sie was zu meckern haben. Ein paar Deutsche haben mal über uns hergezogen und gesagt, wir wären stinkefaul. Da wären wir fast geflogen.“ „Was interessiert denn die Meinung von ein paar dummen Deutschen?“ frage ich. „Mehr als man denkt, wenn alle andern auf ‚gefällt mir‘ klicken.“

Urlauber, die schon vor Sonnenaufgang aufstehen, nur um sich mit ihrem Handtuch eine Badeliege zu reservieren, die haben sie sich auch redlich verdient. Oder?

 

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