Wir Deutsche

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Foto © GZ-Leser / Daniel Utinger Foto © GZ-Leser / Daniel Utinger

Fortsetzungs-Satire: „Ich habe zwar nichts gegen Griechen …“ – Teil 2

Der Text stammt aus der Feder von Dr. Michael Neu. Er studierte Geschichte und Politik an den Universitäten Siegen, British Columbia (Kanada) und Sheffield (GB). Nach einer zweijährigen Episode als Englischlehrer am Städtischen Gymnasium Kreuztal, der besten Zeit seines Lebens, ist er seit 2012 Lektor für Philosophie, Politik und Ethik, an der „School of Humanities“ der University of Brighton. Es bleibt uns nur, Ihnen eine gute Unterhaltung zu wünschen. Und lassen Sie sich irritieren: Es handelt sich um eine SATIRE. Weiter geht's! Im Mietwagen mit Largissimo!

Unser Fiat Panda ist flammneu, was man von Korfus Verkehrswegen nicht gerade behaupten kann. Manche Schlaglöcher sind so tief, dass ein deutscher Schäferhund darin bequem seine Siesta halten könnte. „Zum Glück ist der Fiat nur ein Leihwagen, Lykourgos, da kann man ordentlich durchbrettern.“ „Wenn du denkst, dass die Versicherung, die du gerade abgeschlossen hast, auch für die Bodenkarosserie gilt, bist du schief gewickelt. Wir sind hier auf Korfu.“ Nach einer Stunde hier ist es Zeit für ein erstes Resümee. Das heiße Korfu ist besser erträglich als das schwül-warme Deutschland; man kann atmen, ohne gleich diese Enge im Brustkorb zu verspüren. Korfu ist hügelig und aride. Richtige Wälder gibt es kaum, außer Olivenbaumhänge. In einigen Orten laufen halbnackte britische Touristen umher, die offensichtlich betrunken sind. „Deutsche Touristen sind beliebter als englische, weil sie besser mit Alkohol umgehen können“, erklärt Lykourgos und zeigt dabei auf einen betrunkenen Briten, der gerade an eine Hauswand pinkelt. „Das freut mich zu hören, Lykourgos.“ „Die Deutschen pinkeln zwar auch unsere Hauswände an, aber nicht am hellichten Tag. Außerdem sagen sie nicht immerfort „fuck“ und „fucking“, nachdem sie ihre Nationalhymne angestimmt haben.“ „Wir singen die deutsche Nationalhymne – hier auf Korfu?“ „Ja, aber sehr selten. Und wenn Ihr es tut, könnt Ihr fast immer den Text.“ „Da bin ich mir nicht so sicher, Lykourgos. Wir hatten mal eine Pop-Sängerin, die hat was von „Brüh’ im Lichte dieses Glückes“ gesungen.“ „Na, das habt Ihr Euch wohl zu Herzen genommen!“ Lykourgos kommt plötzlich aus dem Lachen nicht mehr heraus. „Haha, Jürgen, stell‘s dir vor, ein ganzes Volk in Käfighaltung!“ Ich weiß gar nicht, was die Leute immer gegen uns Deutsche haben. Wir trinken gern Bier, trennen unseren Müll und haben die komplexeste Steuergesetzgebung der Welt. Wir optimieren gern und führen von morgens bis abends Qualitätsanalysen durch – an Schulen, Finanzämtern und in Altersheimen. Es klappt einfach alles wie am Schnürchen bei uns. Wir lieben den Wettbewerb, sind bienenfleißig und lassen fast niemand verhungern. Nicht einmal gegen Menschen mit Migrationshintergrund haben wir was. Und wer im Urlaub schon vor Sonnenaufgang aufsteht, nur um sich mit seinem Handtuch eine Badeliege zu reservieren, der hat sie sich auch redlich verdient. Alles andere ist dummes Geschwätz von Leuten, die morgens ihren fetten, tätowierten, britischen Hintern nicht hochbekommen. „Soll ich dir etwas zur Geschichte Korfus erzählen, Jürgen?“ „Nein, auf keinen Fall, Lykourgos, ich muss mich aufs Fahren konzentrieren.“ „Ich fasse mich auch kurz.“ Lykourgos fasst sich nie kurz, vor allem dann nicht, wenn er vorher ankündigt, dass er sich kurzfassen wird. Während ich versuche, mich mit der widerspenstigen Kupplung anzufreunden, erzählt mir der kleine Grieche die komplette Geschichte Korfus. Man sollte nicht meinen, dass auf einer solch kleinen Insel so viel vorgefallen sei. Bestimmt erfindet Lykourgos allerhand dazu. „Du kannst mir viel erzählen, Lykourgos, aber du musst wissen, dass ich es später auf Wikipedia überprüfen werde. Es wird doch wohl einen Eintrag zu Korfu geben? Und Internet habt Ihr doch auch, oder?“ „Du kannst gern aussteigen und zu Fuß weitergehen, Jürgen.“ „Du hast doch gar keinen Führerschein!“ „Du kannst trotzdem gern aussteigen und zu Fuß weitergehen.“ „Ist ja gut, Lykourgos. Korfu ist toll.“

Und Korfu hat Serpentinen, die unser Fiat Panda noch nicht einmal im zweiten Gang schafft. Die Korfioten hängen uns an der Stoßstange; einer hupt sogar. „Überhol‘ doch, du Arschloch!“ rufe ich ihm zu. Das tut er dann auch, bei doppelt durchgezogener Linie. Er ist bei genauerem Hinsehen eine Sie. Und raucht dabei. Ich meine sogar, ihre gelben Zähne zu sehen. Es ist kein schöner Anblick. „Hast du das gesehen?“ frage ich. „Das ist hier normal, Jürgen.“ „Wie, die Leute haben alle gelbe Zähne?“ „Sei froh, dass wir fast da sind, jetzt lohnt es sich auch nicht mehr, dich rauszuschmeißen.“

Als erstes fahren wir zur Hotelanlage der Papadopoulos, die Lykourgos als „Komplex“ bezeichnet. Der Komplex besteht aus 42 Appartements; sämtliche Touristen kommen aus Großbritannien. „Es sind ein paar Probleme aufgetreten, um die ich mich kümmern muss. Setz‘ dich doch inzwischen an die Bar, Jürgen, und entspann‘ dich! Fühl dich ganz wie zu Hause, wenn dir das weiterhilft.“ „Was gibt’s denn für Probleme?“ „Ach, ein Junge hat sich beim Spielen am Pool den Fuß verstaucht, weshalb wir ein Formular auszufüllen müssen.“ „Warum denn gleich ein Formular, Lykourgos?“„Aus versicherungstechnischen Gründen, davon verstehst du nichts.“ „Aus versicherungstechnischen Gründen, hier im schönen Nirgendwo?“, frage ich. „Der Komplex wird seit einigen Jahren von einem multinationalen Konzern geleast“, erwidert Lykourgos, „seither müssen wir ständig irgendwelche Formulare ausfüllen. Wenn ich kein Stoiker wäre, hätte ich mir schon den Strick genommen.“ „Sind nicht gerade Stoiker anfällig für Selbstmord?“ möchte ich noch wissen, aber Lykourgos ist schon nicht mehr da. Ich muss an den alten Seneca denken, der sich auf Neros Anweisung hin das Leben nahm, indem er sich – wenn ich mich recht entsinne – die Adern aufschnitt, was aber nicht reichte, weshalb er zusätzlich ins Dampfbad ging.

In der nächsten Folge kann Jürgen bei einer Begegnung mit einem Schotten nur mehr sagen, dass er froh sein kann, „noch zu sein“.

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