Ein richtiger Griechenlandurlaub mit einem richtigen Griechen

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Ein richtiger Griechenlandurlaub mit einem richtigen Griechen

Fortsetzungs-Satire: „Ich habe zwar nichts gegen Griechen …“ – Teil 4

Es bleibt uns nur, Ihnen eine gute Unterhaltung zu wünschen. Und lassen Sie sich irritieren: Es handelt sich um eine SATIRE. Jürgen lernt heute, dass die Familie den Griechen über alles geht.

„Du trinkst zu viel“, ermahnt Dimitris den reichen Schotten jedes Mal, wenn er ihm großzügig nachschenkt, ohne dass Duncan ihn darum gebeten hätte. Ich selbst trinke mit erhöhter Schlagzahl, da Duncan lallend angedeutet hat, mich freihalten zu wollen. Es stimmt also nicht, dass Schotten geizig sind. Der fette Angus liegt weiterhin in der prallen Sonne und sieht sogar noch ein bisschen aufgedunsener aus als zuvor. Vielleicht gärt er schon von innen.

Duncans Kopf knallt mitten im Gespräch auf die Theke und verharrt dort wie mit Klettverschluss angeklebt. Gut möglich, dass er gerade seinen dritten Herzinfarkt erlitten hat. Ich lasse mir meine Urlaubslaune nicht verderben und wende mich Dimitris zu, der mir auch gleich einen Ouzo spendiert – ein sympathischer Mensch. „Was treibst Du eigentlich so, wenn hier mal nicht die Sonne scheint?“, frage ich ihn und versuche, mir Korfu im Regen vorzustellen, was aber irgendwie nicht geht. „Ich studiere Sport in Athen“, antwortet Dimitris, „in zwei Semestern bin ich fertig. Tja, und im Sommer jobbe ich immer auf Korfu, meistens bei den Papadopoulos, weil Duncan hier Stammgast ist und mir jeden Abend 50 Euro Trinkgeld gibt.“ „Jeden Abend?“ „Ja, aber sag‘ ihm das bloß nicht. Er weiß nämlich nicht, was er tut.“ „Keine Sorge, ich schweige wie ein Grab. Nicht, dass Du hinterher noch alles zurückzahlen musst!“ Im Hintergrund höre ich, wie Lykourgos mit einem Gast aneinandergerät, dem angeblich sein Schmuckkasten geklaut worden ist. „Wie sieht’s denn eigentlich mit Deiner Zukunft in Griechenland aus, Dimitris? Man munkelt, es läuft nicht so bei Euch.“ „Für Leute in meinem Alter gibt es keine Zukunft in Griechenland, Jürgen. Wir sind die verlorene Generation.“

Duncan hebt seinen Kopf. „Ich dreh‘ Dir den Hals rum, wenn Du meine Frau anbaggerst“, faucht er mich an. Ich möchte ihn beruhigen und ihm sagen, dass ich mit Schottinnen bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht habe und sie für mich spätestens seit der Sache mit Ciara nicht mehr in Frage kommen, doch Duncans Kopf ist schon wieder auf die Theke geknallt. „Wer ist denn überhaupt Duncans Frau, Dimitri, nur damit ich weiß, wen ich hier nicht anbaggern darf? „Da drüben, die Käsige, die von morgens bis abends die ganze Zeit nur am Stricken ist. Mit schottischer Schafswolle, nehme ich an.“ Dieser Dimitris kann ein ganz schöner Fiesling sein. Ich mag ihn.

Ein paar Ouzos später taucht eine junge Dame von atemberaubender Schönheit auf. Als ich sie ein bisschen genauer unter die Lupe nehme, verfinstern sich die Gesichtszüge des hübschen Griechen rapide. „Penelope ist meine Schwester“, faucht er mich an, „und sie ist für Dich tabu, Deutscher. Verstehst Du? Tabu!“ Die Familie geht den Griechen offenbar über alles – ich muss Dimitris schwören, meine Finger von seiner Schwester zu lassen. Allerdings nehme ich mir fest vor, meinen Schwur zu brechen, sollte sich die Gelegenheit bieten.

Nach einer Weile kehrt Lykourgos mit einer anderen jungen Frau zurück, der es an vergleichbar positiven Attributen gänzlich mangelt. „Jenny arbeitet bei Akropolis Vacations“, erklärt mein kleiner Freund und ist sichtlich erleichtert, endlich alle Formulare ausgefüllt zu haben. „Ja, wir sind einer der größten Touristikkonzerne, wenn es um Reisen nach Griechenland geht“, fügt Jenny stolz wie Oskar hinzu. Sie sieht lächerlich aus in ihrer blauen Uniform und mit ihrer riesigen Zahnspange, die bei genauerem Hinsehen gar nicht existiert. Es handelt sich um eine Art Phantom-Zahnspange, die man sich automatisch hinzudenkt. Die Farbe von Jennys Uniform passt vorzüglich zum chlorblauen Wasser des Pools der Papadopoulos.

„Ist ja unglaublich, mit welchen Leuten Ihr Euch hier so rumschlagen müsst“, raune ich Lykourgos zu, nachdem Jenny sich endlich vom Acker gemacht hat. „Wir müssen halt irgendwie überleben, Jürgen, da kann man nicht so wählerisch sein. Mit der Zeit gewöhnt man sich an fast alles.“ „Tut mir leid, aber Jennys Uniform geht gar nicht. Und ihre Zahnspange erst!“ „Welche Zahnspange, Jürgen?“ „Ach, vergiss es einfach. Wie wäre es, wenn Du Dich jetzt mal neben mich hockst und ein Bier mit mir trinkst? Sonst ist mein Urlaub bald vorbei und Du hast die ganze Zeit nur Formulare ausgefüllt. Ich möchte hier einen richtigen Griechenlandurlaub mit einem richtigen Griechen verbringen. Und wenn dieser Grieche sich nicht langsam mehr Mühe mit mir gibt, dann fliege ich eben morgen wieder nach Hause.“ „Oh, das wäre aber schön“, erwidert Lykourgos und nimmt mich in den Arm.

Wir trinken – seit jeher das Fundament unserer Freundschaft. „Wenn Ihr wirtschaftlich nicht so am Boden wäret, zöge ich glatt hierher, Lykourgos. Ein Paradies mit lauter schönen Menschen und ein paar stinkreichen Schotten!“ „Wer sagt Dir eigentlich, dass wir einen von Deiner Sorte hier überhaupt haben wollten?“ fragt mich Lykourgos. Die Scheiß-Formulare haben es offenbar nicht geschafft, ihm den Tag zu verderben. Wenig später habe ich bereits mein drittes griechisches Wort gelernt: jamas. Mit jamas, malaka und μαλακομπούκωμα werde ich hier schon durchkommen die nächsten Wochen.

In der nächsten Folge wird Jürgen von der Familie des Lykourgos „überschwänglich und mit einer Kusstirade begrüßt“.

Der Text stammt aus der Feder von Dr. Michael Neu.

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