Mani: Jeder Turm birgt dunkle Geheimnisse

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Poesie aus Stein: Die Ruinenstadt Mistras ist seit 1989 Weltkulturerbe. Der gut erhaltene Palast war zu byzantinischen Zeiten ein Hort intellektueller Kreise. Poesie aus Stein: Die Ruinenstadt Mistras ist seit 1989 Weltkulturerbe. Der gut erhaltene Palast war zu byzantinischen Zeiten ein Hort intellektueller Kreise.

Wer auf die Peloponnes reist, reist abseits der pauschalen Routen. Raue Gebirge und fruchtbare Täler prägen den Südwesten Griechenlands, jenseits des Golfs von Korinth. In der zweiten Folge besucht die Autorin mit ihrer griechischen Partnerin Katerina Katsatou die Mani, Mystras und Monemvassia und nimmt schließlich Abschied – im antiken Theater von Epidaurus.

Die Poesie der Peloponnes, Teil 2

Eine herbe Landschaft an den Ausläufern des Taygetos, eines Gebirgszuges mit bis zu 2500 Meter hohen Bergen. In der Mani lebten stets die Armen, die Vertriebenen, die Flüchtlinge. Vor den steilen Küsten handelten Piraten mit Sklaven und kaperten Schiffe. Sie bildeten Clans, verübten Blutrache, bauten Wohntürme, mächtige Quader aus Stein mit Schießscharten und meterdicken Wänden. Im Erdgeschoss lebten die Tiere, in den Obergeschossen die Familien, unterm Dach die Eltern. Jeder Turm birgt dunkle Geheimnisse, angeblich.

Areópoli. Stadt des Ares, des antiken Kriegsgottes. Hauptstadt der Inneren Mani. Ein Ort zwischen Bergen und Meer. Die Altstadt ist autofrei. Unser Quartier liegt in einem dieser Wohntürme, direkt unterm Dach. Iakovos Xenakis heißt uns willkommen im Gästehaus Londas, was im Arabischen soviel heißt wie die Gute Stube. Wir sitzen auf der Terrasse, hören das singende Trommeln der Zikaden, trinken Ouzo, essen Oliven. Iakovos Xenakis, 57 Jahre alt, Maler, Katzenhalter, ein Mann, der in sich ruht. Mit Bedacht setzt er sich an den Tisch, eine weiße Marmorplatte, zündet sich eine Zigarette an. Er öffnet ein Album, legt Fotos auf die Platte, Familienfotos in Schwarz-Weiß. Ein Foto zeigt den Ort seiner Geburt, Kairo, Ägypten. Iakovos erzählt von den Großeltern, die 1880 aus Griechenland auswanderten, die Händler waren. Mit seiner weichen Stimme, den sorgsam gesetzten Pausen, den Bildern, der Familiengeschichte, ziehen wir durch die Levante, durch das Griechentum in Ägypten. Irgendwann landen wir im Athen der späten 1970er Jahre. Iakovos Xenakis studierte Malerei an der Kunstakademie und lernte seine große Liebe kennen: Hans aus der Schweiz. Ein Foto zeigt eine Ruine in Areopoli, Anfang der 1980er Jahre, ein verfallener Wohnturm. In dieser Gegend seien viele Wohntürme verfallen. Iakovos und Hans restaurierten das Turmhaus, zogen ein und blieben. Bis heute. Ein schwules Paar auf dem Südzipfel der Peloponnes, mitten in der Mani, deren Bewohner in Griechenland als erzkonservativ gelten. Eine blöde Bemerkung hätten sie nie gehört. Nie. „Wir sind immer noch zusammen. Wir haben Freude. Wir genießen unser Leben.“

Mistras: Die Nonne Akakia reicht Loukoumia und Limonade

Am nächsten Morgen brechen wir früh auf, erklimmen einen Felskegel bei Sparta, treten durch ein altes Tor, gehen zu Fuß durch die Ruinenstadt Mistras, gebaut an jenem Felskegel, vor der Kulisse des mächtigen Taygetos. Auf der Kuppe lauert eine Burg, an den Hängen stehen Paläste, Ruinen von Händlerhäusern, Kirchen, deren Wände Fresken tragen.

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Fels und Fresko: In der Panagia Periblepto finden sich westliche Ornamente auf östlichen Fresken.

Den Grundstein jener Stadt legten Kreuzritter, die aus dem Westen in den Osten zogen, die Peloponnes eroberten und von der Burg aus das Land kontrollierten. Doch Byzanz bäumte sich auf, gewann Mistras zurück und trieb eine letzte Blüte. Hier lebte Georgios Gemistos Plethon. In Mistras schrieb der Philosoph und Platoniker seine wichtigsten Werke und sorgte dafür, dass der Hof ein intellektuelles Zentrum wurde. 20.000 Einwohner lebten in der Stadt, oberhalb der Ebene in der Sparta liegt. In der Architektur spiegeln sich auf einzigartige Weise die Einflüsse des Westens und des Ostens gleichermaßen. Nach dem Fall des Byzantinischen Reiches im Jahre 1453 ist Mistras ein verlorener Ort, ein Ort, in dem Wolfgang von Goethes Faust Helena begegnet. 1989 ernannte die UNESCO die Ruinenstadt zum Weltkulturerbe.

Wir besuchen Pantanassa. Ein Kloster mit Blick auf Sparta und seine fruchtbare Ebene. Sechs Nonnen leben hier in kleinen Zellen, die einzigen Bewohnerinnen der Stadt. Vor einer der Türen liegen drei Katzen. Den Katzen geht es gut. „Sie sind unsere Beschützerinnen“, sagt Schwester Akakia. „Sie jagen Skorpione und Schlangen“. Wie ein Rahmen umspielt das Schwarz des Tuches ihr Gesicht. Schwester Akakia reicht Loukoumia und Limonade, erzählt von ihrem Bruder, der Pfarrer ist in Lüdenscheid, erzählt von Wundern, gibt zum Abschied ihren Segen. Ein Gewitter entlädt sich über Mistras, überzieht die Gegend mit einem schweren Vorhang aus Regen und Dampf.

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Loukoumia und Limonade: Schwester Akakia ist eine der sechs Nonnen, die im Kloster Pantanassa leben. Seit dem 19. Jahrhundert ist Pantanassa ein Frauenkloster.

Monemvassia: Ein Fels wie ein Schiff aus Stein

Wir fahren in den Südosten, so wie einst die Händler liefen, in der Blütezeit der Stadt. Ihre Maultiere zogen Wagen zur Küste, beladen mit Seide, Olivenöl, Rosinen, Salz. Ziel war Monemvassia, die berühmte Hafenstadt am östlichen der drei Finger, die in die Ägais ragen.
Vom Land aus ist die Stadt nicht zu sehen. Sie klammert sich an einen Fels im Meer, der mit dem Land nur durch einen schmalen Damm verbunden ist. Eine elegische Schönheit, mit Spuren aus Byzanz, Venedig, dem Orient. Ein Schiff aus Stein, wie es der Dichter Jannis Ritsos formulierte, Monemvassias berühmter Sohn, dessen Verse der Komponist Mikis Theodorakis vertonte. Als 65-Jähriger kehrte Jannis Ritsos in seinen Kindheitsort zurück und widmete ihm den Gedichtzyklus Monovassiá. 

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Merkwürdig - das Schönste im Leben kommt aus der umgekehrten Richtung. Jannis Ritsos. Unschlüssige Einsicht.

Wir laufen durch das mehr als 500 Jahre alte Stadttor, streifen durch enge Gassen, begegnen Archontoula Angelakou im Museum an der Stadtmauer. Sie ist die Seele des Hauses, eine leidenschaftliche Erzählerin, die sich um die Gäste kümmert, Tickets verkauft und putzt. „Wir spüren die Krise“, sagt sie lächelnd: „Das heißt nicht, dass wir unsere Würde verlieren.“

Unzählige Steinstufen steigen wir hinab, wieder hinauf, landen auf einer Terrasse, die zu einem einstöckigen Haus gehört. Ockerfarbener Putz, hellrote Ziegel. Hier also lebte Jannis Ritsos. Ein Chronist der Zeit. Ein Wortarbeiter, der keine Grenze kannte zwischen Lyrik und Leben. Sicher stand er auf der Terrasse, blickte aufs Meer, da, wo jetzt eine Bronzebüste steht, auf einem weißen Steinsockel, in den ein Vers gehauen ist. Und der Tod ist nichts als ein Blatt, das zu Boden fällt, um ein Blatt zu ernähren, das im Werden ist.

Epidauros: Ein Halbrund aus Stein, in den Hang gebaut

Später Nachmittag. Unsere Reise führt zurück, 200 Kilometer, vom östlichen Finger zum Handballen, in den Nordosten, Epidauros. Durch einen Pinienhain noch, eine ausgetretene Marmortreppe empor, dann sind wir da, in dem Amphitheater, diesem Meisterwerk der Klassischen Antike. Ein Halbrund aus Stein, in den Hang gebaut. Auf den 11.000 Marmorplätzen sitzen die Gäste, so wie es das Publikum vor 2400 Jahren tat.
Es ist dunkel, es ist still. Die Schauspieltruppe läuft ein. Gespielt wird Aristophanes. Die Acharner. Die Aufführung ist eines der Höhepunkte des Internationalen Athen-Epidauros Festivals, auf dem Stars auftraten wie Maria Callas, Pina Bausch, Rudolph Nurejev. In seinem 60. Jahr sagte das Festival der Krise den Kampf an. Viele Veranstaltungen mussten die Macher und Macherinnen absagen. Zu wenig Geld. Doch in jener Nacht ist das Theater voll besetzt. Vielleicht liegt es an den berühmten Mimen, an der Magie des Ortes, oder einfach an der anarchischen Urgewalt des Lachens. „Ihr Arschlöcher! An der Demokratie verdient ihr Euch doch alle ne goldne Nase.“ 11.000 Menschen applaudieren, verfolgen gespannt das Jugendwerk des antiken Komödiendichters Aristophanes. Eine bissige Satire über Krieg und Korruption, aktueller geht es nicht. Wer in der Demokratie schläft, wacht auf in der Diktatur!

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Nach der Veranstaltung

Abschied vom schönsten Theater der Welt

Epidauros, kurz nach Mitternacht, in der Umkleidekabine. Am Schminktisch lehnt Jannis Kakleas, ein in Griechenland gefeierter Regisseur, der das Stück inszenierte. Mit einem warmen Timbre spricht er über die Kraft der Komödie, ausgerechnet in Krisenzeiten. „Komödie bedeutet Selbsterkenntnis.“ Aristophanes’ Helden sind keine Könige, sie sind Bauern, Antihelden. „Sie berühren die Herzen des Publikums.“ Eine Frau öffnet die Tür, ist wütend. Wozu mit der Deutschen reden! Schäuble will den Grexit! Es ist Krieg! Der Regisseur winkt ab: Quatsch, sagt er. Letzte Frage. Würde Jannis Kakleas als eine Figur von Aristophanes wiedergeboren, wer wäre er gern? Der Regisseur lächelt. Peisthaiteros wäre er, eine Figur aus der Komödie Die Vögel. Seine Heimat ist die Heimat der Vögel, ein Land, in dem die Menschen Künstler sind. Sie fliegen in den Wolken. Sie haben keine Grenzen. Und wo würde er auftreten? „Στην Επίδαυρο – In Epidauros, dem schönsten Theater der Welt – το πιο όμορφο θέατρο στον κόσμο!“

Text und Fotos von Claudia Friedrich

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