Ein Besuch auf Sikinos (Teil 1)

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Fotos (© Heidi Jovanovic) Fotos (© Heidi Jovanovic)

Eine Insel mit besonderer Authentizität

Während der Tourismus auf den bequem per Charterflug erreichbaren griechischen Inseln wie Kos, Rhodos und Kreta boomt und die Liegestuhl- und Sonnenschirmreihen an ihren Stränden immer länger und enger werden, gibt es draußen im weiten, blauen Meer verträumte, stille, kleine griechische Inseln, die voller Überraschungen stecken und auf denen man Ruhe, Einsamkeit, Urwüchsigkeit und ein Griechenland abseits des Massentourismus erleben kann.

Das weiße Kirchlein Panagia Pantochara blickt von seinem Fels oberhalb der Ortschaften von Sikinos und unterhalb des Inselklosters hinaus aufs weite, lichte Meer. Dass es hier auf der Insel Sikinos stehen sollte, war der Wunsch des großen, 1979 mit dem Literaturnobelpreis geehrten griechischen Poeten Odysseas Elytis. Auf dieser Insel, die in einigen seiner Gedichte vorkommt und von der Elytis meinte, sie habe sich besser als andere ihre Authentizität bewahrt, wollte er der Gottesmutter eine Kirche weihen – für sein Leben und Werk. Nachdem er 1996 verstorben war, verstand seine Gefährtin Ioulita Iliopoulou diesen Wunsch als Vermächtnis und sorgte dafür, dass er zur Ausführung kam. 2011 wurde die kleine Kirche eingeweiht. Sonnengetränkt und strahlendweiß steht sie vor dem klaren, transparenten Licht der Ägäis wie ein Stein gewordenes Gedicht des großen Poeten.

Einklang von Mensch und Natur

Sikinos hat einen eigenen, spröden Charakter und Charme. Lange Sandstrände mit Sonnenliegen sucht man hier ebenso vergebens wie schicke Bars und Diskos. Und natürlich sind auch Ferienclubs und Luxushotels Fehlanzeige auf der kleinen Insel mit ihren unter 42 Quadratkilometern Fläche und rund 240 ständigen Bewohner/innen. Dafür gibt es kaum befahrene Pisten und wenig begangene Wege zum Spazieren und Wandern durch eine beeindruckende Landschaft und kleine Buchten für ein erfrischendes Bad im Meer. Man wohnt in Privatzimmern oder Pensionen, von denen sich auch einige Hotel nennen, kehrt in Tavernen ein, verkostet den guten Wein eines kleinen Weinguts beim Blick auf den Sonnenuntergang, genießt die Schönheit der Natur und streift durch die kleinen, reizvoll gelegenen Ortschaften mit ihrer schlichten und homogenen Architektur. Große Teile der langgestreckten Insel mit knapp 14 Kilometern Länge bei einer maximalen Breite von 4,7 Kilometern sind rau und bergig. Gewaltig wirken Erhebungen bis zu 552 Metern auf einem so kleinen Eiland, schwindelerregend, wenn sie steil zum Meer abfallen. Beim Anblick des Zusammenspiels der schroffen Natur mit den ihr im Lauf vieler Jahrhunderte von Menschenhand sanft aufgedrückten Stempeln – in Form eines Geflechts von Terrassen und Trockenmauern – stellt sich ein ähnlich erhabenes Gefühl ein, wie beim Besuch eines der antiken Heiligtümer Griechenlands, die eine magische Einheit mit der sie umgebenden Landschaft bilden. Hier scheinen Natur und Mensch gleichermaßen in ihrem Recht zu sein und alles in einem Lot, aus dem sie nicht so leicht zu bringen ist. Sonst eher untypisch für Kykladeninseln sind die Wolken und Nebelschwaden, die die Höhen von Sikinos zuweilen umfangen und ihnen dann einen neuen, geheimnisvollen Reiz geben.

Alopronia, Chora und Chorio

Schlichte Häuser, Tavernen und ein Gemischtwarenladen ziehen sich um die kleine Bucht des Hafenorts Alopronia, in der Fischerboote schaukeln und Fähren anlegen. Am flach ins Wasser abfallenden Sand- bzw. Kiesstrand spenden einige Tamarisken Schatten.
Zu den Juwelen der Insel – ihren zwei auf cirka 270 Metern Höhe zu beiden Seiten eines windigen Sattels gelegenen Ortschaften Chora und Chorio – bringt einen der Inselbus, der außerdem während der Saison den Strand Agios Georgios und das Monument Heroon oder Episkopi anfährt. Es gibt aber auch einen schönen, alten Eselspfad, der vom Hafenort hinauf zum Bergsattel mit den beiden Dörfern führt.
Das rechts, westlich des Sattels gelegene Chora ist eine ehemalige venezianische Wehrsiedlung und wird auch Kastro genannt.
Hell, weit, harmonisch, maßvoll und gediegen wirkt sein Dorfplatz. Weiß sind die unregelmäßigen Konturen der Natursteinplatten nachgezeichnet, mit denen er gepflastert ist. Weiß sind die niederen Mauern getüncht, die Palmen und kleine Blumen- und Kräuterpflanzungen umgeben. Weiß ist die Farbe der Steinbänke, die mit ihren braunen Holzlehnen zur Rast einladen. Um den Platz gruppieren sich die Dorfkirche Timios Stavros mit ihrem Glockenturm und ihrer blauen Kuppel und einige schlichte, gedrungene, zweistöckige, jahrhundertealte Herrenhäuser, die mit ihren gerundeten Kanten, ihren breiten Bögen und großen Toren im unteren Stockwerk und ihren wenigen Fenstern im oberen trutzig, massig und behäbig wirken. Eines der Archontika, wie solche Herrenhäuser auf Griechisch genannt werden, beherbergt das Rathaus.
Naturstein und Weiß wechseln sich auch in den Gassen ab, die vom Platz abgehen und sich verzweigen. Maßvoll, bescheiden, heiter und auf lässige Weise gepflegt wirkt das ganze Dorf mit seinen kleinen, bescheidenen Wohnhäusern, Geschäften und Tavernen. Nichts Unpassendes, Schrilles, Übertriebenes oder Aufgesetztes mischt sich ins harmonische Bild.
Das links, östlich des Sattels sich ausbreitende Chorio besteht aus kleinen Kirchen und Wohnhäusern, einige mit teils winzigem, steinummauerten Hof, in dem Wäsche trocknet und Blumenkübel stehen, andere schon recht verfallen.

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Ausblick auf den Hafenort Alopronia.

Brauchtum und herzliche Offenheit

Sofort mittendrin ist man als Reisender auf Sikinos. Das gilt, wenn man ein Anliegen hat, eine Mitfahrgelegenheit sucht, vor allem aber auch, wenn die Inselbewohner ihre Feste feiern. Dass auch Fremde herzlich willkommen sind, gilt nicht nur für die panigyria genannten Gemeinde- beziehungsweise Kirchenfeste, zu denen via öffentlichem Aushang an Wänden und Strommasten des Hafenorts und der Chora geladen wird. Ähnliche Aushänge laden sogar zu privaten Anlässen wie einer Kindstaufe. Bleibt der Fremde neugierig davor stehen und versucht, die griechische Schrift zu entziffern, gesellt sich bald ein Inselbewohner zu ihm, um zu erklären, worum es geht, und ihm zu sagen, er solle sich doch zu der angegebenen Zeit zum Ort der Feier begeben, das werde sehr schön.
Während Panigyria nahezu überall in Griechenland gefeiert werden und es meist Kirchen(gemeinden) oder Klöster sind, die sie veranstalten, gibt es auf Sikinos eine Besonderheit, die Panigyrades. Darunter versteht man die Personen oder Familien, die für ein Jahr auf einem Ehrenplatz in ihrem Haus eine Ikone beherbergen und verehren, einschließlich der vollen Sorge und Pflege für sie. Das umfasst ihre Instandhaltung ebenso wie ein Zeremoniell mit Öllampen, Kerzen, Weihrauch, Gebeten, Hymnen und von Priestern zu vollziehenden Riten mit Weihwasser. Den Panigyrades obliegt es auch, das traditionell alljährlich an einem bestimmten Termin zu Ehren der Ikone gefeierte Panigyri mit geweihtem Brot, traditionellen Speisen und Wein auszurichten und dazu alle einzuladen.

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Die Ikone trifft bei der neuen Panigyrades-Familie ein.

Ein solches Panigyri findet am Donnerstag und Freitag nach den orthodoxen Ostern im direkt an den über 300 Meter zum Meer abstürzenden Steilhang gebauten ehemaligen Wehrkloster Zoodochou Pigi oberhalb der Chora statt.

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Kloster Zoodochou Pigi.

In einer feierlichen Prozession wird die Ikone der als lebensspendende Quelle dargestellten Gottesmutter am Donnerstagabend von Chora in das sonst heute leerstehende ehemalige Nonnenkloster gebracht. Dort wird sie ausnahmsweise die Nacht vor ihrem Umzug zu einem neuen Betreuer für das Jahr bis zum nächsten Donnerstag nach Ostern verbringen. Nach einem Gottesdienst werden die Opferbrote Antidoron und Prosfora aufgeschnitten und an die Festgäste verteilt. Dann folgt die Bewirtung der Besucher mit Wein, Braten und Kartoffeln im Klosterrefektorium. Gleich wird der unschlüssig herumstehende Fremde freundlich von einem Insulaner in den Schlepptau und mit an den langen Refektoriumstisch genommen, auf dem Wein und Speisen warten. Am nächsten Morgen pilgert die Inselbevölkerung erneut hinauf zum Kloster, wohnt der Messe bei und folgt dann der Ikone auf ihrem weihrauchberäucherten Weg zur neuen Panigyrades-Familie, die sie von nun an ein Jahr lang hegen und pflegen wird.
Ein weiteres großes Panigyri wird am 15. August zu Mariä Entschlafung in der Chora gefeiert. Natürlich werden auch andere traditionelle Bräuche gepflegt, wie beispielsweise die Große Wasserweihe zum Fest Epiphanie am 6. Januar. Als Teil dieser Zeremonie wirft der Priester ein gesegnetes Kreuz ins um diese Jahreszeit auch auf Sikinos eisig kalte Meer. Die Inseljugend ist aufgerufen, ihm ins Wasser nachzuspringen, danach zu tauchen und es an Land zurückzubringen. Meist tauchen dabei mehrere um die Wette. An einem besonders ungemütlichen Epiphanie-Tag mit Wind und Wellen fasst sich auch schon mal der Bürgermeister selbst ein Herz und wagt den Sprung ins kalte Nass, nachdem sich sonst niemand für diese Aufgabe findet. Denn das Brauchtum will gepflegt werden.

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Aufschneiden der geweihten Brote im Hof des Klosters Zoodochou Pigi.

Monumentales römisches Grabmal

Zum Standardprogramm eines Sikinos-Aufenthalts gehört der Besuch des auch Episkopi genannten Heroons. In der Saison bringt einen der Inselbus auf einer Piste dorthin. Lohnend ist es aber, sich dieses Ziel zu erwandern. Natürlich kann man einfach auf der kaum befahrenen Piste gehen und hat auch dabei immer wieder herrliche Ausblicke zu beiden Seiten der Insel. Besonders schön ist indes der alte Fußweg, für dessen rund vier Kilometer Länge man etwa eineinhalb Stunden braucht.
Das Heroon wurde im 3. Jahrhundert nach Christus auf dem Friedhof der damaligen Ionierstadt als Grabmal für einen reichen Inselbewohner in der Form eines antiken Tempels gebaut. In frühchristlicher Zeit wurde es mit geringen baulichen Veränderungen in eine Kirche umgewidmet, bevor es im 17. Jahrhundert unter Hinzufügung einer Kuppel und eines Glockenturms zu einem Kloster erweitert wurde und seither Episkopi genannt wird.
Wie alles auf der Insel geht auch dieses Relikt einer fernen Zeit eine harmonische Einheit mit der herrlichen, wilden Landschaft voller Kräuter und seltener Blumen ein, in der es sich ganz unvermittelt erhebt.


KOUTI

Inselglossar

Chora ist ein umgangssprachlicher Begriff für den Hauptort einer bestimmten Region, vor allem einer Insel. Die lexikalische Bedeutung des Worts ist „Land, Ort, Territorium“. Archäologen und Historiker bezeichnen mit Chora dagegen das wirtschaftlich genutzte Umland von antiken Stadtstaaten, den Poleis.

Chorio heißt schlicht Dorf.

Epiphanie wird im orthodoxen Griechenland am 6. Januar (dem westlichen „Dreikönigstag“) gefeiert. Man gedenkt dabei der Taufe Jesu und zelebriert die „Große Wasserweihe“ zur Segnung aller Gewässer und damit der gesamten Natur und Schöpfung.

Heroon bezeichnet in der griechisch-römischen Architektur ein Denk- oder Grabmal eines Heros, als den man bedeutende Persönlichkeiten betrachtete und damit ehrte.

Panagia ist eine der zahlreichen Bezeichnungen im Griechischen für die Jungfrau Maria.

Panigyri nennt man ein Heiligenfest in Griechenland. Oft ist damit das Patronatsfest von Kirchen, Klöstern oder Gemeinden gemeint, in dessen Mittelpunkt die Ikone des Tagesheiligen steht und das oft auch schon am Paramoni genannten Vortag mit festlichen Gottesdiensten, Prozessionen und manchmal Musik und Tanz, Speis und Trank gefeiert wird.

Pantochara, was man mit „Alle(r) Freude“ übersetzen kann, ist einer jener Zusätze, die in Griechenland häufig an den Muttergottesnamen Panagia angehängt werden, um eine bestimmte Marienikone oder -kirche unter den vielen anderen zu benennen.

Zoodochos Pigi, (griechisch Ζωοδόχος Πηγή, lateinisch Fons vitae), die „lebensspendende Quelle“, ist in der byzantinischen Ikonografie ein bestimmter Typus eines Marienbildes.

 

Von Heidi Jovanovic

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