Login RSS

Die vulkanisch geprägte kleine Schwester von Milos

  • geschrieben von 
Der Hauptort Kastro; auch Chora bzw. Chorio genannt (Fotos:GZhj) Der Hauptort Kastro; auch Chora bzw. Chorio genannt (Fotos:GZhj)

Ist schon Milos bei weitem nicht so überlaufen wie andere und per Direktflug bequemer erreichbare Kykladeninseln, so blieb das kleine, verträumte Kimolos vom Pauschaltourismus bisher ganz verschont.

Die 36 Quadratkilometer kleine, einsame Kykladeninsel Kimolos ist nur durch eine schmale Meerenge vom nordöstlichen Hafen Apollonia (oder kurz: Pollonia) ihrer großen Kykladenschwester Milos getrennt. Weniger als eine halbe Stunde braucht man für den „Hüpfer“ mit Fähre oder Boot von der Insel zum Inselchen. Hier kann man in Ruhe die Seele baumeln lassen, nur ab und zu fällt ein kleiner Schwarm von Tagestouristen ein, die von Milos aus hierher einen Abstecher machen. Die meisten reisen abends wieder ab, obwohl etliche kleine private Unterkünfte für jene bereitstehen, die sich mehr Zeit lassen und die Ruhe und Urwüchsigkeit des Insellebens genießen wollen. In der Hochsaison Juli und August sollte man sich aber schon im Vorfeld wegen des begrenzten Zimmerangebots einer Unterkunft vergewissern. Besonders im August kann es richtig quirlig werden in der Hafenbucht Psathi und dem zirka einen Kilometer darüber am Hand des Bergs Xaplovouni gelegenen Chorio oder Chora genannten Kastro-Dorf. Dann kommen viele sonst auf größeren Inseln oder in Athen lebende, aus Kimolos stammende Griechen, um Verwandte zu besuchen, mit ihnen das große orthodoxe Kirchenfest Mariä Entschlafung am 15. August zu feiern und um auf ihrer Heimatinsel mal so richtig zu entspannen. Schließlich zieht es nochmal etliche Griechen um den 5. Oktober herum nach Kimolos. Denn dann ist das Fest der Inselheiligen Osia Methodia. Danach wird es wieder einsam auf dem Eiland – bis zum nächsten Osterfest, dem ersten großen Anlass des Jahres für heutige und ehemalige, dauernde und zeitweise Inselbewohner zum Feiern zusammenzuströmen.

kimolosKastroJovanovic
Eine saubere, schön geweißte Gasse im Hauptdorf

Steine, Mineralien, Thermalwasser

Ebenso wie auf Milos ist der Boden auf Kimolos vulkanischen Ursprungs und reich an Mineralien, Kreideschichten und porösem Bimsstein. Das sorgt für interessante, vielfarbig getönte Steinformationen, wenngleich alles in kleinerem Maßstab und nicht so spektakulär in Szene gesetzt wie auf Milos. Das wohl schönste bizarre Steingebilde von Kimolos ist als Skiadi bekannt und gleicht einem riesigen Pilz mit einem weißen Fuß aus feinem Tuff und einer auf der Oberseite schwärzlichgrauen und auf der Unterseite rötlichbraunen Kappe aus rauem Ignimbrit. Will man es bewundern, so muss man das zumindest auf dem letzten, nicht befahrbaren Teil des Weges auf Schusters Rappen tun. Ist man am Ziel, so kann man einen herrlichen Ausblick weit über die Hügel, hinaus aufs Meer und hinüber nach Milos genießen. Spiegel des geologischen Reichtums von Kimolos sind die schönen, alten, Trockensteinmauern, die seine Felder umgeben und aus einem farbenfrohen Mix aus schwarzen Lavabrocken mit weißen, rötlichen, ockergelben und grünlichen Steinen bestehen. Besonders schöne Exemplare dieser xerolithiés sieht man, wenn man vom Chorio nach Prassa im Nordosten wandert und dabei statt auf der Straße über die Feldwege geht – eine lohnenswerte Tour, die hügelauf und -ab an kleinen Kapellen vorbeiführt und viele lohnende Ausblicke bietet. Kreide wurde auf Kimolos bereits in der Antike abgebaut. Heute ist es vor allem Bentonit, das in Prassa im nördlichen Teil der Ostküste gewonnen wird.  Schließlich ist dem Vulkanismus die Thermalquelle der Insel zu verdanken, die in bescheidenem Umfang für Heilzwecke genutzt wird. Die Einheimischen wissen das Thermalwasser zu schätzen und kurieren sich in dem kleinen Badehaus in Prassa vor allem von arthritischen und rheumatischen Beschwerden.

kimolosPrassaJovanovic
Bentonit-Abbau beim Ort Prassa

Buchten, Grotten und Strände

Die hügelige Insel besitzt annähernd die Form eines Fünfecks und bietet einen Wechsel von steil abfallenden Felsen und windgeschützten Strandbuchten an ihren Küsten. Schöne, lange Kies- und Sandstrände findet man an ihrer Südküste in der Bonatsas-Bucht, wo es am Aliki genannten Strand auch einige einfache Ferienzimmer zu mieten gibt. Kimolos besitzt zahlreiche Meeresgrotten, deren bekannteste die von Vromolimni ist. Neben dem Hafenort Prassa hat man solche natürliche Felsgrotten – teils stabilisiert und erweitert –, mit farbig gestrichenen Holztoren versehen, um sie als Bootsschuppen zu nutzen.

kimolosSkiadiJovanvic
Die bizarrste, Skiadi genannte Steinformation

Venezianisches Kastro-Viertel

Das Hauptdorf, die Chora, gruppiert sich mit seinen weiß gekalkten, in der Sonne leuchtenden Häusern und Pflastergassen um die 1867 bis 1874 erbaute, von einer hellblauen Kuppel gekrönte, große Hauptkirche Panagia Odigitria (Muttergottes, die Führerin) und um das ehemalige mittelalterliche Festungsdorf. Die venezianische Burg inmitten des Festungsdorfs ist stark verfallen. Gut erhalten und teils noch bewohnt sind die darum herum ein Viereck formenden zwei Häuserreihen, deren äußere Wände zugleich die Festungsmauer bildeten. Sehr harmonisch wirkt dieses Ensemble, das nichts Museales an sich hat, sondern von heiterem, bunten Leben mit in der Sonne auf den Leinen flatternder Wäsche, kleinen Läden, Bäckerei, Kafenio und Tavernen erfüllt ist.

kimolosKafemezedopolioJovanovic
„I Kali Kardia“ ist Kafenio und Mezedopolio in einem und beliebter Treffpunkt in der Chora

Das Leben auf der Insel

Da Kimolos ähnlich wie andere Kykladeninseln wasserarm ist und das wenige Wasser im porösen Boden versickert, ist die Vegetation karg und Landwirtschaft nur in bescheidenem Umfang möglich. Dennoch sieht man immer wieder Bauern, die auf Eseln unterwegs sind und mit einfachem Gerät kleine Felder bestellen. Neben Getreide und Wein trotzen sie dem kargen Land etwas Obst und Gemüse ab, ja sogar kleine, verschrumpelt wirkende Tomaten, die gern getrocknet und in den kulinarischen Inselspezialitäten verarbeitet werden. Eine weitere Gemüsespezialität sind dicke, kleine, rundliche, gestreifte Gurken mit einem süßlichen Geschmack. Einkommensmöglichkeiten bietet ferner neben der Fischerei der Mineralabbau bei Prassa oder ein Pendlerleben mit einer Arbeitsstelle auf Milos sowie in bescheidenem Maß der Tourismus. Trotzdem ist die Einwohnerzahl rückläufig und liegt unter 1.000.

Traditionen und Spezialitäten

Mehr als auf größeren, stärker von Tourismus geprägten Inseln haben sich auf Inselwinzlingen wie Kimolos ganz eigene Traditionen und Spezialitäten erhalten. Man ehrt die Heiligen seiner Kirchen mit dem traditionellen Zeremoniell lokaler Panigyria (Patronatsfeste) und gibt traditionelle Rezepte von Generation zu Generation weiter. Ladenia wird die „Kimolos-Pizza“ genannt – ein auf ein Backblech gestrichener Brotteig mit reichlich Öl, Tomaten und Zwiebeln. Xino ist ein Sauerkäse, aus dem eine Tirenia genannte Pita (Pastete) zubereitet wird. Elenia heißt das lokale, ganz spezielle Olivenbrot. Püree aus den kleinen einheimischen Tomaten wird mit kleinen Nudeln zu einem schmackhaften Pastagericht verarbeitet. Lecker sind auch würzige Bällchen aus Zucchini und getrockneten Tomaten. Salaten und gegrillten Fischen, wie Rotbarben, gibt man gern eingelegte Kapern bei, wobei neben den Blütenknospen auch zarte Blätter Verwendung finden.

kimolosLadeniaJovanovic
Ladenia wird die „Kimolos-Pizza“ genannt


Text und Fotos von Heidi Jovanovic / Weitere Fotos von Jan Hübel

Diese Reportage erschien in der Griechenland Zeitung Nr. 664 am 13. Februar 2019.

Nach oben

 Warenkorb