Dionysos ohne Wein Tagesthema

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Dionysos ohne Wein

Ich bin Dionysos begegnet, hier in Griechenland, wo denn sonst? Um es genau zu sagen, auf der Insel Skiathos. Er ist der einzige Dionysos, den es dort gibt. Er hat es mir mehrmals versichert. Ich glaube ihm.

Es war in den Bergen: Ich hatte gerade einen Mann mit seinen beiden Plastiktüten überholt, hörte aber noch im Vorbeifahren seine Stimme und bremste meinen Fiat Panda scharf. Mein Dionysos, wie sich bald herausstellte, humpelte ein wenig. Ich erinnerte mich dunkel, dass er einer der weniger erfreulichen Götter gewesen sein soll. Doch vielleicht ist es bei meinem Dionysos ja völlig anders.
Er stieg in mein Auto ein, sagte nur „Skiathos“, und die Frage, ob ich ihn denn mitnehmen würde, hatte er offensichtlich gar nicht in Erwägung gezogen. Götter befehlen, Panda-Fahrer gehorchen.
Aus einer der Plastiktüten nahm er nun ein Büschel von verschiedensten Kräutern und legte sie ungebeten auf meine Ablage an der Frontscheibe. Dazu ein paar Aprikosen. Dann spreizte er seine fünf Finger und machte mir deutlich, dass sie noch fünf Tage nachreifen müssten. Fünf lange Tage, dachte ich! Sie sahen so frisch und verführerisch aus.
In der Inselhauptstadt Skiathos angekommen wollte er vor der kleinen Taverne „Balkonaki“ aussteigen und mich dort auf ein Bier einladen. Als der junge griechische Wirt uns zwei Flaschen auf den Tisch stellte, deutete ich ihm an, dass ich für den Gott und mich bezahlen möchte. Dionysos bekam davon nichts mit – oder wollte es auch nicht wissen.
Jamas, jamas. So tranken wir uns zu, mein Gott und ich.
Plötzlich blühte in ihm ein Gedanke auf: Morgen um 9 Uhr sollte ich wieder genau hier sein, da will er mir sein Kalivi, seine „Hütte“, in den Bergen zeigen und seinen selbstgemachten Wein mit mir trinken. Wow! Ich hatte schon einige Liter Wein in meinem Leben getrunken, das ist wahr, aber noch nie mit einem Gott. Und schon gar nicht mit Dionysos, dem Gott des Weines.
Zuverlässig und pünktlich war ich anderentags vor dem „Balkonaki“, wo Dionysos mich mit einigen anderen älteren Männern laut gestikulierend begrüßte. Vermutlich waren es seine Götterfreunde. Nachdem er sein Kafedaki ausgetrunken hatte,
stieg er in meinen Panda und wir fuhren in die Berge, höher und höher. Die Straße wurde schlechter und schlechter. Schließlich standen wir vor einem riesigen Gittertor. Mein Dionysos öffnete es – und stieg wieder in meinen Panda ein.
Ich versteinerte. Vor mir schlängelte sich ein steiler Kraterweg mit tiefen, von Wolkenbrüchen ausgewaschenen Furchen hinauf. Ich lasse den Wagen hier, gab ich meinem göttlichen Mitfahrer zu verstehen, was der nur mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis nahm und ausstieg. Dionysos humpelte leichtfüßig den Berg hinauf und forderte mich mit einer Kopfdrehung in Richtung Himmel auf, ihm zu folgen. Mir blieb nichts anderes übrig, wenn ich in den Genuss seines Weines kommen wollte.
Ich stieg also aus und den Berg hinan, dem Gott hinterher. Wieder und wieder musste ich zum Verschnaufen stehenbleiben. Schließlich erreichten wir aber unser Ziel. Mitten in diesen Bergen, mit einem berauschenden Ausblick über die Insel, hatte sich mein Dionysos am Hang eines Weinberges ein Refugium geschaffen. Der lebt wirklich wie ein Gott in Griechenland, dachte ich mir.
Inzwischen hatte Dionysos aus seinen Plastiktüten Brot auf den Tisch vor uns gelegt, dazu auf einem Teller frischen Käse und Oliven und verschwand dann über eine Treppe im unteren Teil seines Hauses. Wenig später hörte ich ihn laut fluchen, „Malaka, malaka“ tönte es zu mir herauf. Die Römer hatten schon Recht, dass sie diesen griechischen Gott auch den „Lärmer“ nannten. Ich folgte seinem Geschrei und Gefluche. Er stand fuchsteufelswild vor einer Eisentür und hantierte mit mehreren Schlüsselbunden. Dann holte er sein Handy aus der Jackentasche, wählte eine Nummer und fluchte nun in das Telefon. Soweit ich verstand, machte er gerade seinen Göttersohn fertig, der den Schlüssel für diese eiserne Tür bei seinem letzten Besuch mitgenommen hatte. So also stand der Gott des Weines vor seinem gut verschlossenen Weinkeller. Ein Dionysos ohne Wein.
Wer weiß, wozu es gut war, dass der Sohn dieses Gottes den Schlüssel zum Paradies mit dem edlen Tropfen mitgenommen hatte. Sonst hätte vielleicht auch der Panda-Fahrer seinen Führerschein dem griechischen Staat überlassen müssen?
Mir wird immer klarer, dass hier mehrere Götter ihre schützenden Hände über mich gehalten haben ...

Dieter Seidel

(Foto: ek/Archiv)

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