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Der Mythos in der Küche

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Der Mythos in der Küche
Als ich neulich für die Zubereitung eines deutschen Gerichts Lorbeerblätter brauchte, waren sie mir ausgegangen! Kein Problem: Ich brach im Garten drei duftende frische direkt vom Bäumchen, das dort ganz von allein gewachsen war. Eines Tages entdeckten wir es, nicht weit vom Beet mit kleinblättrigem griechischem Selleriekraut sowie der Rosette mit der Minze und dem Rosmarinstrauch. Diese Küchenkräuter stehen bei uns zwischen Zitronenbäumen und dem feuerrote Früchte tragenden Granatapfelbaum.
Weitere Gewürzpflanzen gedeihen auf meinem Balkon im Kräuterkästchen – glatte Petersilie, Dill, Zitronenmelisse und großblätteriges Winterbasilikum. Nun, Küchenkräuter im Garten oder im Blumentopf zu ziehen, ist ja an sich nichts Besonderes, sondern ein Hobby, das man überall gerne pflegt, und das Klima der jeweiligen geographischen Region bestimmt die botanische Art ... Aber für mich ist es immer noch etwas ganz Besonderes, hier Pflanzen und Früchte frisch zu ernten, die nördlich der Alpen als Exoten gelten, von weit her importiert oder nur getrocknet angeboten werden. 
Was griechische Gewürzkräuter von denen anderer Nationalitäten unterscheidet, ist ihre mythologische Dimension. Jedes Mal, wenn ich, mit der Schere in der Hand, im Garten unterwegs bin, um irgendein duftendes Büschel abzuschneiden, kommen mir allerlei bedeutende Gedankenassoziationen in den Sinn. Nehmen wir z. B. das Selleriekraut (To Sellino), in deutschen Landen ein banaler Bestandteil des Suppengrüns, bei dem sich kein Mensch etwas dabei denken wird, wenn er es in die Brühe schnippelt. In Griechenland jedoch wird mir das Kleinschneiden der gefiederten Blättchen fast zur ehrwürdigen Handlung! Weiß ich doch: In der Antike gehörten sie zu einer Kultpflanze, die im Festritus chthonischer Gottheiten wie der Demeter und der Persephone und bei Totenfeiern eine Rolle spielte. Beide Göttinnen wurden nicht nur im griechischen Mutterland (Eleusis), sondern besonders auch in den Stadtkolonien Siziliens verehrt; Selinunt ist nach dem dort im gleichnamigen Flusstal wachsenden Sellerie benannt. In Nemea auf dem Peloponnes wurde der Ort, wo ein Königskind auf einem Bett aus Wildem Sellerie am Schlangenbiss starb, zum Heiligen Hain erklärt. Und in den dort ausgetragenen panhellenischen Festspielen bekränzte man die Sieger der Wettkämpfe mit Sellerieblättern! Die dem Sellerie verwandte Petersilie („Petro-Sellino = Steinsellerie“) ist heute noch Bestandteil der „Kollyva“, der den Trauergästen anlässlich von Gedächtnismessen dargereichten Süßspeise. Ihre grünen Blättchen sind neben dem Weizenkorn und den Granatapfelkernen Symbole der Hoffnung auf Leben. 
In Delphi war es kein Sellerie-, sondern ein Lorbeerkranz, der den Gewinnern der „Pythischen Spiele“ aufs Haupt gesetzt wurde. In den makedonischen Königsgräbern fanden sich goldene Lorbeerkränze für die Ewigkeit, und in Rom trug jeder siegreiche Feldherr im Triumphzug einen Lorbeerkranz, den er dann feierlich auf dem Kapitol opferte. Von da aus hat sich der Lorbeer als Sieges- und Ruhmessymbol fast über die ganze Welt verbreitet. Die herb duftenden Zweige hatte der Gott Apollon in Delphi persönlich geheiligt und ihnen prophetische Kräfte verliehen. Von der Pythia ist bekannt, dass sie, während sie weissagte, Lorbeerblätter kaute. Für Apollon bedeutete der Lorbeer offensichtlich so etwas wie das Souvenir einer verlorenen Liebe: Um sich seiner leidenschaftlichen Zudringlichkeiten zu erwehren, hatte sich die frei durch die Wälder streifende Nymphe Daphne in einen Lorbeerbaum verwandelt. Der Name des Gewürzes – „Daphni“ – ist auch heute noch zugleich ein Mädchenname. Auch gibt es unzählige Ortschaften, die sich „Daphni“ nennen und damit an einstige Heiligtümer des Apollon erinnern, die stets einen Lorbeerhain besaßen. 
Ein anderer sehr häufiger Ortsname, der in unmittelbarer Beziehung zu einer uralten Würz- und Heilpflanze steht, die sich mit zarten gelben Blütendolden im Frühsommer noch immer an Feldrainen wiegt, ist „Marathon“, das Fenchelkraut. Das berühmte Dorf Marathonas, 42 Kilometer vor der Hauptstadt, wo die Athener 490 v. Chr. die Perser besiegten und, indem sie die gute Botschaft nach Athen schickten, ahnungslos einen weltumspannenden Massensport gründeten, ist also keineswegs das einzige dieses Namens. Alle aber dürften einst in einem Fenchelfeld gelegen haben ... 
 
(Griechenland Zeitung / spi; Archivfoto: © Eurokinissi)
 
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