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Neues interaktives Modell des Mechanismus von Antikythera: Computer von heute belebt Computer von gestern

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Neues interaktives Modell des Mechanismus von Antikythera: Computer von heute belebt Computer von gestern
Er gilt als technisches Wunderwerk der Antike und ältester in Teilen erhaltener „Computer“ der Welt: der Mechanismus von Antikythera. Jetzt kann man in einem Athener Museum eine neue, interaktive Rekonstruktion der Maschine sehen.
 
Wissen war schon immer Macht. Etwa das Wissen um Himmelsphänomene oder die exakte Zeitberechnung. Beides lieferte offenbar der Mechanismus von Antikythera, der heute als „ältester Computer der Welt“ im Athener Nationalmuseum zu bewundern ist. Er diente nach jüngstem Kenntnisstand unter anderem zur Vorausberechnung von Sonnen- und Mondfinsternissen sowie Planetenbewegungen und als Kalender für das Sonnen- und Mondjahr sowie die verschiedenen antiken Zeitperioden, wie den alle vie Jahre wiederkehrende Zyklus der Olympischen Spiele.
Im Rahmen der Ausstellung „Reise – Griechischer Schiffsbau und Seefahrt von der Antike bis in die Neuzeit“ (Voyage – Greek Shipbuilding and Seafaring from Antiquity to modern times), die noch bis zum 27. August im privaten Herakleidon-Museum in Athen gezeigt wird, ist ein neues, interaktives Modell des Mechanismus zu sehen. Die Rekonstruktion wurde von dem Physiker Dr. Markos Skoulatos gebaut und hat eine Präzision von 0,02 Millimetern. Sie ist aufwändig mit einer eignes dafür entworfenen Schrifttype, Marmorsockel und Vergoldung gestaltet. Der Clou ist aber der Mikrocomputer im Inneren des Modells. Mit seiner Hilfe können bestimmte Prozesse des Zahnradmechanismus nachvollzogen werden – im Herakleidon-Museum besorgen das die Mitarbeiter.
Die Rekonstruktion ist nur eine unter mehreren, die in der Sonderabteilung „Ein antiker Computer“ der genannten Ausstellung gezeigt werden. Für historisch Interessierte bietet diese Abteilung unter anderem das erste Modell des Mechanismus, das der britische Physiker, Mathematiker und Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price 1959 in einer Zigarrenkiste gebaut hatte. Price führte mit diesem Modell den Nachweis, dass es sich nicht, wie zuvor angenommen, um ein Astrolabium – ein Gerät zur Winkelmessung am Himmel – handelt, sondern um „das älteste bestehende Beispiel wissenschaftlicher Technologie, das unsere Ideen über die altgriechische Technologie komplett ändert“. Ebenfalls zu sehen ist eines der ersten drei Bronzemodelle des Mechanismus, das der amerikanische Astrophysik- und Geophysikprofessor Robert Deroski 1980 auf Grundlage späterer Forschungen von Price gebaut hatte, sowie Price’ Konstruktionszeichnungen, die verwendeten Röntgenaufnahmen aus den frühern Siebzigerjahren und andere Dokumente zum Originalmechanismus.
Faszinierendes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte
Die Geschichte des Mechanismus gehört zu den spannendsten in der Archäologie und Wissenschaftsgeschichtsschreibung. Im Jahre 1900 entdeckten Schwammtaucher nahe der Insel Antikythera zwischen Kreta und dem Festland ein Wrack aus dem letzten vorchristlichen Jahrhundert mit reicher Fracht. Vermutlich handelte es sich um Beutekunst aus Griechenland, die für Rom bestimmt war. Unter anderem wurden ab 1901 mehrere der äußerst seltenen antiken Bronzestatuen geborgen, die man heute im Athener Archäologischen Nationalmuseum bewundern kann. Ein Klumpen korrodierter Bronze lag dagegen ein Jahr lang unbeachtet in einem Regal, bis ihn der Archäologe  und Direktor des Nationalmuseums Valerios Stais genauer in Augenschein nahm. Stais erkannte in dem Klumpen mehrere Zahnräder und erfasste die Bedeutung des Fundes: Eine antike Zahnradmaschine war bis dahin nie und nirgendwo gefunden worden.
Die ersten Einschätzungen der Fachwelt schwankten zwischen Astrolabium und Sonnenuhr, wobei sich über mehrere Jahrzehnte die erste Lesart durchsetzen konnte. Erst die Analyse durch Price führte zur Charakterisierung als früher Computer. Der Einsatz von Röntgenstrahlen rund ein Jahrzehnt später brachte weitere detaillierte Erkenntnisse über das Innenleben der Maschine. Seit 2002 wird der Mechanismus im „Antikythera Mechanism Research Project“ immer weiter entschlüsselt, soweit das sein fragmentarischer Zustand zulässt.
Im Sinne einer strengen Definition ist der griffige Slogan von einem „Computer“ übrigens nicht zutreffend, weil der Mechanismus keine Rechenoperationen durchgeführt, sondern lediglich bestimmte Positionen am Himmel zueinander in Beziehung gesetzt hat. Er wird deshalb eher mit den späteren astronomischen Uhren verglichen, auch wenn er keinen eigenen Antrieb hatte, sondern mit einer Handkurbel bewegt wurde. Dafür hat er aber das Bild von der technologischen Entwicklung im griechischen Kulturkreis revolutioniert. Bis zur Entdeckung des Mechanismus war man davon ausgegangen, dass die altgriechische Wissenschaft rein kontemplativ und theoretisch orientiert war. Heute wissen wir, dass gerade das hellenistische Zeitalter in Beziehung auf technische Erfindungen äußerst fruchtbar war.
Abgesehen von dieser faszinierenden Abteilung zum Mechanismus von Antikythera präsentiert die Ausstellung im Herakleidon-Museum die Geschichte des griechischen Schiffbaus und der Seefahrt in der Ägäis und im Mittelmeer von der Vorgeschichte bis ins frühe 20. Jahrhundert. Gezeigt werden rund 40 handgebaute hölzerne Schiffsmodelle vom Einbaum bis zum Handelssegler des 19. Jahrhunderts. Der Maschinenbauingenieur und Hobbyhistoriker Dimitris Maras hat sie nach genauen Plänen und mit Originalmaterialien und -methoden gebaut. Für eine künstlerische Note sorgen Werke der Dozentin an der Athener Kunsthochschule, Mary Schina. (Bis 27.8., tägl. 10-18 Uhr; Do. bis 20 Uhr; Apostolou Pavlou 37, Thissio, Tel. 211 0126486, www.herakleidon-art.gr).
 
(GZak; Foto: herakleidon)
 
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