Gyro(s)konto

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Foto (© Eurokinissi) Foto (© Eurokinissi)

Ich erinnere mich noch genau daran, wie, wo und wann ich meinen ersten Gyros gegessen habe. Das war vor ungefähr sechzig Jahren in Iraklio auf Kreta in einer Taverne, die es auch heute noch dort gibt.

Ein spezieller Gyrosmeister mit langer weißer Kochmütze, dickem Schnurrbart und einem langen großen Messer drehte per durch dieses Messer verlängerte Hand an einem senkrecht aufgestellten Spieß. Dieser Spieß schloss oben mit einem Ring mit Querstäben ab, in deren Zwischenräume der Gyrosmeister sein Messer stecken und damit den Spieß in eine leichte Drehbewegung versetzen konnte. Auf der ganzen Länge des Spießes waren an der Hinterwand glühende Kohlestücke aufgeschichtet, die für eine gleichmäßige und effektive Glut sorgten. Auf dem Spieß waren, wie auch heute noch in den guten Gyrosbuden, Schicht für Schicht flache Fleischstücke aufgereiht, die von außen nach innen gemächlich gegrillt wurden und von denen der Meister jeweils eine Portion abschneiden konnte. Ich erzähle das deshalb so ausführlich, damit klar wird, wie groß der Aufwand – Feuer, Fleischaufschichtung und Handdrehung – war, um so einen Gyros herzustellen. Doch die Überraschung kommt jetzt: Was hier beschrieben wurde, hieß nicht Gyros, sondern wurde noch mit dem türkischen Wort Döner (Kebap) bezeichnet und angepriesen. Wenn ich heute in Berlin, Hamburg oder München einen Döner esse, weiß ich, dass dort kein Schweinefleisch auf dem Spieß brät, und umgekehrt, wenn ich einen Gyros bestelle, kann, darf oder muss ich auch mit Schweinefleisch rechnen. So weit so gut. Da ich damals auf Kreta leider nicht nachfragte, ob jener Döner nur aus Schweinefleisch bestand, wovon ich eigentlich ausgehe, so muss ich mich mit der philosophischen Frage begnügen: Gyros ist zwar ein wunderschönes Wort und trifft jene Drehbewegung bestens, doch ist es in den älteren Lexika überhaupt nicht zu finden. Das heißt, auch das stimmt nicht: Es gibt einen γύρος – gýros, aber ausschließlich in der Bedeutung Rundgang, Spaziergang, Runde, Umweg, Ring, Umkreis, Umfang, Umsatz, Zirkulation u. a. Diese Bedeutungen sind zwar mindestens zum Teil auch heute noch in Gebrauch, werden aber immer mehr von der heutigen Hauptbedeutung des Spießbratens verdrängt. Jeder Metzger in Deutschland verkauft heutzutage Gyrosfleisch, wobei er die kleinen Stücke schon vorgeschnitten hat, die man nachher in der Pfanne aufbraten soll. Auch tiefgefroren in jedem Supermarkt erhältlich. Da ich meinen ersten Gyros mit diesem Namen nicht in Griechenland, sondern in Deutschland gegessen habe, wage ich die vielleicht gar nicht so kühne These, dass der Gyros mit dieser Bezeichnung erst durch die in den sechziger Jahren wie Pilze aus dem Boden schießenden griechischen Lokale in Deutschland richtig populär wurde und sich dann als eine Art sprachlicher Rückwanderer auch in Griechenland allmählich mit dieser neuen Bezeichnung durchsetzte. Mittlerweile treibt man zu Werbezwecken ja auch allerlei Schabernack mit diesem Wort. Früher oder später musste ja einer darauf kommen, die Verse aus dem populären Kinderlied gíro gíro óli, sti mési o Manólis, (stellt euch) alle rundum, und Manolis in die Mitte für die Gyrosbude zu benutzen: γύρω γύρω όλοι. Auf dem belebtesten zentralen Platz in Jannina sah ich kürzlich ein riesiges Schild Gyrosbank. Dahinter verbarg sich genau das, was wir mittlerweile vornehm als Schnellrestaurant bezeichnen, um dem englischen fast food entgegenzukommen, und was auch als γυράδικο – gyrádiko oder φαστφουντάδικο – fastfudádiko in Gebrauch ist. Natürlich bin ich dort gleich rein und eröffnete ein Gyro(s)konto.

Beitrag aus dem Buch „Ärmellos in Griechenland“ von Prof. Hans Eideneier, das in 3. überarbeiteter im Verlag der Griechenland Zeitung erschienen ist. Dieses lehrreiche und amüsante Meisterwerk der deutsch-griechischen Sprachfindigkeiten ist nicht nur eins der bestverkauften Bücher, sondern auch das allererste Buch, das 2008 in unserem Verlag erschienen ist.


cover aermellos 350


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