Das graue Gestein des Holzes

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Das graue Gestein des Holzes

Man sehe die Ölbäume im Talgrund von Asomatos! So großartige alte Stämme sah ich noch nie. Sie scheinen die Urväterahnen zu sein aller übrigen. Sogar in der Ebene von Krisa unterhalb Delphi, im heiligsten Ölwald der Welt, waren sie, glaube ich, nicht so gewaltig, und in den unendlichen Hainen von Lesbos waren es Söhne eines ganz anderen Geschlechts: geordnete Scharen, planvoll und sittsam gepflegt.

Hier aber steht jeder ganz auf sich selber, ein Riese und Held. Ich umschreite eines dieser Ölbaumgebirge dicht um den Stamm mit großen Schritten. Siebzehn. Siebzehn Schritt um ein Gewirk aus Alter, Frucht und Zeit, um Lebendiges, das sich tausend oder zweitausend Jahre ans Dasein klammert mit Leidenschaft. Nichts mehr an ihm ist, wie es war. Der Stamm ist hohl, die Rinde durchlöchert. Vielmals kann man den Arm durchs zerwirkte Gebilde tun. Tausend Tode ist er gestorben und tausendmal wieder zum Leben erwacht, der große Geduldige. Er ist nichts einzelnes mehr, sondern ein Vieles, ein Zopfwerk und Flechtwerk von Strängen und quellenden Wachstumszügen. Alt, uralt. Ich lege die Hand an das warm durchsonnte, graue Gestein seines Holzes. Großer, alter Freund. Aber seine Krone zeigt nichts von Alter und nichts von Gebrechlichkeit. So uralt sein Grund ist, so jung ist das Leben, das er erzeugt. Denn auch das bringt er zuwege in seiner Ölbaumweisheit, dass er sich immer verjüngt. Sie schneiden alljährlich die Stämme zusammen, bis nichts mehr vom Grünen bleibt. Er lässt sich’s gefallen, treibt großmütig und gütevoll immer neue Reiser. Denn er weiß auch, dass dies das Beste ist: fortdauernde Alterskraft und Jung-Lebendiges, das aus ihr erwächst, Sprießendes, Springendes, man muss es gewähren lassen, wie es will: denn es wird es schon noch erfahren. Ich laufe unter den Kronen durch die heiße Nacht einen Ölberg hinan. Der Mond steht über den Höhen des Ida und lässt die einfachen Atemzüge der Landschaft einfacher noch und klarer erscheinen. (…) Da ragt unter Oliven eine Zypresse: steil, festumrissen, schwarz, lanzenhaft. Ein Wächter des Tals.

Erhart Kästner: Kreta (1904-1974)

Text und Aquarell stammen aus dem Buch „Olivenbäume – Beobachter der Stille“, das bereits in zweiter, überarbeiteter Auflage im Verlag der Griechenland Zeitung erschienen ist.


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