Das Kafeníon

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Unser Foto (© Griechenland Zeitung / Jan Hübel) zeigt ein Kafeníon in einem Bergdorf auf der Peloponnes Unser Foto (© Griechenland Zeitung / Jan Hübel) zeigt ein Kafeníon in einem Bergdorf auf der Peloponnes

Αn dieser urgriechischen Institution entzündeten sich früher, d. h. in den ersten Jahren zunehmenden Fremdenverkehrs nach dem Fall der Diktatur, immer wieder Debatten, die man auch in Reiseführern nachlesen konnte und in denen ein hartnäckiges, aber mittlerweile ausgestorbenes Vorurteil zutage trat: In Griechenland seien Frauen aus den Cafés ausgesperrt und ins Haus verbannt. Der Irrtum beruhte schon auf der Fehlinterpretation, dass das Kafeníon ein Café sei. Das Kafenion war und ist kein Café, sondern das, was man anderswo unter einer Kneipe versteht.

Mit einem wesentlichen Unterschied: Es geht dort selten um Alkoholgenuss – allenfalls einen kleinen Oúzo oder einen Tsípouro, einen nur, gönnt man sich –, sondern tatsächlich meist um ein Tässchen – wieder ein einziges – griechischen Kaffee, den Ellinikós, den man beileibe nicht mit dem türkischen verwechseln darf, obwohl er tatsächlich genau dasselbe ist! Im Kafeníon sieht man wirklich selten eine Frau, und wenn, dann ist sie oft die Wirtin. Aber auch junge Männer sind hier rar. Das klassische Kafeníon ist eine Domäne der alten Herren. Hier sitzen sie, zu jeder Tages- und Abendzeit, die Stunden der Mittagsruhe ausgenommen, allein mit der Zeitung, öfter aber in geselliger Runde, spielen Karten oder Távli, diskutieren oder beobachten das Treiben auf der Straße. Deshalb haben die traditionellen Kafenía riesige Fenster ohne Vorhänge: Die drinnen Sitzenden können am Leben draußen teilhaben, und die draußen Stehenden können sehen, wer von ihren Nachbarn und Freunden anwesend ist. Dabei ist das klassische Kafeníon der ungemütlichste Ort, den man sich vorstellen kann: Kahle Fenster, schlichte Holztische und -stühle, ein Tresen, hartes Neonlicht, Rauchschwaden selbst noch in Zeiten des Rauchverbots. Natürlich ist die Gemütlichkeit Ansichtssache. Die alten Herren flüchten vielleicht allzu gern aus den mit Spitzendeckchen und Nippes überfüllten Wohnzimmern ihrer Ehefrauen in diese zweckorientierte Kargheit. Und sind mit ihrem Tässchen Kaffee und einem Glas Wasser bei Ihresgleichen – stundenlang. 

Textauszug aus dem GZ-Buch „Mein Blick auf Griechenland“ von Ursula Spindler-Niros. In ihrem Buch erfahren Sie mehr über dieses kontrastreiche Land, seine Menschen, über Traditionen, Sitten und Bräuche, Essen und Trinken sowie die griechische Mentalität.

Cover Mein Blick 350

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