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Rund ums rote griechische Ei

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Rund ums rote griechische Ei

Eier zu Ostern zu verschenken – das ist eine internationale wie auch eine griechische Sitte. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Hühner just im Frühling besonders eifrig zu legen beginnen. So gab es in Bauernhaushalten Eier im Überfluss, und was man übrig hat, verschenkt man lieber und leichter als das, woran es einem mangelt. Schon aus byzantinischen Zeiten sind Berichte überliefert, dass in Griechenland zu Ostern Eier verschenkt wurden, und zwar – genau umgekehrt wie heute – vom Kleineren an den Größeren bzw. Höheren, als einfache, kostengünstige Gaben, die jedoch den verwöhntesten Gaumen erfreuen konnten: Schüler schenkten sie Lehrern, Gläubige den Pfarrern und Patriarchen, Untertanen den adligen Herren …

Diesen Ostergeschenken eine symbolische Bedeutung zu geben, war ein Leichtes: Ist doch das Ei die biologische Quelle neuen Lebens … Viel später bemächtigten sich die Zuckerbäcker und Konditoren des Eies, und griechische Kinder erhalten Jahr für Jahr von ihren Paten riesige Schokoladeneier. Warum aber wurden in Griechenland die Eier ursprünglich ausschließlich und werden sie heute noch überwiegend rot gefärbt? Auch dieser Brauch dürfte wie das Verschenken des Eies einen praktischen und einen symbolischen Sinn haben. Wollte man doch ein Geschenk immer schon auch schön verpacken, und da der essbare Teil des Eies ja von Natur aus schon sicher in einer Schale ruht, war das Bemalen die einfachste Methode und die rote Farbe ursprünglich wohl auch am leichtesten herzustellen. Zudem galt die Purpurfarbe seit alters her als die vornehmste aller Farben. Symbolisch wird das Rot allgemein mit dem Blut Christi in Verbindung gebracht. Doch sind verschiedene volkstümliche Legenden im Umlauf, von denen ich eine erzählen will: Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im Heiligen Land das Gerücht von Christi Auferstehung. Eine Bauersfrau, die mit einem Korb voll Eiern über Land ging, um sie am Passahfest zu verkaufen, hörte davon und sagte ungläubig: „Wenn das stimmt, dann sollen mir meine Eier rot werden!“ Und da geschah mitten in ihrem Eierkorb ein Wunder. Der Osterhase als magischer Postbote, der die Eier ins Haus bringt, ist aus Mitteleuropa eingereist ebenso wie die grasgrünen, blauen, orangegelben oder pastellfarbenen Eier, die zunehmend das griechische Rot verdrängen wollen. Das Verstecken und Suchen der Eier ist in Griechenland unbekannt. Als unsere Kinder klein waren, bemühte ich mich, griechische und deutsche Ostersitten zu kombinieren. So gab es neben den Körbchen mit roten auch solche mit bunten Eiern, und die süßen Ostergeschenke wurden zwischen den Narzissen und Margeriten im Garten versteckt. Als Ostern mal wieder auf die ersten Maitage fiel, stellte sich heraus, damals bitterlich beweint, heute in der Erinnerung viel belacht, dass die Schokoladen innerhalb ihrer bunten Glitzerhüllen im schon sommerlichen Sonnenschein dahin geschmolzen waren ... Genau wie in Österreich (Eier-Pecken) gibt es auch in Griechenland das Eierklopfen; griechisch Tsoúngrisma. Es ist ein beliebtes sportlich-vergnügliches Wettspiel keineswegs nur für die Kleinen. Der ursprüngliche Sinn soll darin bestanden haben, dem neu erstehenden Leben symbolisch schneller ans Licht zu helfen. Das Tsoúngrisma beginnt beim Auferstehungsmahl in der Osternacht und endet, wenn die letzten zwei roten Eier verspeist sind. Versuche jugendlicher Spaßvögel, rot bemalte Sockenstopfeier aus Holz unterzuschmuggeln, werden schnell durchschaut und ausgebuht.

Textauszug aus dem GZ-Buch „Mein Blick auf Griechenland“ von Ursula Spindler-Niros. In ihrem Buch erfahren Sie mehr über dieses kontrastreiche Land, seine Menschen, über Traditionen, Sitten und Bräuche, Essen und Trinken sowie die griechische Mentalität.

 

 Cover Mein Blick 350

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