Neue Forschungen, Auswertungen und modernste Untersuchungstechniken

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Neue Forschungen, Auswertungen und modernste Untersuchungstechniken

Aus dem Jahresbericht 2014 des Deutschen Archäologischen Instituts Athen

Wie alljährlich wurden im Dezember die Tätigkeiten deutscher Archäologen in Griechenland, die unter der Leitung oder in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) Athen sowie den jeweils zuständigen griechischen Antikendiensten (Ephorien) in 2014 vorgenommen worden waren, in einem Jahresbericht durch die erste Direktorin der Instituts, Professor Dr. Katja Sporn, vor geladenem Publikum vorgetragen. Erstmals wurden Beschreibungen aller laufenden Feldforschungen und wissenschaftlichen Arbeiten in einer Broschüre mit dem Titel „DAI ATHE/NEA 2014“ veröffentlicht.

In Olympia wurde ein auf fünf Jahre angelegtes Ausgrabungsprogramm zur Klärung der Bebauung, Nutzung und Datierung der antiken Schichten eines Areals im Südosten des Zeusheiligtums unter der Leitung des Zweiten Direktors, PD Reinhard Senff, im Oktober 2014 abgeschlossen. Dabei waren meterhohe Lagen von Schwemmerde des Alpheios-Flusses und vom Schutt früherer Ausgrabungen abzutragen. Wie in den Jahren zuvor suchte man vergeblich nach Spuren des Hippodroms, das antike Quellen unmittelbar östlich dieses Terrains lokalisieren. Schon die geophysikalische Untersuchung von 2008/09 ergab an dieser Stelle keinen Hinweis auf antike Reste. Zufällig aber wurde bei modernen Straßenarbeiten östlich des Stadions das Heiligtum der Demeter Chamyne an der Stelle gefunden, wo es der antike Reiseschriftsteller Pausanias bei seiner Beschreibung eines Rundgangs durch das Hippodrom erwähnt. 

Die frühesten Schichten des untersuchten Areals stammen aus archaischer und frühklassischer Zeit und weisen Belege für Feuerstellen, Aschegruben und einfache Brunnenlöcher auf, wo man nach kurzfristiger Nutzung Abfälle, Knochenreste, Scherben, Geräte und Waffenfragmente entsorgt hatte. Es handelt sich also um ein Gelände, in dem während der Spiele Besucher lagerten. Die Waffen dürften zu Trophäen gehört haben, die Zeus zum Dank für einen Sieg als Weihegaben am Stadionrand aufgestellt wurden. Wichtige Funde aus den Brunnen sind u.a. ein korinthischer Helm und mehrere Beinschienen, die 2014 restauriert wurden.
Zwischen den Spielen etablierten sich offensichtlich zeitweilig Werkstätten auf dem Gelände; eine estrichartige Arbeitsplatte wurde freigelegt, die der Tonbereitung in einer Töpferei diente.
Im Berichtsjahr gab es auch wieder Rekonstruktionsprojekte (Anastylosen), um den Besuchern der archäologischen Stätte die ursprüngliche Gestalt zerstörter Bauglieder vorzuführen.
Seit 2010 läuft in Olympia ein hochmodernes Projekt zur Erforschung der spätklassischen „Südhalle“, die für das Verständnis der Entwicklung der gesamten südlichen Heiligtumsbereiche relevant sein dürfte, weil sie als einziges markantes Gebäude ihre Front nicht der Altis, dem Heiligen Hain, sondern dem Alpheios zuwendet. Ein „parametrisches digitales Rekonstruktionsmodell“, das die gewonnenen Erkenntnisse nachvollziehbar abbildet und Befund, gesicherte und wahrscheinliche Rekonstruktion, Konstruktionsvarianten, Bauphasen usw. gleichzeitig berücksichtigt, soll die Bausituation aufklären.

Neueste archäologische Untersuchungstechniken kommen auch in Tiryns zur Anwendung. 02 Tiryns Bild 1smalljpgSchon seit 2013 läuft dort im nördlichen Teil der Unterstadt ein Grabungsprojekt zwischen der Ephorie Navplion, dem DAI Athen und der Universität Heidelberg unter der Leitung von Professor Joseph Maran und A. Papadimitriou mit dem Ziel, die Siedlungspolitik im 12. Jh. v. Chr. besser zu verstehen, denn die Neubesiedlung in Tiryns zu dieser Zeit scheint eine Ausnahmeerscheinung zu sein. Um das Jahr 1200 v. Chr. bereitete ein epochales Zerstörungsereignis den Zentren der mykenischen Hochkultur ein jähes Ende, und bisher war die Forschung davon ausgegangen, dass kaum Anzeichen ihrer Neubelebung zu verzeichnen seien. In der nördlichen Unterstadt von Tiryns jedoch gibt es Hinweise auf eine dynamische Siedlungsentwicklung: Es entstanden dort nicht nur neue Bauprojekte, sondern die ursprüngliche besiedelte Fläche ist sogar um ein vor der Katastrophe unbebautes Gebiet ausgedehnt worden. In einem phänomenalen Bauprojekt war im 13. Jh. v. Chr. Neuland gewonnen worden, indem man einen immer wieder Überschwemmungen hervorrufenden Fluss umleitete. Das Schwemmland lag zunächst aber brach und wurde erst nach der Zerstörung des Palastes ab dem frühen 12. Jh. bebaut, so dass bei seiner Besiedelung keine Rücksicht auf bereits bestehende Bauten genommen werden musste. Dadurch wird das Terrain wissenschaftlich hochinteressant, weil ein geradezu unmittelbarer Einblick in die Baukultur und Lebensweise der Siedler des frühen 12. Jh. v. Chr. möglich wird. Gefördert von der Deutschen Forschungsgesellschaft, arbeitet seit 2014 ein internationales Archäologenteam aus Griechenland, Deutschland, Israel, Kanada, den Niederlanden und den USA in einem Pilotprojekt mit bisher kaum erprobten mikroarchäologischen Verfahren zusammen, um jedes Detail zu analysieren, das über das Leben einer Gemeinde dieser Zeit Aufschluss geben kann: wie Räume und Installationen genutzt, welche Tiere und Pflanzen gegessen, wie Objekte verwendet wurden, was in Gefäßen verwahrt oder auf Mahlsteinen zerrieben wurde und nicht zuletzt, was zu Boden gefallen und der „Besenreinlichkeit“ entgangen ist … Der kleinste in den damaligen Lehmfußboden eingestampfte Dreck gewinnt in dieser Mikroabfalluntersuchung Bedeutung.

Nur wenige Zentimeter unter der heutigen Oberfläche haben die Ausgräber mehrere gut erhaltene Architekturschichten des 12. Jh. freigelegt, deren Funde aber zeigen, dass die Siedlung nur bis ca. 1130 v. Chr. Bestand hatte. Die bisher ausgegrabenen Häuser waren um Wirtschaftshöfe angelegt, innen und außen befanden sich Herde. Die Anlage lässt auf ein systematisches, nach einem festen Schema erarbeitetes Siedlungskonzept und einen recht hohen Lebensstandard schließen. Ein Entwässerungskanal verweist auf eine kommunal organisierte urbane Infrastruktur noch Jahrzehnte nach der Palastzerstörung. Funde beweisen, dass es nach wie vor Beziehungen zu anderen kulturellen Zentren wie Kreta, Zypern und Süditalien gab.
In protogeometrischer Zeit wurde in die Ruinen der Siedlung des 12. Jh. v. Chr. ein von Mauern umfasster Grabbezirk angelegt, der auch in geometrischer Zeit genutzt wurde.
In den Grabungskampagnen des Jahres 2015 will man u.a. Erkenntnisse über eine etwaige rituelle Nutzung von Teilen des Areals sowie über Form und Funktion der Herdanlagen gewinnen.

Im Kerameikos von Athen, dessen Grabung 2014 ihr hundertjähriges Jubiläum feierte, wurden unter der Leitung von Jutta Stroszeck antike Infrastrukturprojekte untersucht. An einem Abschnitt der Heiligen Straße, auf der die Prozessionen nach Eleusis und unzählige Leichenzüge entlang zogen, gewann man einen „einzigartigen Einblick“ über Hunderte Jahre von der Klassik bis in die Spätantike. Es war durchgehend eine Erdstraße aus festgestampfter, von kleinen Steinchen durchsetzter Erde. Wagenspuren zeugen von regem Lastverkehr besonders in klassischer Zeit. In einer Schicht des ausgehenden 5. Jh. v. Chr. fanden sich Ansammlungen von Asche und Holzkohle sowie Reste von Kochgeschirr und Tonlampen. Ob es sich nur um eine Schuttanhäufung oder um Zeichen einer Opferhandlung mitten auf der Straße handelte, muss nun geklärt werden.
Neben und unter den Kerameikosstraßen beweisen viele Wasserleitungen und Kanäle vom 6. vor- bis zum 6. nachchristlichen Jh. ein durchdachtes Wasserbaumanagement.03 Kerameikos PB060039small2014 wurde eine große Abwasserleitung untersucht, die 500 Jahre lang benutzt, in dieser Zeit mehrfach ausgebessert bzw. erneuert wurde und ein besonderes Bild von der Lebensweise im kaiserzeitlich römischen Athen bis zur Zeit Justinians (527-565 n. Chr.) vermittelt. Bemerkenswert war der Fund eines Grabreliefs des 4. Jh. v. Chr., das als Abdeckplatte verwendet wurde.
Im Hellenismus wurde nach einer Änderung im Verlauf der Heiligen Straße mitten in ihrem ursprünglichen Raum ein in den Fels gearbeiteter ungewöhnlich tiefer Brunnen angelegt, der heute noch 16 m tief ist und dessen Wände bis 1,80 m mit Tonzylindern ausgekleidet sind. Er sicherte die ganzjährige Wasserversorgung im Bereich des Hl. Tores. Wenig innerhalb des Hl. Tores selbst konnte eine der seltenen steinernen Brücken in Attika, wo man sonst meist Furten benutzte, dokumentiert werden. Sie führte über das kanalisierte Bachbett des Eridanos, leitete den Verkehr vom Hl. Tor zur großen Platzanlage im Dipylon-Tor und weiter in die breite Straße zur Agora.

Im Hera-Heiligtum von Samos widmete man sich 2014 der Aufarbeitung der Funde aus den Grabungen 2009 - 2013. Zahlreiche Mitarbeiter befassten sich mit der Restaurierung von Keramik und Kleinfunden, andere arbeiteten an der Publikation älterer Funde.04 Samos D-DAI-ATH-2014-4700smallDie wissenschaftlichen Untersuchungen dieses Zeitraums waren auf die frühe Besiedlung des Terrains konzentriert. Nördlich der Heiligen Straße wurde unter der Leitung von Ourania Kouka, Universität Zypern, eine von der späten Kupferzeit (4500-3200 v. Chr.) bis zur mittleren Bronzezeit (2000-1700) bestehende Siedlung nachgewiesen. Professor Wolf-Dietrich Niemeier, vormaliger Direktor des DAI Athen, erforschte die Genese des Heiligtums anhand stratographischer Abfolgen und legte eine feingliedrige Schichtung unterschiedlicher Deponien von Kultabfällen des 7. und 6. Jh. v. Chr. frei.

Die seit 2004 von Professor Niemeier aufgenommenen neuen Grabungen bei Kalapodi hatten in Verbindung mit Quellenstudien zur Identifikation der Stätte als das bedeutende Orakelheiligtum von Abai geführt sowie zu der Erkenntnis, dass im Bereich des Südtempels bereits in der 2. Hälfte des 15.Jh.v.Chr. ein erster Kultplatz angelegt wurde, auf den bis zum Tempel der römischen Kaiserzeit neun weitere Vorgängerphasen bzw. –bauten folgten.2014 ging die Grabung in die Verantwortung der jetzigen Direktorin des DAI Athen, Professor Katja Sporn, über, und die Aufarbeitung der Funde, die auch Aufschluss über Kultrituale geben konnten, wurde fortgeführt. In den Fokus rückt nun jedoch die Erschließung des Heiligtums jenseits der beiden Tempel. Dafür wurden in einem Areal von insgesamt 7 ha ringsum geophysikalische Untersuchungen durch die Universität Kiel vorgenommen. Auf der geomagnetischen Projektion lassen sich sehr ruhige Flächen von Konzentrationen höherer Amplituden trennen, die eindeutig auf Ansammlungen gebrannten Lehms hinweisen. Vereinzelt sind aufgehende Mauern zu vermuten. Im Westen des untersuchten Geländes finden sich lineare Strukturen, die auch durch verfüllte Gräben oder unterfütterte Weg verursacht sein können. Bestätigt durch elektromagnetische Messungen, konnte eine 6 x 9 m große Fläche ausgemacht werden, die bis zu 1,80 m tief reicht: Hier stand ein großes Gebäude mit nordöstlicher Ausrichtung. Dass die strenge Ost-West-Orientierung aufgegeben ist, verweist wohl auf einen zeitlichem Zusammenhang mit den hocharchaischen Tempeln (ca.560 v.Ch.).

Außerhalb der fünf Traditionsgrabungen des DAI Athen kam es 2014 zu weiteren deutschen Forschungsprojekten bzw. Auswertungen langfristiger Untersuchungen in Griechenland. Auf der Insel Kos wurden durch die Universität Freiburg alte Vermessungen der 30er Jahre des 20. Jh. korrigiert und an bestimmten Punkten die Baugeschichte des Asklepios-Heiligtums neu geschrieben.
In verschiedenen deutsch-griechischen Grabungskampagnen und Feldforschungen der letzten Jahre in der Präfektur Akarnanien, vor allem auf der Plaghia-Halbinsel, begann man mit der Auswertung der Funde und Befunde, wobei es vor allem um eine Funktionsanalyse von Keramik geht. Erhofft werden ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse für die Eisenzeit und die Archaik. Mithilfe interdisziplinärer Untersuchungen (palynologische und archäozoologische) und durch Vergleiche mit anderen Gebieten Akarnaniens, will man ein vielschichtiges und umfassendes Bild von den Konsum- und Ernährungsmustern des 11. bis 6. Jh. v. Chr. gewinnen.
Auch für das archäologische Gelände von Kleonai, das zwischen 2000 und 2011 von Torsten Mattern, Universität Trier, in Zusammenarbeit mit der Ephorie Korinth und dem DAI Athen erforscht wurde, stand 2014 die Aufarbeitung und Publizierung der Ergebnisse an. 05 KleonaismallDie Architektur der antiken Stadt, die an einem wichtigen Verkehrsweg zwischen Nemea und Argos lag, ist ein Beispiel für die Innovationsfreude kleinerer Städte, die manchmal frischere und buntere Konzepte aufweisen als die großen Zentren, die ihren Traditionen verpflichtet sind. Der erste Band der Publikation über den Heraklestempel von Kleonai soll in der ersten Hälfte 2015 herauskommen, und die Feldforschungen sollen in einigen Jahren wieder aufgenommen werden.
Ursula Spindler-Niros


Fotos:

Olympia: Südhalle
Tiryns: Ausgrabung in der nordwestlichen Unterstadt
Kerameikos: römische Abwasserleitung unter der Hl, Straße
Samos: Fundbearbeitung und Restaurierung (vorn das Ehepaar Niemeier)
Kleonai: Rekonstruktionszeichnung des Heraklestempels

 

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