Der griechische Parlamentspräsident schlägt Alarm. „Die Historiker der Zukunft werden über einen Staat und eine Gesellschaft berichten, die einen graduellen demografischen Selbstmord begehen“, warnte Nikitas Kaklamanis mit Blick auf den Bevölkerungsschwund in seinem Land.
Die Statistik verdeutlicht die Dramatik des schleichenden Schrumpfungsprozesses.
Zählte Griechenland im Jahr 2005 noch 11,2 Millionen Einwohner, waren es fünfzehn Jahre später nur noch 10,4 Millionen. Und der negative Trend setzt sich fort. Sollte keine Trendwende gelingen, dürfte die Bevölkerung bis 2050 auf neun Millionen sinken, zum Ende des Jahrhunderts sogar auf nur mehr 6,3 Millionen. Hinter dieser Entwicklung steht eine einfache demografische Rechnung: Seit vielen Jahren sterben in Griechenland mehr Menschen als geboren werden. Im Jahr 2025 standen mehr als 125.000 Todesfällen lediglich rund 63.000 Geburten gegenüber.
Abwanderung junger Leute
Zusätzlich verschärft wurde das Problem durch die massive Auswanderung vor allem junger Griechinnen und Griechen. In den Jahren der Finanzkrise kehrten deutlich mehr als 400.000 Menschen im besten Erwerbsalter ihrer Heimat den Rücken. Besonders schwer wiegt dabei, dass viele von ihnen zur Funktionselite des Landes gehörten, in deren Ausbildung der griechische Staat erhebliche Ressourcen investiert hatte. Ärzte, Apotheker, Ingenieure oder Architekten – zahlreiche junge Akademiker zog es in den Krisenjahren ins Ausland, wo bessere Löhne und attraktivere Lebensbedingungen lockten. Vor allem Deutschland, aber auch andere EU-Staaten wurden zum Ziel einer neuen Generation griechischer „Gastarbeiter“. Die wirtschaftliche Misere im eigenen Land und die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union begünstigten diese Entwicklung.
Halb Griechenland im Ausland
„Griechenland ist wie eine Fußballakademie, die über Jahre die besten Spieler ausbildet, die dann, wenn das Spiel beginnt, zur Konkurrenz wechseln“, sagte Georgios Sofianos, CEO der SofMedica Group, eines der führenden griechischen Unternehmen für innovative Medizintechnologie in Südosteuropa. Sofianos sprach auf der Jahreskonferenz der BrainReGain-Initiative, die kürzlich in Athen stattfand und sich gezielt für die Rückkehr griechischer Fachkräfte einsetzt.
In der 2019 gegründeten Initiative ziehen führende Unternehmen, Wirtschaftsverbände und die griechische Regierung an einem Strang. Die strategisch angelegten Rückholprogramme richten sich an Menschen mit griechischen Wurzeln, die im Ausland eine neue Heimat gefunden haben. Im Fokus stehen vor allem jene Talente, die während der Wirtschaftskrise das Land verließen. Angesprochen werden aber auch Mitglieder der zahlreichen Diaspora-Gemeinden, deren Familien teilweise seit Generationen außerhalb Griechenlands leben. „Ein halbes Griechenland lebt heute außerhalb Griechenlands“, sagte Maira Myrogianni, Generalsekretärin für die Auslandsgriechen im Athener Außenministerium.
Die aktuellen Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die gute Nachricht lautet, dass der Trend zur Abwanderung in den vergangenen Jahren gestoppt werden konnte. Die Botschaft, die die Regierung gemeinsam mit vielen beteiligten Unternehmen aussendet, ist eindeutig: Griechenland sei heute ein anderes, ein besseres Land – mit neuen Chancen auf ein erfolgreiches Leben für die junge Generation. Das gelte sowohl für die Menschen im Land als auch für die Millionen Griechinnen und Griechen im Ausland.
Heimkehr ins gelobte Land
Wie attraktiv die Lebensperspektiven in Griechenland tatsächlich sind, darüber gehen die Meinungen jedoch auseinander. Während Regierung und ihre Unterstützer von einer anhaltenden Erfolgsgeschichte schwärmen, verweisen Kritiker auf soziale Missstände und ungelöste strukturelle Probleme. Es ist ein Konflikt konkurrierender Narrative, der die griechische Innenpolitik prägt und auch auf der Athener Konferenz sichtbar wurde.
Für Aufsehen sorgte die aus Kalifornien angereiste Helleno-Amerikanerin Shelly Papadopoulos, Vorsitzende des Hellenic American Women's Council in Los Angeles. Natürlich, sagte die Tochter griechischer Auswanderer, wollten ihre Kinder und viele andere Angehörige der Diaspora ins gelobte Griechenland zurückkehren. Doch sie stießen dort auf zahlreiche „Barrieren“. „Die Gehälter sind einfach nicht vergleichbar. Und dann ist da die Vetternwirtschaft, die dazu führt, dass Menschen mit den geringsten Qualifikationen die besten Jobs bekommen. Unter diesen Umständen glaube ich nicht, dass viele zurückkehren werden.“ Dass Papadopoulos für ihre Kritik Szenenapplaus erhielt, deutet darauf hin, dass ihre Vorwürfe bei vielen Zuhörern einen Nerv trafen.
Im Mittelpunkt der Kampagne stehen insbesondere Menschen mit medizinischer Ausbildung, da sich der Fachkräftemangel in diesem Bereich besonders gravierend auswirkt. Das gilt auch für Griechenland, das sich gern rühmt, einige der besten Ärztinnen und Ärzte der Welt hervorzubringen, während zugleich in vielen ländlichen Regionen und auf zahlreichen Inseln ein dramatischer Ärztemangel herrscht.
„Die Gesundheit kehrt nach Hause“
Dr. Kalliopi Kalaitzi gehört zu der wachsenden Gruppe griechischer Mediziner, die nach Jahren in Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Nach ihrem Medizinstudium in Thessaloniki ging sie nach Deutschland, absolvierte dort ihre Facharztausbildung und arbeitete unter anderem an der Berliner Charité. Die Rückkehr nach Griechenland sei zunächst ein „Schock“ gewesen, erzählt die Ärztin. Inzwischen hat sie sich erfolgreich etabliert und die erste Klinik für Lifestyle-Medizin des Landes gegründet.
Heute schwärmt Kalaitzi von „besseren Gestaltungsmöglichkeiten“, die Griechenland ihr biete. Zugleich engagiert sie sich ehrenamtlich in der BrainReGain-Initiative. Unter der Überschrift „Die Gesundheit kehrt nach Hause“ befragt sie regelmäßig im Ausland lebende griechische Medizinerinnen und Mediziner zu ihren Zukunftsplänen. Die jüngsten Ergebnisse zeigen, dass 66 Prozent der Befragten eine Rückkehr nach Griechenland in Betracht ziehen. Als wichtigste Gründe nennen sie den Wunsch, wieder näher bei ihren Eltern zu leben, sowie ihre emotionale Bindung an das Vaterland. Angesichts dieser vergleichsweise aber nur recht kleinen Stichprobe besitzen die Ergebnisse nur eine begrenzte Aussagekraft. Gleichwohl wäre es ein bemerkenswerter Erfolg – nicht zuletzt für das griechische Gesundheitssystem –, wenn tatsächlich zwei Drittel der im Ausland tätigen griechischen Ärzte zurückkehren.
Das übergeordnete, von manchen Beobachtern sogar als existenziell bezeichnete demografische Problem des Landes können rückkehrwillige Auslandsgriechen allerdings nicht lösen. Dafür sind die Dimensionen der Herausforderung schlicht zu groß.
(Griechenland Zeitung/ Ronald Meinardus)