Quo vadis, Ethniki Ellados?

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Unser Foto (© eurokinissi) zeigt die griechische Nationalmannschaft vor ihrem letzten EM-Qualifikationsspiel gegen Finnland, das 2:1 gewonnen wurde. Unser Foto (© eurokinissi) zeigt die griechische Nationalmannschaft vor ihrem letzten EM-Qualifikationsspiel gegen Finnland, das 2:1 gewonnen wurde.

Während die nationalen Ligen vor einer Geisterkulisse weiterspielen, ruht der internationale Fußball weiter. Die Europameisterschaft wurde abgesagt. Was waren das noch für Zeiten, als Griechenland 2004 völlig überraschend den Titel in diesem Wettbewerb holte! Die damalige Euphorie ist verflogen; doch vielleicht gelingt es der Mannschaft, sich wie ein Phönix aus der Asche zu erheben.

Ohne die Corona-Pandemie wäre an diesem Sonntag (12.7.) in London der neue Fußball-Europameister gekürt worden. Nunmehr 16 Jahre sind vergangen, seit Griechenland mit dem Sieg in Lissabon und dem damit einhergehenden ersten Titel die Sensation gelang. Heute fristet die Nationalmannschaft („Ethniki Ellados“) ein eher tristes Dasein. Bereits zum dritten Mal in Folge wurde die Teilnahme an einem großen Turnier in der Qualifikation verspielt, so auch für die in diesem Sommer geplante EM, die auf 2021 verschoben wurde. Es stellt sich die Frage: Wie steht es eigentlich um die Ethniki Ellados?


Glorreiches Zwischenhoch

Als die Griechen 2004 unter dem deutschen Trainer Otto Rehhagel den europäischen Fußballolymp erklommen, hatte die kleine Fußballnation überhaupt erst zum dritten Mal an einem großen, internationalen Fußballturnier teilgenommen. Mit einem rigorosen Defensivsystem gelangen ab dem Viertelfinale drei 1:0-Siege gegen Frankreich, Tschechien und Gastgeber Portugal. Spieler wie Georgios Karagounis, Antonis Nikopolidis oder Finalheld Angelos Charisteas wurden zu Helden der griechischen Fußballgeschichte und bei der Ankunft in Athen gefeiert und verehrt wie Götter. In den Folgejahren wurde Hellas mit Ausnahme der WM 2006 zu einem Dauergast auf der internationalen Fußballbühne und nahm bis zur WM 2014 an jedem großen Turnier teil, sodass mittlerweile sieben Teilnahmen zu Buche stehen. Bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien erreichte man gar das Achtelfinale und überstand damit erstmals die WM-Gruppenphase. Im Elfmeterschießen gegen Costa Rica schieden die Hellenen dann aus.
Seitdem geht es bergab für die Ethniki Ellados. Mit der verpassten Qualifikation zur EM 2016 begann eine neuerliche Misere, die bis heute anhält. Fünf verschiedene Coaches haben sich seit 2014 um den Wiederaufbau bemüht, lange blieben sie meist nicht im Amt. Seit Juli 2019 ist der Niederländer John van’t Schip mit der Aufgabe betraut, das sportbegeisterte Griechenland wieder auf die internationale Fußballkarte zurückzubringen.
 
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Der neue Trainer John van’t Schip (© eurokinissi) leitet die Ethniki Ellados seit Sommer 2019.

Alte Lorbeeren zählen nicht

Der niederländische Ex-Nationalspieler übernahm die Nationalmannschaft nach vier von zehn Qualifikationsspieltagen und hatte einen schweren Einstand: Eine 0:1-Auswärtsniederlage gegen Finnland und ein blamables 1:1 im Heimspiel gegen Liechtenstein stellten die Weichen frühzeitig auf ein Aus in der Qualifikation. Doch aus den jüngsten Auftritten im vergangenen Herbst kann neue Hoffnung für die Zukunft geschöpft werden. Neben einer guten Leistung gegen Italien, die mit einer Niederlage endete, gelangen in den letzten drei Quali-Spielen drei Siege. Die Mannschaft war an einigen Stellen verjüngt worden und so betrug das Durchschnittsalter der Startelf zuletzt nur etwa 25 Jahre. Für viele ältere Spieler ist derzeit kein Platz mehr. Angesprochen auf die bekannten Legionäre Sokratis (32 Jahre/spielt bei FC Arsenal London) und Kostas Manolas (29/SSC Neapel), die zuletzt nicht mehr im Aufgebot berücksichtigt wurden, äußerte sich van’t Schip in einem Interview gegenüber Nova vielsagend: Ziel sei es, „Spieler auszuwählen, die für Griechenland kämpfen. Jeder Spieler muss 100 Prozent geben“. Zuvor gab es bereits Berichte, wonach die beiden Star-Innenverteidiger ihr Ego über das Team gestellt hatten. Der neue Coach bewies mit der Entscheidung, dass er bei der Kaderauswahl keinen Wert auf alte Lorbeeren legt. Vielmehr zähle die aktuelle Form und die Leistungsbereitschaft. Jedoch schloss van’t Schip nicht aus, das die beiden nochmal zurückkehren könnten. Gleiches gilt auch für Kostas Mitroglou (32/zuletzt PSV Eindhoven), der jahrelang die Nummer eins im Sturm war, zuletzt aber nicht mehr eingeladen wurde.

Neuaufbau mit jungen Talenten

Stattdessen spielte sich im Angriff zuletzt Evangelos Pavlidis von Willem II Tillenburg in den Vordergrund. Der 21-Jährige, der zwischenzeitlich auch in Deutschland unter Vertrag stand, erzielte seit seinem Wechsel in die niederländische Liga 16 Tore in 39 Spielen und ist laut van’t Schip „die Zukunft der Nationalmannschaft“. Pavlidis steht dabei stellvertretend für den Umbruch in der griechischen Nationalelf. Während altgediente Spieler früher noch bis über ihren Zenit hinaus einen Stammplatz innehatten, setzt der neue Coach auf junge, entwicklungsfähige Talente. So baute er zuletzt in der Innenverteidigung auf Pantelis Hatzidiakos (23/AZ Alkmaar), im Mittelfeld auf den Sechser Konstantinos Galanopoulos (22/AEK Athen) und im Angriff neben dem erwähnten Pavlidis auch auf den dribbelstarken Flügelstürmer Dimitris Limnios (22/PAOK Saloniki). Eine Achse aus jungen Talenten gepaart mit etwas erfahrenen Spielern soll sich nun einspielen, um bei der bevorstehenden WM-Qualifikation wieder angreifen zu können. Denn das Ziel ist klar: Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2022 in Katar. „Wir müssen kreativ und geduldig sein und einen großen Teamgeist entwickeln“, gibt Trainer van’t Schip die Marschroute vor.
 
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Der 21-jährige Stürmer Evangelos Pavlidis (in der Mitte, © eurokinissi) ist "die Zukunft der Nationalmannschaft".

Standortbestimmung für die junge Elf

Während die Gegner in der WM-Qualifikation noch auszulosen sind, stehen die Kontrahenten in der Nations League bereits fest. In der Gruppe drei der Liga C trifft Griechenland auf Slowenien, Kosovo und die Republik Moldau – allesamt machbare Aufgaben. Nichtsdestotrotz werden die beiden für Anfang September terminierten Auswärtsspiele in Slowenien und im Kosovo zur Standortbestimmung für ein junges Team, das in der Heimat Hoffnungen auf eine bessere Zukunft geweckt hat. In der Gegenwart hat Griechenland gegenüber der Konkurrenz noch einiges aufzuholen. In der FIFA-Weltrangliste belegt man seit einem Jahr Rang 54 und liegt damit hinter 29 anderen europäischen Mannschaften wie etwa Schottland, Nordirland oder Norwegen. Um das angestrebte Ziel der WM-Qualifikation zu erreichen, muss Griechenland jedoch einen von 13 Startplätzen ergattern, die unter den europäischen Teams ausgespielt werden. Allein das verdeutlicht, dass vor Trainer van’t Schip noch ein langer Weg liegt, bis er die Griechen womöglich zu einer neuen Sensation führen kann. Übrigens: Als die Ethniki Ellados letztmals in der Weltrangliste so weit hinten rangierte, lag man 2001 auf Platz 57 und verpflichtete einen neuen Trainer: Otto Rehhagel. Was folgte, ist bekannt. (Griechenland Zeitung / Lukas Müller)
 
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