Das kretische Sitia - oft zerstört, immer wieder aufgebaut

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Das kretische Sitia - oft zerstört, immer wieder aufgebaut

Kreta ist seit Jahrzehnten ein beliebtes Urlaubsziel. Große Teile an der Nordküste sind im Sommer fest in touristischer Hand. Doch nur wenige Touristen wählen Sitia als Ziel. Das Leben hier ist deshalb noch ursprünglich, typisch kretischer Alltag.

Die Region um Sitia auf der Insel Kreta ist seit Jahrtausenden bewohnt. Schon aus dem Neolithikum, der Jungsteinzeit, gibt es Funde. In minoischen Zeiten wurden Städte errichtet, darunter Zakros mit dem einzigen bisher entdeckten Palast, der nicht geplündert war. Bei Gournia, Paleokastro, Itanos sind weitere Ausgrabungen zu besichtigen.

Sitia wurde schon in byzantinischer Zeit, später vor allem von Venedig, befestigt. Am höchsten Punkt der Hangstadt stand das Kastell. Seine Ruinen überragen den Ort bis heute. Kazarma steht auf Hinweisschildern. Eine Verballhornung von Casa di Arma. Was die Zeiten überdauerte, ist nämlich nicht die gesamte Festung, sondern nur das „Waffenhaus“, das Arsenal. Das äußere Portal ist im Sommer tagsüber offen. Innerhalb der Mauern gibt es sogar eine Dienstwohnung. Eintritt und Ausblick über die Hafenstadt sind frei.

Große Geschichte im kleinen Museum

Dreimal wurde die Stadt zerstört: 1508 von einem Erdbeben, 1538 durch den im gesamten Mittelmeerraum gefürchteten Piraten Barbarossa. 1651 schließlich zerstörten die Venezianer den Ort selber, um ihn nicht in die Hände der Türken fallen zu lassen. Mehr als 200 Jahre lag die Stätte verlassen. 1870 wurde der Ort neu gegründet. Deshalb sind die Häuser auch in den älteren Vierteln ungefähr gleich alt, knapp 150 Jahre. La Sitia hieß der Ort einst, wovon sich die Bezeichnung für die östlichste der vier Präfekturen Kretas ableitet, nämlich Lasithi.
In alle Epochen kretischer Geschichte kann der Besucher eintauchen, der sich das Archäologische Museum der Stadt ansieht. Das kleine Museum beherbergt wahre Schätze, Funde aus 4.000 Jahren. In steinzeitlichen Höhlen fanden die Archäologen Steinäxte oder frühminoische Vasen. Aus der Minoerzeit stammen die älteste erhaltene Weinpresse der Insel sowie Tontafeln mit Linear A-Schrift. Die geometrische Zeit, hellenistische, römische Epoche sind ebenfalls dokumentiert. Die Bestände wurden kürzlich neu geordnet. Die Museumsmitarbeiter sind ausgesprochen hilfsbereit, beantworten gern Fragen der Besucher.

Hort für Mönche und Partisanen

Ein lohnender Ausflug führt zum Kloster Toplou, einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum. Wer keinen Leihwagen genommen hat, kann die kurze Strecke auch mit dem Taxi zurücklegen, das gern eine halbe Stunde am Ziel für die Rückfahrt wartet. Kirche und Museum des „Kanonenklosters“ werden täglich von vielen besucht. Im Wort Toplou steckt das türkische Wort für Kanone, daher die volkstümliche Bezeichnung des Klosters. In der Geschichte Kretas hat das Kloster eine wichtige Rolle gespielt. Es war ein Zentrum des Widerstandes, nach 1821 gegen türkische, zwischen 1941 und 1944 gegen deutsche Besatzer. Die Mönche gewährten im Zweiten Weltkrieg mehrmals Partisanen Unterschlupf. Weder den Geistlichen noch ihren Gästen bekam dies gut. Gräber auf dem Außengelände zeugen davon, dass hier Griechen „geschlachtet“ wurden, wie es in einer Broschüre heißt. An schwere Zeiten erinnert im Außenhof die moderne Plastik von Manolis Tsombanakis.
Die Klosterkirche ist der Panagia Akrotiriani geweiht, der Muttergottes vom Kap. Einer ihrer Schätze ist eine Ikone des berühmten Malers Johannes Kornaros. Ebenso berühmt ist sein Namensvetter Vitzentzos Kornaros. Von diesem kretischen Dichter stammt das Epos „Erotokritos“, geschrieben zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Er soll in Sitia geboren sein. Im Kloster Toplou lebten einst 150 Mönche. Heute sind es nur noch der Abt sowie Vater Zacharias, erzählt der Taxifahrer. Die beiden haben außerdem einen behinderten jungen Mann aufgenommen, der hier versorgt und beschäftigt wird.
Das Kloster gilt als reich. Es hat großen Landbesitz, mit eigenen Feldern und Olivenhainen, eigener Wasserversorgung. Viele Menschen finden hier Arbeit. Im Souvenirshop kann der Besucher nicht nur religiöse Andenken oder Bücher erstehen, sondern auch klostereigenen Raki, Wein, Olivenöl oder Seife. Apropos Raki. Wer auf Kreta einen Ouzo bestellt, gibt sich als Fremder zu erkennen. Hier wird Raki getrunken.

Raki mit Teller bei einem Zorbas

In Sitia stehen Tische und Stühle der Tavernen entlang der gesamten Hafenpromenade. Dem Gast bleibt die Qual der Wahl. Die größte Auswahl an Speisen gibt es nach wie vor bei Zorbas. Der in die Jahre gekommene Chef steht Abend für Abend am Grill, sieht in Küche und Keller nach dem Rechten. Der Vorspeisenteller ist riesig. Mit einer kleinen Karaffe Raki zahlt man 8,50 Euro. Den gleichen Teller gibt es auch mit Ouzo für zehn Euro. Grund für den Preisunterschied: siehe oben.
Jeder Reiseführer empfiehlt in der zweiten Parallelstraße zum Hafen die Taverne Kalí Kardiá, deutsch „Zum guten Herzen“. Selbst wenn man die Adresse gefunden hat, Odos Foundalídou 22, findet man das gute Herz nicht mehr. Der alte Besitzer hat sich zur Ruhe gesetzt. Ziaferi heißt die Taverne jetzt. Junge Leute haben sie übernommen, mit neuem Konzept. Der Wein stammt aus ökologischem Anbau, die traditionellen Nudeln sind handgeschöpft, Teller und Besteck in elegantem Design. Natürlich hat das auch die Preise verändert.
In Sommer bieten einige Tavernen an der Hafenpromenade ein Kulturprogramm: Live-Musik und traditionelle Tänze. Bis Ende September gilt das Angebot, von Dienstag bis Sonntag. Montagabend ruhen die Musiker. Jeden Abend übernimmt ein anderer Wirt die Spesen. Wer das Programm im Hotel nicht findet, braucht nur spazieren zu gehen. Kurz nach 21 Uhr beginnt die Musik, die dank der Verstärker nicht zu überhören ist. Mit dabei sind folgende Restaurants und Tavernen: Kritiko Spiti, Itanos, Oinodeion, Zorbas, Da Giorgio und Tzivaeri.

Zum ehemaligen Aussteiger-Strand

Ein weiteres Ziel, das man Sitia aus gut erreichen kann, ist der berühmte Palmenhain von Vai. Der Legende nach haben kriegerische Sarazenen im 9. Jahrhundert hier gelagert, dabei Datteln gegessen und die Kerne in den Sand gespuckt. Heute werden neue Palmen angepflanzt, damit die natürlichen Schattenspender nicht aussterben. Vor Jahrzehnten wurde der Hain unter Aussteigern bekannt, die hier zelteten. Die Hippies sind vertrieben, das Gelände ist eingezäunt, der Eintritt aber frei. Taverne und Imbiss laden ein. Liegen unter Schirmen werden vermietet. Ein riesiger Parkplatz ist angelegt, denn die meisten Gäste kommen mit dem Wagen. Auch der Bus von Sitia bedient den Ort im Sommer, vormittags hin, gegen 16.30 Uhr zurück. Baden kann man allerdings auch in der Stadt. Zu beiden Seiten der Promenade und des Hafens gibt es öffentliche Strände.
Von Iraklion oder Agios Nikolaos gibt es täglich Busverbindungen in den äußersten Osten Kretas. Auch einen kleinen Flughafen hat die Stadt. Ab 2012 sollten sogar Chartermaschinen direkt aus Deutschland Sitia anfliegen. Daraus ist noch nichts geworden. Sky Express, eine kleine kretische Fluglinie, bedient die Strecke Iraklion - Sitia, Olympic und Aegean Airlines fliegen zwischen Sitia und Athen.


Konrad Dittrich

Foto: © Konrad Dittrich

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