Mit Blick auf die offene Ägäis

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Mit Blick auf die offene Ägäis

Poros, das verwaltungsmäßig zur Region Attika gehört, hat schon mehrmals in die Literatur Eingang gefunden. Bereits Henry Miller (1881-1980) war von der Landschaft um diese kleine Insel sowie von Trizina hingerissen.

Geographisch ist die Peloponnes klar definiert. Es ist die vierbeinige Halbinsel, die der Kanal von Korinth vom griechischen Festland trennt. Doch die Politik hat auch hier Verwirrung gestiftet. Verwaltungsmäßig ist sie nämlich keine Einheit. Da gehören nur Arkadien, die Argolis, Korinthia, Lakonien und Messenien zur „Region Peloponnes“. Die Elis und Achaia hingegen zählen zur „Region Westgriechenland“ – und ganz im Osten ist das Gebiet um Trizina aus der Argolis herausgeschnitten und gehört zusammen mit den der Peloponnes vorgelagerten Inseln Poros, Spetses und Hydra zur „Region Attika“. Auch die Sprache bringt Stolpersteine ins Spiel. Im Griechischen ist die Peloponnes weiblich, das Deutsche betrachtet die Halbinsel als männlich. Und während die Griechen von den vier Beinen der Peloponnes sprechen, reden die Deutschsprachigen von dessen vier Fingern.

Fährverkehr rund um die Uhr

Sei’s drum. Hier geht es weder um Philologie noch Politik, sondern um die Schönheit der Region. Schon Henry Miller, der in den späten 1930er Jahren durch Griechenland reiste und von seinen Erlebnissen im „Koloss von Maroussi“ erzählt, war von der Landschaft um Poros und Trizina hingerissen. „Die Einfahrt nach Poros wirkt wie ein tiefer Traum“, konstatiert er. „An allen Seiten ragt plötzlich das Land empor, und das Schiff wird in eine schmale Enge gequetscht, die keinen Ausgang zu haben scheint.“
In der Tat: Der Sund zwischen dem peloponnesischen Küstenort Galata und dem Kai der Inselhauptstadt von Poros ist keine 300 Meter breit. Im Norden schirmen ihn an eine liegende Frau mit angewinkelten Beinen erinnernde Berge vom Saronischen Golf ab, im Süden verhindert ein Mastenwald von Segelyachten den Blick auf die offene Ägäis hinaus.
Tag und Nacht pendeln ganzjährig kleine Personenfähren zwischen Galata und Poros hin und her. Grandios ist deren Fahrplangarantie: Man zahlt einen Euro (zwischen 0 und 6 Uhr 1,50 Euro) und exakt zehn Minuten nach dem Verkauf des ersten Tickets fährt das Boot los. Wenn es sein muss, auch mit nur einem einzigen Passagier. Für den, der seinen Wagen nicht auf dem kostenlosen Parkplatz am Hafen von Galata stehen lassen will, gibt es freilich auch eine kleine Autofähre vom Pantoffel-Typ. Da ist die Überfahrt für Passagiere sogar noch zehn Prozent preiswerter, der Pkw kostet einen von den kleinsten Euro-Scheinen.

Eine Insel (nicht nur) für zwischendurch

Von Galatas aus könnte man den Eindruck gewinnen, die Uferfront der anheimelnden Häuser von Poros sei schier unendlich. Und in der Tat rechtfertigt die Uferstraße, die während der Hauptsaison abends für den Autoverkehr gesperrt wird, hier die Bezeichnung Flanier-Meile. Zwischen Café-Bars und Tavernen sind kleine Geschäfte eingestreut. Eine kleine Konditorei fertigt dort eine eigene Inselschokolade, die andere widmet sich einem von ihr entwickelten Marzipan mit Jasminaroma und der Mischung leckerer Liköre. Immer wieder unterbrechen winzige Plätze die Linie der Uferhäuser – vermutlich einst geschaffen, um dort im Winter kleine Boote sicher an Land unterzubringen. Im Nordwesten des Städtchens ragt seit 1927 stolz ein markanter Uhrturm auf einem Stadthügel auf. Wie anderswo in Griechenland auch sollte er nach dem Abzug fast aller Türken aus Hellas wohl verkünden, dass man nun ganz in Europa angekommen sei.
Die Halbinsel, auf der das Städtchen liegt, wird durch einen kurzen, gut überbrückten Kanal vom großen Inselkörper getrennt, so dass Einheimische sogar davon sprechen, Poros bestehe eigentlich aus zwei Eilanden: Spheria und Kalavria. Auf Kalavria liegen die kleinen Strandbuchten mit klangvollen Namen wie Love Bay und Russian Bay. Es sind keine langen Traumstrände wie auf vielen anderen ägäischen Inseln, Grobsand und Kies überwiegen. Dafür sind die Pinien an der Love Bay höher als der Strand lang ist, werden in der Ruine der alten russischen Marine-Versorgungsstation im Sommer Piano-Konzerte gegeben. Der Russian Bay seitlich vorgelagert ist zudem das Inselchen Daskalio mit kleiner Kapelle. Wer sich da das Ja-Wort geben will, muss samt Gästeschar mit dem Boot übersetzen.

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Antikes in der Einsamkeit

Eine Inselrundfahrt auf Poros, für die man ohne Bade- und Tavernenstopps nur zwei bis drei Stunden benötigt, führt unweigerlich auch zum antiken Poseidon-Heiligtum hinauf, das – zwar schon 1894 von der Wissenschaft entdeckt – erst zwischen 1997 und 2007 von schwedischen Archäologen gründlich erforscht wurde. Im Frühjahr blühen da die Perlhyazinthen, im Herbst sind weite Teile mit Meerzwiebeln bedeckt, kleine Ölbäume und eine kurze Pinienreihe sorgen ganzjährig für Grün. Was zu sehen ist, erklären gut gemachte Tafeln auch auf Englisch, der Eintritt ist frei. Meist ist kein Mensch dort, nicht einmal ein Wärter. Nur in der Vollmondnacht im August herrscht Hochbetrieb: Dann werden hier alljährlich nächtliche Konzerte gegeben.
Oben im Poseidon-Heiligtum wird verständlich, warum die Athener in der Antike großen Wert darauf legten, dass die Insel zu ihrem Staatsgebiet gehörte: Es war so etwas wie der Kontrapunkt zum großen Poseidon-Heiligtum am Kap Sounion. Von hier aus fiel der Blick bis hinüber zum Piräus, ermöglichte mit die Kontrolle über die Schifffahrt im Hausgewässer der Athener, dem Saronischen Golf.
Für den Anspruch auf Trizina, das antike Troizen, hatten die Athener gegenüber der Argolis den Mythos auf ihrer Seite. Hier auf dem Peloponnes wurde Athens Nationalheld Theseus von seiner troizenischen Mutter Aithra geboren. Erst französische, dann deutsche Archäologen legten geringe Reste der antiken Stadt frei. Bedeutendster Einzelbau war ein dem Heilgott Äskulap geweihtes Asklipieion, dessen Krankensaal besonders aufschlussreich ist: Porosblöcke dienten als Sockel für hölzernen Betten. Vor jedem Bett stand ein Marmortisch, zahlreiche Feuerstellen zwischen den Betten besorgten die Beheizung.

Wasserfälle und ein Vulkan

Der Besuch des antiken Troizen lässt sich gut mit einer etwa zweieinhalbstündigen Wanderung verbinden, die im heutigen Dorf Trizina beginnt. Da hat Christina, die Tochter des Wirts der Taverne Thiseas an der Platia, eine Wegskizze gezeichnet, die sie Reisenden gern kostenlos als Kopie mit gibt. So gelangt er problemlos zu einem hellenistischen Turm, den die Einheimischen als „Turm des Theseus“ bezeichnen, zur mittelalterlichen „Teufelsbrücke“. Von dort geht es durch Wald und Oleander zu ganzjährig kräftigen Wasserfällen, in deren Becken man baden und stimmungsvoll picknicken kann.
Noch mehr grandiose Natur erlebt, wer die nahe, ebenfalls zu Attika gehörende Halbinsel Methana ansteuert. Da reicht eine kahle Lavazunge bis unmittelbar ans stille Dorf Kameni Chora heran, in dem Wirt Theodori gleich hinter seiner urigen Taverne ein kleines Freilichttheater erbaute – und zwei Kilometer weiter erklimmt der Wanderer auf einem kleinen, nicht zu verfehlenden Pfad eine Lavalandschaft, wie es sie in Hellas kein zweites Mal gibt. Weitgereiste bezeichnen sie auch als „Island an der Ägäis“.

Klaus Bötig

Unsere Fotos (© Griechenland Zeitung / Klaus Bötig) zeigen Momentaufnahmen von der Insel Poros.

INFOS: 
Lesetipp: Henry Miller, Der Koloss von Maroussi, Reinbek (rororo) 1965
Auskünfte: NK Tourism, Poros, Tel. 69376 06705, www.nktourism.com

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