Korfu – die etwas andere Insel

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Typisch-Korfu: Grüne Küsten (hier Koulouri) Typisch-Korfu: Grüne Küsten (hier Koulouri)
Korfus Ölbäume wachsen nicht in lichten Hainen, sondern in Zauberwäldern. Inselrundfahrten gleichen moderaten Achterbahn-Touren, die Farben vieler Häuser rufen Reminiszenzen an den venezianischen Karneval wach. Meer und Hochgebirge geben sich ein Stelldichein, weite Dünenlandschaften und schmale Strände unter wilden Steilküsten locken zum Baden.
 
Zwischen Pentati und Paramonas an Korfus Westküste hat die Natur ihren Zauberstab besonders gut gelaunt geschwungen. Ein schmales Asphaltband schlängelt sich hier in Meeresnähe durch den Jahrhunderte alten Olivenwald, in den die Sonnenstrahlen nur  vereinzelt und ständig anders ihren Weg finden können. Niedrige Terrassenmauern strukturieren den sanft ansteigenden Boden. Zusammengerollte und zwischen die bizarren Äste geklemmte schwarze Netze zeugen von der im Winter anstehenden Erntearbeit, für die die Netze im Herbst ausgelegt und manchmal sogar zwischen die Äste über die Straße hinweg gespannt werden.
Oliven-Urwälder, die so in Hellas nur noch auf Korfus kleiner Schwesterinsel Paxoi gedeihen, sind eine Hinterlassenschaft der Venezianer. Sie herrschten von 1386 bis 1797 über die Ionischen Inseln, Korfu lag der Serenissima von allen Besitztümern in Griechenland am nächsten. Also investierte man hier in die Energiegewinnung. Das Landvolk erhielt Prämien, um Oliven anzubauen, deren Öl dann Venedig erhellte. Heute empfinden viele Insulaner sie als eine Art vom Staat unabhängige und darum zuverlässigere Zusatzversicherung, die ihnen gerade jetzt in den Zeiten der Krise das Leben ein wenig erleichtert.
 
Intakte Dörfer
 
Aus venezianischer Zeit stammt auch noch viel Bausubstanz in den über 100 korfiotischen Dörfern, deren besonderen Reiz man beim Landeanflug von Norden her am besten erkennt. Eingebettet in die silbrig glänzenden Olivenwälder, aus denen immer wieder dunkle Zypressen wie Nadeln aufragen, träumen sie auf Hügelkuppen, an Berghängen, in kleinen Tälern oder an kurzen Flussläufen vor sich hin. Die meisten alten Häuser sind sehr massiv und anders als die vielen winzigen Kuben auf den Kykladen recht geräumig, sie abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen, machte nie Sinn. So überlebten sie die ersten Jahre neuen, als „Gastarbeiter“ erworbenen Wohlstands und werden jetzt – wo immer es geht – gut gepflegt, mit Blumen berankt, manchmal auch in den für dieses Archipel typischen Pastell- und Blickfangfarben gestrichen. Verkehrsplaner mögen sich die Haare raufen, aber die Korfioten stellen vor engen Ortsdurchfahrten lieber Ampeln auf als alte Bausubstanz für schneller fließenden Verkehr zu opfern.   
Zu den typisch korfiotischen Architekturformen gehören schattige Arkaden. In der Inselhauptstadt sind sie besonders ausgeprägt, in vielen Dörfern setzen sie Ausrufungszeichen. Selbst bei außerhalb der Ortschaften gelegenen kleinen Bauernhäusern möchte man auf einen schattigen Freisitz oft nicht verzichten, zog das Dach weit über die Terrasse hinaus und stützte es durch Pfeiler, die durch Bögen miteinander verbunden wurden. Das erinnert manchmal an britische Kolonialarchitektur oder ganz entfernt an Südstaaten-Villen, ist außerhalb der Ionischen Inseln in Hellas nur ganz selten zu finden.
Am Rande der Dörfer oder manchmal auch ganz einsam inmitten riesigen Landbesitzes errichteten der venezianische und der korfiotische Adel seine Gutshöfe und Landsitze. Imposante Portale markieren die Grenze zur Umwelt, lange Zufahrten schaffen Distanz zum gewöhnlichen Leben. Viele von ihnen sind noch immer in Privatbesitz und unzugänglich. Nur zwei von ihnen wurden inzwischen zu Hotels umgewandelt und tragen heute die Namen „Fundana Villas“ und „Pelekas Country Club“. Hier ein paar Tage abseits der Küste, aber mit Pool in ruhigster Umgebung zu wohnen, heißt historisches korfiotisches Lebensgefühl ganz in sich aufzusaugen. Auch Jorgios Papandreou und Francois Mitterand hatten dazu in der Präsidenten-Suite des Country Clubs schon Gelegenheit – ob sie sie auch genutzt haben, ist nicht bekannt.   
 
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Korfiotisch wohnen – Bungalows im „Fundana Villas“
 
Echte Griechen
 
Aus diesen und später noch zu benennenden korfiotischen Besonderheiten zu schließen, Korfu sei ja kein „echtes Griechenland“, ist ein Fehlschluss, den so mancher von der Ägäis faszinierte Philhellene zieht. Ihn zu korrigieren, bedarf es nur wenige Begegnungen mit den Menschen der Insel. Auf ihrem höchsten Gipfel, dem Pantokratoras (906 Meter), hat Kostas einen schlecht bezahlten Job gefunden. Er bewacht und pflegt das leer stehende Gipfelkloster samt Garten und Kirche. Noch vor vier Jahren hat er in Nürnberg einen Schulbus der Lebenshilfe gefahren. Dann kehrte er aus familiären Gründen in sein Heimatdorf zurück. Als er hört, dass ich ein Reiseschreiber bin, bittet er mich sogleich, allen Deutschen mitzuteilen, dass sie sich an ihn wenden sollen, wenn sie auf seinem Berg Probleme oder Fragen haben oder sich ganz einfach nur einmal mit einem Einheimischen in ihrer eigenen Sprache unterhalten wollen.  
Ganz typisch griechisch erscheinen mir auch Maria und ihr Mann. Sie hat sich ihren Hamburger Akzent aus vielen Jahren Arbeit in der Hansestadt bewahrt. Jetzt sitzt sie tagsüber unter Olivenbäumen in ihrer „Imkerei Hamburg“ nahe Liapades neben 15 ihrer weit über 100 Bienenvölker und wartet auf Besuch. Überall unter den Bäumen liegen Bälle und Spielzeug für Gästekinder herum, ihr Gatte hat eigenhändig einige Spielgeräte gebaut. Maria gilt über die Grenzen Korfus hinweg als „Bienenflüsterin“. Sie, die selbst keinen Honig isst, gilt als Homöopathin unter den Imkern und gibt ihr Wissen über unsere Honiglieferanten begeistert an jeden weiter, der ihr zuhören will.  
Der Liste griechischer Originale hätte Korfu noch viele Namen beizufügen. Napoleon zum Beispiel, der die Lautlosigkeit schätzt und darum fast jeden Tag in Benitses in seinem privaten Museum der Muscheln und Seeschnecken der Weltmeere verbringt. Oder seinen akustischen Antipoden Christos, dessen Entertainer-Qualitäten die der meisten deutschen Fernsehgrößen übersteigen: Jeden Abend animiert er mit seinen Abendshows in der Golden Beach Bar von Moraitika  Menschen aus aller Welt zum griechisch Tanzen oder auch nur zur „Reise nach Jerusalem“, unterhält sie mit Elvis-Parodien und Quizfragen in fast allen Sprachen Europas.
 
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Flusshafen von Messongi-Moraitika
 
Achterbahn zur Ingwerlimonade
 
Korfus viele Facetten in einem einzigen Urlaub kennenzulernen, ist durchaus möglich. Die Insel ist 611 Kilometer groß, also um mehr als die Hälfte kleiner als beispielsweise Rhodos. Von der britischen Hooligan-Enklave Kavos im äußersten Südosten bis zum weißen Kap Drastis im Nordwesten sind es gerade einmal 100 Straßenkilometer. Die aber gleichen streckenweise einer Achterbahnfahrt. Korfus kuppenreiche Hügellandschaft ist extrem kleinteilig, ständig geht es auf und ab. Kurven sind die Norm, Geraden die Ausnahme. Und auf jeder Kuppe öffnet sich ein neuer phantastischer Ausblick über Oliven und Zypressen aufs Meer, umliegende Inseln und meist auch auf die hohen Berge des griechischen und albanischen Festlands. Eine dieser Kuppen hat auch den deutschen Kaiser Wilhelm II. magisch angezogen, der vor dem Ersten Weltkrieg mehrfach auf Korfu weilte und der auf der Insel mit dem Achilleion sogar ein eigenes Schloss besaß, das er aus dem Nachlass der österreichischen Kaiserin Sisi erworben hatte. Wilhelms Lieblingskuppe lag bei Pelekas. Dort setzte er sich auf einen Fels, der heute noch „Kaizer’s Throne“ heißt, und bewunderte die untergehende Sonne, wenn sie als roter Feuerball einen Hang gegenüber hinunter zu rollen schien.
Die extremste aller korfiotischen Bergauffahrten ist die einem Korkenziehergewinde ähnelnde, oft nur einspurige Asphaltstraße von Ano Korakiana hinauf nach Sokraki. Die bewundernswerten Straßenbauer haben sie in eine fürs Auge fast senkrecht erscheinende, über und über begrünte Felswand hineingefräst. Auch die Dorfstraße verlangt dem Fahrer ein gutes Auge ab; auf Ampeln hat man hier verzichtet, weil ohnehin kaum jemand kommt. Wer Sokraki erreicht, bestellt hier in den wenigen Dorfkafenia zumeist ein „tzizibira“, das anders als früher heute in Hellas einzig  noch auf Korfu aus frischem Zitronensaft, etwas Zucker und Ingwer produziert wird. Diese alkoholfreie Limonade ist nur eine von so manch regionalen Gaumenfreuden, mit denen Korfu überraschen kann. An der Spitze steht das „bourdetto“, eine scharf gewürzte Fischsuppe mit Skorpionsfisch oder Glattrochen als Hauptingredienz. Weiter verbreitet ist das „sofrito“, ein Mürbebraten vom Rind in Weißweinsauce. Nur am Brackwassersee von Chalikounas werden norddeutschem Granat ähnelnde, winzige Krabben und der Fisch „kefalopsari“ serviert – aber überall auf Korfu der Koum Kouat-Likör. Die bitteren Zwergorangen haben die britischen Quasi-Kolonialherren im 19. Jahrhundert auf Korfu eingeführt und vor allem im Inselnorden anpflanzen lassen. Man nutzt sie auch für allerlei Süßspeisen, für Marmeladen und Parfum und kann so noch mehr Souvenirs anbieten, die es nur auf Korfu zu kaufen gibt.
 
Text und Fotos von Klaus Bötig
 
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