Die Stadt Ioannina – Das „Festland“ im Nordwesten ist anders

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Panoramablick auf das herbstliche Ioannina mit dem Pamvotis-See Panoramablick auf das herbstliche Ioannina mit dem Pamvotis-See
Es lässt sich schlendern in der epirotischen Hauptstadt Ioannina – bekannt für ihre Geschichte, ihre Spezialitäten und ihre Studenten.
 
Wir sind unterwegs nach Ioannina, einer Stadt im Nordwesten Griechenlands. Ioannina liegt sozusagen im Zentrum von Epirus, einem unbekannteren und touristisch weniger erschlossenem Gebiet, das im Westen an Albanien und an ans Ionische Meer und im Osten an den hohen Pindos-Gebirgszug grenzt. Epirus ist eine abgeschlossene und seit alters her schwer einnehmbare Region. Im Mittelalter wanderten walachische Hirtenstämme über das unwegsame Hochgebirge ein, und die korinthischen Siedler, die sich auf den leicht einzunehmenden Ionischen Inseln niederließen, nannten das unbekannte Land droben in den Bergen Epirus, was schlicht und einfach „Festland“ bedeutet. Die Kriegsdenkmäler am Straßenrand erinnern an griechische Freiheitskämpfer, die gegen die osmanische Herrschaft vorgingen. Ali Pascha, der albanische Provinzgouverneur, residierte von 1788 bis 1822 in Ioannina, von wo aus er vergeblich versuchte, einen von Istanbul unabhängigen albanisch-griechischen Staat zu gründen. Die Unwegsamkeit des Epirus machten sich die  Freiheitskämpfer zunutze, die sich in das dem muslimischen Herrscher unbekannte Gebirge zurückzogen und Kriegspläne schmiedeten, die 1913 zur Unabhängigkeit führten. Weil die Bewohner während der Fremdherrschaft vom übrigen Teil des Landes abgeschlossen und auf sich gestellt waren, entwickelten sie die Fähigkeit zur Selbstversorgung, lebten vom reichen Wildaufkommen in den Bergen und der üppigen Fischversorgung aus den zahlreichen Flüssen und Seen. 
 
Uralte Platanen und junge Studenten
 
Auch heutzutage, nach 100 Jahren Unabhängigkeit vom osmanischen Reich, ist Epirus eine Gegend, die sich landschaftlich und ökonomisch von anderen Regionen Griechenlands unterscheidet. Wir fahren am Fluss entlang, einem der zahlreichen Ausläufer des Pamvotis-Sees. Die Straße nach Ioannina ist von Forellenzüchtereien gesäumt, ein Schwung mit dem Kescher genügt, lacht der Besitzer einer der Buden mit prall gefüllten Aquarien am Straßenrand, und schon hat man einen Fang Forellen, die zum Laichen flussaufwärts schwimmen. Sie werden in Teichen und Becken mit Frischwasserzulauf  gehalten und zum Verkauf feilgeboten. Unentwegt finden sich Käufer ein, die Forellen werden  dem Aquarium entnommen, totgehämmert, in Tüten verpackt. Frischer geht’s nicht. Ums Flussbett herum Wälder: uralte Riesenplatanen, was die Landschaft angeht, wähnt man sich in einem anderen Land. Im hohen Gebirge liegt auch im Mai noch Schnee. Die Häuser und Fahrzeuge auf dem Weg nach Ioannina sehen besser aus als die am Ionischen Meer, die Geschäfte florieren. In Ioannina bestätigt sich dieser Eindruck. Dass Griechenland in der Krise steckt, ist hier weniger augenscheinlich als in Athen. Bettler sieht man wenige, die Einwohner sind gut gekleidet und shoppen in den zahlreichen Läden in der Innenstadt. Der Besitzer des Herrengeschäfts sagt, dass er die modischen Kleider in Italien einkauft. Unter dem Glas der Ladenkasse sind Fotos zu sehen, die ihn in Jagdausstattung, mit Jagdhunden und drei erlegten Wildschweinen zu seinen Füßen zeigen. Mein Großvater erlegte Bären, doch die, sagt er, sind jetzt weiter nördlich oder in Thessalien zu finden. Ein anderes Foto zeigt ihn mit seinen Jagdkumpanen im kniehohen Schnee des Pindos-Gebirges. Auch die zahlreichen Banken weisen auf florierende Geschäfte hin. Vor einer Generation wurde der gesamte Milchbedarf noch aus Holland importiert, doch seit die Regierung mit Förderprogramme intervenierte, ist der Milchverarbeitungsbetrieb „Dodoni“ im Epirus mit seinen in 18 Länder exportierten Erzeugnissen zum erfolgreichsten des Landes geworden. Nicht zuletzt deswegen wurde er wohl von einer russischen Firma erworben.
 
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Eine lebendige Stadt – auch in der Karnevalszeit
 
Aus Amerika zurück an den See
 
Und was noch auffällt in Hauptstadt der Region – überall, ob an Cafétischen sitzend oder mit Snacks aus den zig Imbissbuden durch die Straßen flanierend: Studenten. Denn Ioannina ist eine Universitätsstadt, die Erziehungs-, Human- und Naturwissenschaften sowie ein Medizinstudium und Unternehmungsführung anzubieten hat. Der renommierten Musikschule sind die Sänger, Cello-, Gitarre- oder Geigenspieler zu verdanken, die an allen Ecken der Stadt Kostproben ihres Könnens zum Besten geben. Mir scheint, viele von ihnen sind mit sie umgebender Musik aufgewachsen und lassen sie nun mit beeindruckender Leichtigkeit aus Herz und Seele fließen. 
Ioannina ist eine progressive Stadt mit belebender Wirkung. Im eleganten Bar-Restaurant des Hotels, einem klassizistischen Gebäude im Zentrum der Stadt, sitzen stilvoll gekleidete Banker und Geschäftsleute vor ihren Laptops oder führen angeregte Gespräche mit dem Hotelbesitzer. Er ist der Urenkel von Efthymios Lytsikas, der nach neunzehnjähriger Arbeit in den USA nach Ioannina zurückkehrte und 1931 mit dem Bau des Hotels begann. Die Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden des nunmehr renovierten Hotels zeugen von Staatsbesuchen, und das Foto mit Efthymios Lytsikas, wie er mitsamt neuen Heizkörpern auf den Treppenstufen des Hotels sitzt, zeugt davon, dass dies das erste Hotel mit Zentralheizung und fließender Wasserversorgung in Epirus war. Sein sympathischer redseliger Nachfolger stellt den gleichen Unternehmungsgeist unter Beweis: Vor einigen Jahren ließ er das Hotel bis auf die Außenmauern einreißen und vertraute Renovierung und Inneneinrichtung einem jungen Architekten aus Ioannina an, der mit seinem Erstlingsjob ein Prachtwerk an Stil schaffte.
 
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Am Ufer des Sees werden im Sommer Maiskolben angeboten.
 
Text von Linda Graf und Fotos von Eurokinissi
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