Hier gehen die Uhren langsamer als auf mancher Nachbarinsel

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Blick auf Skala Blick auf Skala

Nicht nur eine, gleich drei Inseln in griechischen Gewässern können sichNicht nur eine, gleich drei Inseln in griechischen Gewässern können sichmit dem Attribut „heilig“ schmücken. Sie umspannen dabei die Jahrtausende.Delos gilt als Götterinsel der Alten, Patmos steht für das Mittelalter,Tinos für die Neuzeit. Wir sind heute zu Gast auf Patmos.

Heilige Inseln, Teil 2: Johannes der Theologe begründete den Ruhm von Patmos


Verwaltungsmäßig gehört Patmos zu den Dodekanes-Inseln mit Rhodos und Kosals bekanntesten Destinationen des Tourismus. In der christlichen Welt ist Patmos ein bekannter Name. Hier hat Johannes das letzte Buch der Bibel geschrieben beziehungsweise seinem Schüler Prochoros diktiert: die Offenbarung. Der Tradition nach geschah das imJahre 95. 1900 Jahre später, im September 1995, fand aus diesem Anlass ein großer Kongress der Griechisch-Orthodoxen Kirche auf der Insel und auf Schiffen vor Patmos statt. „Die Offenbarung und die Umwelt“ lautete das Thema. Als Redner hatte man unter anderen Prince Charles aus England eingeladen. Der Royal beschäftigt sich mit Umweltfragen und ist häufig bei Freunden in der griechischen Ägäis zu Gast.

Die Grotte der Apokalypse

Im Jahre 95, zu Zeiten der römischen Kaiser, galt Patmos als Verbannungs- und Strafinsel. Das Eiland war menschenleer. Quellen und Flüsse fehlten. Das Leben und Überleben war hart. Aber das war im Sinne der Erfinder. Im Zuge von Christenverfolgungen unter Kaiser Domitian wurde der Seher Johannes zur Strafe auf der Insel ausgesetzt. Heute zeigt man auf halbem Wege vom Hafenort Skala zum Johanneskloster die Grotte der Apokalypse, wie die Offenbarung auch genannt wird. Der diktierende Alte und der schreibende Jüngling sind das bekannteste Ikonenmotiv auf Patmos. Über der Grotte wurde eine schneeweiß getünchte Kirche errichtet, der heiligen Anna geweiht.
Ehrfurchtsvoll und still schauen sich die Besucher in der Grotte um. Ein Mönch hält Wache. Es wäre nicht ratsam, hier Unterhaltungen zu führen. Auch in einer fremden Sprache etwas aus der Bibel vorzulesen, würde mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen oder glatt untersagt. Dagegen verweist der Mönch, wenn er gute Laune hat, auf Einzelheiten. Er zeigt den Stein am Boden, der dem Johannes als Kopfkissen gedient haben soll. Drei Risse in der Felsdecke interpretiert er als Symbol der Heiligen Dreifaltigkeit.

Johannes und sein Schüler das bekannteste Motiv auf Patmos small

Johannes und sein Schüler, das bekannteste Motiv auf Patmos

Kloster des Sklaven Christi

Deutsche Theologen streiten sich darüber, ob die johanneischen Bücher des Neuen Testaments – Evangelium, Briefe, Offenbarung – von ein und demselben Verfasser stammen. Da Johannes zum Zeitpunkt seiner Verbannung schon sehr alt und der Jünger Johannes der Jüngste unter den Zwölfen war, könnte es zeitlich sogar hinkommen. Andererseits wird in Ephesos das Johannesgrab in den Ruinen einer Basilika gezeigt und dazu erklärt, Johannes sei hier im Jahre 104 mit 99 Jahren gestorben. Er wäre dann anno fünf geboren. Wenn man die Kreuzigung Jesu ins Jahr 33 setzt, wäre Johannes 28 Jahre alt gewesen; ganz so jung also doch nicht mehr. Die Orthodoxie geht solch „deutscher Haarspalterei“ aus dem Weg, in dem sie ihn als den „Theologen“ bezeichnet. Das war er ja nun ohne Zweifel. Kaiser Domitian wurde im September des Jahres 96 ermordet, Johannes kam im Jahr darauf frei. Er könnte also tatsächlich nach Ephesos gereist sein, wo türkische Reiseleiter auch das Haus der Maria, der Muttergottes, als deren letzte Bleibe zeigen.
Um die Insel Patmos wurde es nach der Römerzeit still. Erst knapp tausend Jahre nach dem Aufenthalt des Sehers geht die Geschichte in punkto Heiligkeit weiter. In der Mitte des 11. Jahrhunderts wurde in Nicäa in Bithynien ein Mann geboren, der mit Freunden ein Kloster gründete. Sarazenen brannten das Kloster nieder. Christodoulos, so nannte sich der Mönch, floh nach Kos. Natürlich kannte er den Namen der Nachbarinsel und besuchte Patmos. Der Ort und seine Ruhe hatten es ihm offenbar angetan. Er bat den Kaiser in Konstantinopel um die Erlaubnis, auf Patmos ein Kloster errichten zu dürfen. Kaiser Alexios zeigte sich großzügig. Er schenkte dem Mönch die Insel. Karg und unbewohnt brachte sie ohnehin nichts ein.

Zerklüftete zackige Küsten

Anno 1088 gründete Christodoulos, der Sklave Christi, wie er sich nannte, das Johanneskloster. Aus Sicherheitsgründen auf einem Hügel, drei Kilometer vom Wasser entfernt. Ebenfalls wegen der Sicherheit gleicht der fromme Bau bis heute einer Festung. Im Schutze ihrer dicken Mauern ließen sich die ersten Siedler nieder. Bis heute gilt die Chora daher als Hauptstadt. Sie hat ihren besonderen Reiz. Es ist stiller hier oben als im geschäftigen Hafenort Skala. Das Kloster untersteht dem Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel; der jeweilige Abt ist dessen Repräsentant mit dem Titel eines Exarchen.Das Leben im Kloster bestimmt auch manche Tradition auf der Insel. Mehrmals im Jahr wird der Klostergründer gefeiert. Nicht nur an seinen Geburts- oder Todestag wird erinnert, sondern auch an die Überführung seiner Gebeine. Er starb nämlich bei einem Besuch auf der Insel Euböa. Ikonen aus dem Kloster werden im Frühjahr „ausgesegnet“ und dann in Prozession zu den Dörfern getragen. So wird um den Segen für die Felder gebeten.Die Insel mit ihren vielen zerklüfteten zackigen Küsten garantiert einen beschaulichen Urlaub. Viele kleine Strände und Küstenorte bieten Unterkunft. Natürlich gibt es in Skala und in der Chora Hotels und Pensionen beziehungsweise Fremdenzimmer. In der Mitte, beim Hafen von Skala, bricht die Insel fast auseinander. Nur wenige hundert Meter halten den Nord- und Südteil zusammen. Erreichen kann man sie nur per Boot. Schiffe auf dem Wege von Piräus nach Rhodos machen im Hafen von Patmos fest. Im Sommer verbinden außerdem Schnellboote Patmos mit den übrigen Inseln des Dodekanes. 

Inmitten der Chora liegt die Klosterburg small

Inmitten der Chora liegt die Klosterburg

Im dritten und letzten Teil der „Heiligen Inseln“ erfährt man etwas über die Insel Tinos.

Text und Fotos von Konrad Dittrich

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