Die Insel der Muttergottes

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Direkt vom Hafen führt der Weg zur Muttergottes von Tinos Direkt vom Hafen führt der Weg zur Muttergottes von Tinos


Nicht nur eine, gleich drei Inseln in griechischen Gewässern können sichmit dem Attribut „heilig“ schmücken. Sie umspannen dabei die Jahrtausende.Delos gilt als Götterinsel der Alten, Patmos steht für das Mittelalter,Tinos für die Neuzeit. Wir sind heute zu Gast auf Tinos.

Heilige Inseln, Teil 3: Tinos

Tinos, die nördlichste und mit knapp 200 Quadratkilometern die drittgrößte Kykladen-Insel, ist die jüngste unter den heiligen Inseln. Das stimmt und bedarf doch einer Ergänzung. Schon in der Antike gab es hier ein bekanntes Poseidon-Amphitrite-Heiligtum. Das aber ist nicht gemeint. Die Geschichte der „heiligen“ Insel begann mit dem Jahre 1822. Eine Nonne des Klosters Kechrovounion hatte mehrfach eine Vision, einen Traum, in dem sie ganz deutlich am Rande des Haupt- und Hafenortes in einer Höhle ein Bildnis der Muttergottes sah.
Längst war in Vergessenheit geraten, dass dort einmal eine Kirche gestanden hatte, die abgebrannt war. Vermutlich hatten fromme Leute die wertvollste Ikone in den Felsen gebracht und gerettet. Die Nonne Pelagia vertraute nach der dritten Vision die Geschichte ihrem Beichtvater an.Offenbar schilderte sie das sehr eindringlich, denn es wurden Nachforschungen angestellt. Man entdeckte tatsächlich in einer Höhle eine Marienikone, der wundertätige Kraft zugeschrieben wird. 1822, das war ein Jahr nach dem ersten Aufstand gegen die Türkenherrschaft (25. März inPatras). Dieser Aufstand und ähnliche Unruhen waren zwar niedergeschlagen worden, aber frommen Nationalisten war die wiederentdeckte Muttergottes eine Ermutigung im Freiheitskampf.

„Lourdes der Ägäis"

Schon 1823 wurde mit dem Bau einer Kirche für das Gnadenbild der Muttergottes begonnen. Der weiße Bau thront über der Fundstelle, 800 Meter vom Hafen entfernt. Er gilt seither als eines der wichtigsten Pilgerziele in Griechenland. Manche sprechen gar vom „Lourdes der Ägäis“. Kranke werden auch zu anderen Zeiten nach Tinos gebracht. An den großen Marienfesten aber, am 25. März (Mariä Empfängnis) und vor allem am 15.August (Mariä Himmelfahrt, bei den Orthodoxen „Entschlafung der Gottesmutter“) findet man kein freies Bett auf der Insel.Die Nonne Pelagia wurde 1971 heiliggesprochen. Im gleichen Jahr erhielt die Insel den entsprechenden Titel. Pilgerziel war die Insel seit dem Auffinden der Ikone. Ihr Malgrund ist nicht mehr zu sehen. Über und über mit Perlen und Schmuck behängt, kann man die Maria nur ahnen oder glauben. Zahllose Votivgaben und mannshohe Kerzen gehören zu den frommen Zeremonien. Die Feierlichkeiten am 15. August wurden auch im Jahre 1940 begangen. Im Hafen von Tinos ankerte an jenem Tag der Kreuzer „Elli“ der griechischen Marine. Die Besatzung sollte zur Wallfahrtskirche hinaufsteigen, als ein Torpedo die „Elli“ traf und versenkte. Ein Aufschrei der Empörung war die Folge.

Wallfahrtsort in der Ägäis Tinos small

Wallfahrtsort in der Ägäis, Tinos

Angriff auf die „Elli“

In alten Reiseführern steht noch, dass die Nationalität des U-Bootes, von dem der Torpedo stammte, nicht bekannt sei. Inzwischen hat sich längst der Verdacht erhärtet, dass der Angriff auf Mussolinis Befehl geschah. Der wollte Adolf Hitler imponieren und „das kleine Griechenland“ im Handstreich nehmen. Ganz so glatt ging das allerdings nicht, wie die „Schlacht um Kreta“ vom Mai 1941 bewies, wo an die 10.000 deutsche Fallschirmspringer vom Himmel fielen. Für Griechenland aber bedeutete der Angriff auf die „Elli“ vor Tinos praktisch den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg.
Der 15. August ist seither nicht nur der Tag des großen Marienfestes,sondern auch der Tag der Marine beziehungsweise der Streifkräfte. Von Matrosen wird das Gnadenbild unter einem vergoldeten Baldachin zum Hafen hinunter- und später wieder hinaufgetragen. Am Hafen, mit Blick auf die Stelle des Überfalls vom 15. August 1940, wird die Liturgie gefeiert und es redet der Bischof oder ein anderer Vertreter der hohen Geistlichkeit. Aber auch die Athener Regierung ist vertreten. Oft spricht der Verteidigungsminister. An solchen Tagen schleichen sich dann schon nationale Töne ins Redemanuskript oder ins „gesprochene Wort“.

„Venezianische“ Tauben

Tinos ist übrigens unter allen Mittelmeerinseln die mit der längsten venezianischen Regentschaft. Von 1207 bis 1715 wehte die Flagge mit dem Markuslöwen zumindest über dem befestigten Berg Exembourgo. Erst dann gelang es den Osmanen, die Venezianer zu vertreiben. Zur Landschaft von Tinos gehört bis heute eine Hinterlassenschaft Venedigs, die sogenanntenTaubentürme. Man findet sie auch auf Nachbarinseln, etwa auf Mykonos. Aber nirgendwo so zahlreich wie auf Tinos. Die Venezianer schätzten das zarte Fleisch der Tiere und ärgerten sich auch nicht über den Kot, den sie als Dünger für die Felder nutzten. Die Tauben lebten quasi in der Belletage,im Obergeschoss, während das Erdgeschoss der Türme als Lager- oder Abstellraum genutzt wurde, seltener zu Wohnzwecken.
Das Faszinierende an den Taubentürmen ist ihre besondere Architektur. Das Obergeschoss ist durchbrochen, hat Schmuckelemente, die aus dreigeometrischen Formen gebildet werden, nämlich Kreis, Dreieck und Rechteck.Mit den Venezianern verschwand die Taubenzucht, nicht aber die Tauben und auch nicht ihre Häuser. Etwa 800 soll es auf der Insel noch geben. Inzwischen werden sie gepflegt, zum Teil sogar als Ferienwohnung vermietet. Manche Türme sind dabei zu kleinen Palästen geworden. Sehr schön sind, insbesondere im Frühjahr, die Hangdörfer im Inselinneren. Als schönstes Bergdorf gilt Pyrgos mit seinen zahlreichen Cafés, die ebenso gestaffelt angelegt sind wie der alte Ort, der zudem als Zentrum der Bildhauerei gilt.

Luxuswohnungen haben auf Tinos die Tauben small

Luxuswohnungen haben auf Tinos die Tauben

Krieg um den Pelikan

Übrigens ist die Wallfahrtskirche über dem Hafen mit Marmor von der Insel gebaut. Dass man dabei auch die unbewohnte Insel Delos als Steinbruch benutzte, dürfte kein Gerücht sein. Recycling ist schon länger „in“. Zwischen Mykonos und Tinos wäre es vor Jahrzehnten beinahe zu einem Kampf gekommen. Auf Mykonos war ein erschöpfter Pelikan vom Himmel gefallen und dort geblieben. Eines Tages war er verschwunden. Dafür gab es auf Tinos einen derartigen Vogel. Zufall oder Diebstahl? Es wurde heftig gestritten. Inzwischen watscheln die zahmen Gesellen in Hafennähe auf beiden Inseln.

Text und Fotos Konrad Dittrich 

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