Die kleine Insel Gavdos an der geographischen Südspitze Europas (Teil 1)

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Fotos (© Heidi Jovanovic) Fotos (© Heidi Jovanovic)

Während der Tourismus auf den bequem per Charterflug erreichbaren griechischen Inseln wie Kos, Rhodos und Kreta boomt und die Liegestuhl- und Sonnenschirmreihen an ihren Stränden immer länger und enger werden, gibt es draußen im weiten, blauen Meer verträumte, stille, kleine griechische Inseln, die voller Überraschungen stecken und auf denen man Ruhe, Einsamkeit, Urwüchsigkeit und ein Griechenland abseits des Massentourismus erleben kann. Die Griechenland Zeitung stellt einige davon in lockerer Folge vor. Wir beginnen mit Gavdos.

Fähr- und Fischerhafen, daneben ein kleiner Strand und einige wenige Häuser – das ist der Hafenort Karavé, in dem der Gavdosbesucher ankommt. Das Tickethäuschen der Fährgesellschaft ANENDYK, ein altes, verlassenes Haus, ein Betongerippe, eine Taverne, ein Wohn- und Gästehaus daneben, ein schlichtes Kafenío/Mezedopolío an dem Hafeneck, an dem die Straße hinauf ins Inselinnere und zu den Stränden beginnt, das kleine Rathaus und die Polizeistation auf einem kleinen Plateau am Felshang, auf dem auch Müllwagen und Betriebsfahrzeuge geparkt sind, und schließlich das Kirchlein des Heiligen Nektarios am oberen Ortseingang: Das ist alles, was an Gebäuden hier steht.

Rundfahrten mit Privatbus

Die Taverne betreibt die 63-jährige Litsa. Im Haus daneben wohnt sie mit ihrem Mann Jorgos sowie mit Jannis, einem ihrer beiden Söhne. Sie vermieten einige Fremdenzimmer mit Kühlschrank, Dusche und WC. Das zweistöckige Betongerippe daneben gehört entfernten Verwandten, die ausgewandert sind. In einem Eck des Untergeschosses hat Jorgos einen Minimarkt eingerichtet, vor dem er einige Tische und Stühle aufgestellt hat, an denen die Einheimischen gern unter sich bei einem Getränk und vielleicht einem Mezé sitzen. Die Söhne von Jorgos und Litsa gehen fischen und fahren einen Touristenbus, mit dem man im Sommer Ausflugs- und Rundfahrten machen kann und der neben dem öffentlichen Bus der Gesellschaft KTEL auch die Strände mit dem Hafen verbindet. Wenn in den Sommermonaten und stets bei Ankunft und Abfahrt der Fähre viel los ist in Taverne und Minimarkt, gehen sie auch mal Litsa zur Hand. Hilfe kommt auch von der Schwiegertochter Eleni, die die andere Taverne mit Fremdenzimmern der Familie in der südlichen Nachbarbucht Korfos führt, zu der man von Karavé aus hinübersehen kann.

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Die Einwohner von Gavdos

Litsa und Jorgos stammen aus Vatsianá, einem Dorf auf einer Hügelkuppe im südöstlichen Inselinneren, wo ihre Familien von der Landwirtschaft lebten, bevor Litsa 1980 mit ihrem Mann in den Hafenort zog, um dort die Taverne zu eröffnen. Die Fotos ihrer Mutter beim Spinnen und Brotbacken und ihrer Großeltern hängen an der Wand. Heute gibt es in Vatsianá mehr verfallene als bewohnbare Häuser und mehr Gräber als Einwohner. Waren es 1950 noch hundert, so sind es heute gerade mal neun Personen, die hier leben: Der Pfarrer der Insel mit seiner Frau, zwei alte Witwen und eine junge Familie: Nikos und Efi mit ihren drei Kindern. Die beiden älteren sind zwei der drei Schulkinder der Insel. Als drittes drückt mit ihnen ein Mädchen aus dem beliebten Ferienort Sarakíniko in der großen Sandbucht an der Inselnordküste die Schulbank. Dort gibt es auch Tavernen und Unterkünfte.
Wie fast alle Inselbewohner, mit denen ich sprach, ist die Familie glücklich hier. Die ursprünglich aus Kreta stammende Efi hatte in Athen gelebt, bevor sie Nikos geheiratet hat. Nach Gavdos war sie als Urlauberin gekommen. Und gleich hat sie sich in die Insel verliebt – und in Nikos. Das Paar betreibt hier ein idyllisches Kafenío, hält Ziegen, Schafe und Hühner und baut ein wenig Gemüse und Getreide an, letzteres heute nur noch als Tierfutter. Früher hatte Nikos᾽ Familie es noch selbst gemahlen und damit gebacken. Der Mühlstein dient heute als Tisch.

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Duftende Kräuter

Efi trauert Athen kein bisschen nach und findet wie Nikos, sie haben hier doch das reinste Paradies. Nicht so recht in dieses Paradies passen laut Nikos die Tablet-PCs ihres 7-jährigen Sohns und seiner 6-jährigen Schwester. Touristen aus Athen haben sie den beiden Kindern zusammen mit Spielsachen geschickt, und nun sitze vor allem der Sohn dauernd damit herum, statt wie es sich in seinem Alter gehöre, bei den Tieren zu sein, herumzuturnen und herumzuklettern, wenn er nicht gerade die Schulbank drücken müsse. All sein Schwung und seine Fähigkeiten verkümmerten derart, meint Nikos. Bis zum Zweiten Weltkrieg noch lebten auf Gavdos durchschnittlich 365 Menschen. Die heutige Zahl ständiger Bewohner zu nennen, ist schwer. Wie auf zahlreichen kleinen, griechischen Inseln leben heute viele Menschen nur in der Touristensaison, das heißt im Sommer hier und verbringen den Winter auf Kreta oder gar in Athen. Die Zahl derjenigen, die tatsächlich dauernd auf der Insel leben, scheint in den letzten Jahren recht stabil geblieben zu sein und wird von den meisten mit rund 40 benannt, während die Volkszählung von 2011 auf 95 Personen kam, die Gavdos als ihren Hauptwohnsitz nannten und in die Wählerlisten eingetragen sind. Wer geblieben ist, dem gefällt meist das einfache, ruhige, beschauliche Leben in der schönen Landschaft mit ihren Dünen, Wacholder- und Kiefernwäldchen und duftenden Kräutern unter einer 330 Tage im Jahr scheinenden Sonne. Ganz anders als auf Kreta und anderen griechischen Inseln, wo in Tavernen und Cafés oft kontinuierliche Musikberieselung herrscht und beim Essen dauernd der Fernseher läuft, trifft man dergleichen hier kaum an. Danach befragt, ob es überhaupt Fernsehempfang auf der Insel gäbe, meint die Tavernenwirtin Litsa, ja freilich, sie habe auch ein Gerät in ihrer Wohnung und im Winter, wenn hier sonst wenig los ist, sehe sie mit ihrem Mann auch gern ab und zu mal fern, im Sommer jedoch fast nie.
Im zweiten Teil unserer Reportage, der in der kommenden Woche erscheint, erfahren Sie etwas über das Leben der Menschen auf der Insel Gavdos, die vor allem im Winter recht einsam ist. Ein Wirt, der aus gesundheitlichen Gründen nach Kreta ziehen musste, weil er dort eine bessere ärztliche Betreuung erwarten kann, blickt von dort aus noch immer sehnsuchtsvoll hinüber in das etwa 40 Kilometer entfernte Gavdos.

Von Heidi Jovanovic

 

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