Stadt der Museen und recht lebendiger Töne

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Foto (© kb): Der venezianische Hafen mit Koules und Schiffshallen. Foto (© kb): Der venezianische Hafen mit Koules und Schiffshallen.

Kretas Hauptstadt Iraklio ist auch in der kalten Jahreshälfte ein gutes Ziel für einen Kurzurlaub. Wenn es regnet und stürmt, findet man in vielen guten Museen Zuflucht – und wenn die Sonne scheint, sitzt man in Straßencafés oder spaziert am Meer entlang. Oder besucht Knossos, die alte minoische Metropole.

Im Winter bleiben in Iraklio zwar die Touristen weg, aber Kreter gibt es genug, um Straßen, Shops, Cafés und Tavernen zu füllen. Echt kretische Musik ist jetzt live viel öfter zu hören als während der Urlaubssaison, und die Museen hat man jetzt meist für sich allein oder teilt sie mit Schulklassen, denen bei ihrer Begegnung mit der eigenen Historie zuzuschauen und -hören zusätzlich Spaß macht. Man hätte die Muße, es ihnen gleich zu tun und Museumsobjekte einmal zu zeichnen statt wie alle anderen nur zu fotografieren.

Minoisches Leben studieren

Das Archäologische Museum in der Inselhauptstadt ist das bedeutendste und größte der ganzen Insel. Hier bekommt man den besten Eindruck davon, wie vielseitig und hochwertig das Kunstschaffen auf Kreta vor etwa 3500 Jahren war. Man erhascht aber auch Einblicke in die Mode, die Alltagswelt, das Handwerk, Feste und Freizeitvergnügen der damaligen Minoer. Zwei Stunden sollte man für einen Rundgang durch die beiden Museumsetagen mindestens einplanen.
Gleich im ersten Saal (Saalnummern auf den Raumplänen neben den Feuerlöschern) zeigen kleine Tonmodelle von Booten, mit welchen Nussschalen sich die Minoer vor 4000 Jahren aufs offene Meer wagten. Im nächsten Saal sieht man eine Töpferscheibe aus dem frühen 2. Jahrtausend v.Chr., eine Saftpresse und bildschöne Tassen aus jener Zeit. Außerdem sind hier einige Siegel mit den ältesten Schriftzeichen Europas ausgestellt. Wissenschaftler nennen diese Silbenschrift Linear A. Sie ist bis heute nicht entziffert.
Im nächsten Saal fasziniert vor allem das große Holzmodell des minoischen Palastes von Knossos, das ein Museumswärter unter Anleitung von Archäologen um 1960 gebastelt hat. Bei diesem wie bei allen anderen Rekonstruktionsversuchen waren kleine tönerne Hausmodelle aus minoischer Zeit hilfreich. Nahezu sensationell ein vielfarbiges Stadtmosaik aus den 17. Jahrhundert v.Chr. Wie in einem Puzzle sind hier zahlreiche Plättchen aus Fayence zusammengefügt und zeigen die Fassade eines mehrgeschossigen Gebäudes in Fachwerkarchitektur mit Fenstern, Türen und Balkonen. War das eventuell der Palast von Knossos?
Im gleichen Doppelsaal ausgestellt ist auch ein blau-weißes Spielbrett aus Bergkristall, Elfenbein, Glasfluss, Gold- und Silberplättchen. Sicherlich gehörte es einer hochrangigen Persönlichkeit. Sogar vier kegelförmige Spielfiguren aus Elfenbein sind erhalten geblieben – die Spielregeln aber leider nicht.
Von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung ist der Diskos von Phaestos in Vitrine 51. Diese Scheibe von etwa 16 Zentimetern Durchmesser ist auf beiden Seiten mit 141 Hieroglyphen bestempelt. Sie gilt damit als ältestes „Druckerzeugnis“ der Welt. Die Bedeutung der Zeichen haben schon viele Laien und Experten zu entschlüsseln versucht – allgemein akzeptiert ist keine ihrer Theorien.

Zentrum minoischer Kultur Knossos am Stadtrand von Iraklio kb Parschau
Zentrum minoischer Kultur: Knossos am Stadtrand von Iraklio

Alltagsleben – von Souvlaki und Tod

Einen Saal weiter kann man sich wieder mit dem minoischen Alltagsleben beschäftigen. Zu sehen sind u. a. ein Smoker für Imker, bronzene Angelhaken, große Bronzekessel zum Kochen und Souvlaki-Spieße. Ein konisches Gefäß zeigt Boxer und Ringer sowie einen jungen Mann, der einen Salto über einen Stier schlägt: Offenbar ein Usus bei bedeutenden religiösen Festen.
Saal VII zeigt, dass die Menschen auch in minoischer Zeit schon gern auf Schaukeln saßen. Außerdem ist hier die berühmte Schnittervase zu finden. Ein Relief auf dem Steatit-Gefäß zeigt Männer, die fröhlich singend von der Feldarbeit zurückkehren. Ein Musiker spielt dazu das traditionelle Instrument jener Zeit, ein Sistrum. Der Höhepunkt in Saal VIII sind die Fayence-Statuetten zweier barbusiger Frauen mit eng geschnürter Taille und Rüschenrock. Wegen der an und auf ihnen dargestellten Schlangen werden sie als Erdgottheiten interpretiert. Vielleicht zeigten sich aber so ja auch Priesterinnen dem Volk?
Die letzten Säle sind dann dem minoischen Totenkult gewidmet. Besonders schön ist hier der steinerne Sarkophag von Agia Triada. Er ist über und über bemalt. Die dargestellten kultischen Szenen sind sehr klar zu erkennen: Eine Priesterin opfert gerade einen Stier, ein Flötenspieler begleitet die Zeremonie. Zwei Göttinnen kommen in einem Wagen angefahren, der von einem Greifen gezogen wird. Zur Musik eines Lyra-Spielers gießen zwei Priesterinnen Flüssigkeiten in einen Opferkrug, ein Toter steht vor seinem Grabbau. Nach der Besichtigung dieser Säle im Erdgeschoss geht man am besten ins Obergeschoss hinauf. Dort erfährt man viel über minoische Wandmalereien.

Byzanz und die Renaissance

Das kleine, modern gestaltete Museum in der schon im 13. Jahrhundert erbauten Kirche der hl. Katharina vom Sinai birgt die wertvollsten Ikonen der Insel. Auch wer sonst wenig Interesse an frommen Bildern hat, wird mit ein wenig Kunstsinn von ihnen begeistert sein, denn in ihnen verbündet sich der strenge theologische Kanon der byzantinischen Ikonenmalerei mit der Lebhaftigkeit der westlichen Renaissance-Kunst.
Die sechs großformatigen Ikonen von Michail Damaskinos aus dem späten 16. Jahrhundert sind Millionen von Euro wert, aber natürlich unverkäuflich. Sie hängen an Stellwänden frei im Raum. Man schaut am besten zunächst die leicht erkennbare Darstellung der „Anbetung durch die Heiligen Drei Könige“ an. Als erstes fallen die drei fein gestriegelten Dromedare mit ihren fast giraffenartig langen Hälsen auf. Mit ihnen sind die drei Weisen aus dem Morgenland gekommen, die jetzt mit ihren Gaben in den Händen Maria, Josef und dem Jesuskind ihre Aufwartung machen. Eine Krone trägt nur einer von ihnen, der zweite einen Turban, der dritte ist kahlköpfig. In der rechten unteren Hälfte sind zahlreiche Soldaten und andere Männer mit ihren Pferden zu sehen. Keiner wird schematisiert, alle haben einen anderen Gesichtsausdruck. Rechts oben knien Engel, die alle nach byzantinischer Art einen Heiligenschein haben. Links oben schweben zwei Engel ohne Heiligenschein wie Tänzerinnen heran – ganz im Zeitgeist der Renaissance.

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Im Ikonenmuseum von Iraklio

Schöne Frau der Renaissance

Wie weit sich Damaskinos, der Meister des „Kretischen Stils“, von der traditionellen Ikonenmalerei entfernt hat, bemerkt man, wenn man sich die Ikonen an der Wand anschaut. Nehmen wir die dritte von der Kasse aus als Beispiel, eine Deesis-Darstellung aus dem frühen 16. Jahrhundert. Der Maler ist unbekannt, denn ein klassischer byzantinischer Ikonenmaler signierte seine Werke – anders als später Damaskinos – meistens nicht. Während die „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ äußerst erzählfreudig und figurenreich ist, beschränkt sich der Maler in dieser klassisch-byzantinischen Ikone auf das Wesentliche. In der Mitte thront Christus, links von ihm steht seine Mutter Maria, rechts Johannes der Täufer. Keinerlei Nebenfiguren beleben die Szene. Schauen Sie sich das Gewand Mariens einmal an. Es ist ganz geschlossen, umhüllt Kopf, Hals, Brust und Oberkörper, verkündet damit Mariens Jungfräulichkeit. Geht man danach zur „Anbetung“ zurück und guckt, wie Maria dort das gleiche Gewand trägt: Lässig den Hals und das Unterkleid zeigend, fast schon freizügig wie eine schöne Frau der Renaissance.

Venezianische Handgranaten

In einem Alt- und einem damit verbundenen Neubau zeigt das „Historical Museum of Crete“ (Historisches Museum Iraklio) ein Sammelsurium von Objekten aus der Inselgeschichte der christlichen Zeit. Noch vor der Kasse hängt rechts an der Wand die Gallionsfigur einer venezianischen Galeere des 16./17. Jahrhunderts, Schlangen liegen auf ihren Schultern. Diese Tiere haben die Menschen anscheinend immer fasziniert. Hier sollen sie vermutlich wie bei antiken Gorgonen alles Übel vom Schiff fernhalten. Im Raum rechts von der Kasse sind gleich links an der Wand sechs Kreta-Landkarten aus dem 16. bis 18. Jahrhundert ausgestellt. Sie lokalisieren alle das berühmte kretische Labyrinth des Minotauros im Süden Zentralkretas, nicht wie später üblich in Knossos.
Unter drei venezianischen Brustpanzern in der Raummitte erfährt der waffentechnische Laie ganz Erstaunliches: Zu sehen sind venezianische Handgranaten aus Glas, Ton und Kupfer. Handgranaten sind also nicht erst eine grausame Erfindung aus dem 20. Jahrhundert.
Dominiert wird der Raum von einem großen Modell der Stadt Iraklio. Es bildet die damals Chandax genannte Stadt im Maßstab 1:500 in ihrer Gestalt im Jahr 1645 ab, also kurz vor der osmanischen Eroberung.
Der größte Stolz des Museums sind zwei kleine Gemälde des berühmten kretischen Malers El Greco: die „Taufe Christi“ von 1657, und der „Anblick des Berges Sinai und des Katherinen-Klosters“ von 1570. Beide Werke sind zwar unsigniert, gelten aber als Originale. Wegen der fehlenden Signatur waren sie für dieses kleine Museum erschwinglich. Andere Werke El Grecos, der 1676 nach Spanien auswanderte, gibt es auf Kreta nicht!
Am Westende des Flurs im ersten Obergeschoss steht ein Schreibtisch, an dem der große kretische Dichter Nikos Kazantzakis während seines Aufenthalts auf der Insel Ägina dicht vor Athen gearbeitet hat. Im zweiten Obergeschoss steht sogar sein ganzes Arbeitszimmer, in dem er von 1954 bis 1957 im französischen Städtchen Antibes gearbeitet hat.

Iraklio 1
Im Winter oft stürmisch: die Strände von Iraklio

Mehr über Kazantzakis

Für große Kazantzakis-Liebhaber lohnt sich der Besuch zweier anderer Orte in und bei Iraklio. Mirtia war das Heimatdorf seines Vaters. 1983 richtete der entfernt mit Kazantzakis verwandte Bühnen- und Kostümbildner Giorgos Anemogiannis in mehreren Häusern im Dorf ein Kazantzakis-Museum ein. Es skizziert den bewegten Lebenslauf des Dichters, zeigt persönliche Utensilien, seine Werke in allerlei Sprachen, historische Fotos und Briefe und – besonders interessant – Originalkostüme und Szenenbildentwürfe von Aufführungen seiner Theaterstücke.
Das Grab des großen Dichters, der 1957 in Freiburg/Breisgau verstarb, findet man nicht auf einem Friedhof, sondern auf der Stadtmauer von Iraklio. Die Kirche hatte ihm ein christliches Begräbnis verweigert, da er zu jener Zeit einigen Klerikern als Ketzer galt. Darum wurde er auf der Martinengo-Bastion beigesetzt. Ein schlichtes Holzkreuz und ein einfacher Stein mit dem von ihm selbst bestimmten Grabspruch „Ich erhoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei“ sind außer gelegentlich niedergelegten Blumen der einzige Grabschmuck.

Erdbeben im Simulator

Direkt am Meer ist das Naturgeschichtliche Museum im ehemaligen Elektrizitätswerk der Stadt untergebracht. Es widmet sich nicht nur Kreta, sondern ganz Griechenland, ist aber überwiegend für Schulklassen interessant. Eine einmalige Attraktion für alle aber steht im Untergeschoss. Da kann man in einer nachgebauten Schulklasse Erdbeben verschiedenster Stärke als Simulation erschreckend realistisch miterleben. Hinterher wird man froh sein, wenn einen ein solches Naturereignis in der Wirklichkeit erspart bleibt.

Antike Technologie

Kretas neuestes Museum hat Kostas Kotsanas geschaffen, ein Ingenieur von der Peloponnes. Er bestückt und betreibt auch schon ähnliche Ausstellung in Katakolo, Olympia und Athen. Er erforscht die technischen Errungenschaften der Antike an Hand von Texten und Vasenbildern und baut sie als funktionstüchtige Modelle nach – vom antiken Wecker bis zum antiken Getränkeautomaten. Da kommt man aus dem Staunen nicht hinaus.

Text und Fotos von Klaus Bötig

Diese Reportage erschien in der Griechenland Zeitung Nr. 702 am 20. November 2019.

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