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Eine Stadt mit vielen Facetten

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Foto (© GZcb): Die Mühlen am Hafen mahlten schon Mehl für die Ritter. Foto (© GZcb): Die Mühlen am Hafen mahlten schon Mehl für die Ritter.

Rhodos ist immer eine Reise wert, auch eine ganz kurze. Zwischen Mai und Oktober ist die Insel des Sonnengotts von vielen Flughäfen aus nonstop zu erreichen. So landet man schon nach rund drei Stunden in einer fremdartigen Welt voller Schmankerl jedweder Art.

Wir bleiben drei Nächte lang, wollen uns ganz auf die Inselhauptstadt konzentrieren. Zur perfekten Einstimmung lassen wir uns auf der Kon Tiki vom sanften Wellenschlag in maritime Stimmung versetzen. Das hippe Ponton-Restaurant mit zwei Ebenen ist fest im Mandraki-Hafen vertäut, Pizza und Pasta dominieren die Karte. Aber man muss ja nichts essen, ein Drink oder Freddo Espresso tut’s auch.
Wahrhaft gourmethaft ist der Augenschmaus. Wir schauen nach Süden. Links steht trutzig und leicht erhöht der monumentale Großmeisterpalast, einst Sitz der Ordensfürsten der Johanniterritter. Rechts hat der italienische Faschismus deutliche städtebauliche Akzente gesetzt. Fast direkt am Hafen verschmilzt die Verkündigungsbasilika mit dem viel zu großen Bischofspalast, auf der anderen Straßenseite stehen staatstragende Bauten wie Rathaus, Nationalbank, Hauptpost – und sogar ein stattliches, aber nicht mehr bespieltes Theater. Den touristischen Teil der griechischen Neustadt gleich dahinter sehen wir von Bord aus nicht, haben damit aber auch gar nichts versäumt.

Markant Großmeisterpalast und Nea Agora

Romantik zwischen Ost und West

Ein orientalisch anmutender Kuppelbau zwischen historischer Alt- und italienischer Neustadt setzt einen besonderen Akzent: Die Nea Agora, von Mussolinis Architekten als Markt mit großem Innenhof konzipiert. Einerseits gibt er sich orientalisch verspielt, andrerseits betont er den Herrschaftsanspruch der Faschisten bis in den Orient hinein. Eine Art Bindeglied zwischen Ost und West sollte diese Nea Agora sein. Heute hat sie ihre Marktfunktion verloren. Auf den steinernen Tischen, an denen einst die Fischhändler ihre frische Ware feilboten, dösen heute die Katzen, nur das stets pieksaubere öffentliche WC im Kellergeschoss erfüllt noch seine alte Funktion. Geöffnet sind im Innenhof vor allem noch einige Grillrestaurants, in denen man gut Gyros essen kann, und einige kleine Kafenia, die vor allem von einheimischen Stammgästen leben.
Ein zweites Bindeglied zwischen Alt- und Neustadt ist der breite Wallgraben, den die Johanniterritter im 14. Jahrhundert zwischen Stadtmauer und Contrescarpe anlegten. Ein schlecht ausgeschildeter, verwinkelter Schleichweg führt von der Nea Agora in ihn hinein. Auf diese Art nähert sich sonst kaum jemand der mauerumgürteten Altstadt; die normalen Zugänge führen über Brücken oder durch Tore direkt von der Wasserfront aus. Hoch ragen die Mauern des Großmeisterpalastes über unserem versteckten Zugang auf; nie hat ein osmanischer Belagerer sie erklettert. Dann weitet sich der Graben, wird grün. Überall liegen steinerne Kugeln herum, die einst mit Katapulten hin- und hergeschleudert wurden. Wir unterqueren die Brücke zum Amboise-Tor und folgen dann der Andeutung eines Weges, der uns zu einer recht verborgenen Treppe hinauf in die Altstadt bringt.

Wie einPark Der alte Wallgraben

Die Altstadt als Puzzle

Etwa vier Kilometer sind die mittelalterlichen Altstadtmauern lang – und in vollem Umfang gut erhalten. Innerhalb dieses steinernen Rings steht kaum ein Neubau, sind Bauten und Ruinen aus 2300 Jahre Geschichte eng ineinander verwoben. Wir erreichen als erstes den Großmeisterpalast, lassen ihn aber diesmal links liegen: Seine Innenarchitektur und Raumausstattung sind das phantasievolle Werk der italienischen Restauratoren. Alles war darauf getrimmt, dem Ego Mussolinis zu schmeicheln, sollte er einmal Rhodos besuchen – was er aber nie tat. Gute Arbeit haben die Restauratoren jedoch in der Ritterstraße geleistet, die vom Großmeisterpalast abwärts führt zum ehemaligen Ordenshospital. Zu beiden Seiten dieser Odos Ippoton stehen die Herbergen der verschiedenen Landsmannschaften des Ordens, dessen Angehörige ja aus dem ganzen römisch-katholischen Europa stammten. Besichtigen darf man sie allerdings nicht. Das Ordenshospital hingegen heißt Besucher willkommen. Der riesige Krankensaal beeindruckt auch Geschichtsmuffel, die beiden Marmorstatuen der fast nackten Liebesgöttin Aphrodite kann zu Diskussionen über Schönheitsideale führen. Zudem ist der wenig besuchte Museumsgarten eine Oase der Stille mitten im touristischen Treiben.
Dessen Hauptachse ist die nur wenige Schritte vom Museum entfernte Odos Sokratous.

Café für Raucher und Tavli-Spieler

Bei unserem ersten Rhodos-Bummel 1973 reihten sich hier noch die Geschäfte der Pelzhändler aneinander. Die meisten haben wegen der pelzfeindlichen Einstellung der meisten Europäer zu echten Pelzen inzwischen umgesattelt oder sind in viel größere Läden an den breiten Ausfallstraßen ausgewichen, vor denen die Busse mit inzwischen fast nur noch russischen Urlaubergruppen problemlos parken können. Die größte kommerzielle Konstante an dieser autofreien Altstadtgasse ist heute das türkische Kaffeehaus „Bekir Karakusu“, das von einer Angehörigen der etwa 2.000 Köpfe zählende türkischstämmigen Gemeinde der Insel betrieben wird. Tische, Stühle und Diwan-ähnliche Bänke stehen da auf einem für Rhodos typischen Mosaikfußboden aus hellen und dunklen Kieselsteinen, an den Wänden hängen alte Fotos, zahlreiche Wasserpfeifen warten auf Raucher, Tavli-Kästen auf Spieler. Kenner trinken hier einen echt türkischen Tee, die wenigen Touristen, die sich hinein wagen, müssen aber auch nicht auf ein Bier verzichten. Das war 1973 noch anders – bei den alten Eigentümern war Alkoholkonsum tabu. Da hing aber auch noch ein großes Foto von der Kaaba in Mekka an der Wand.

Urig Das älteste Kafenio der Stadt

Moscheen und ein alter Hamam

Viel Osmanisches liegt auch am Rand der stillen Altstadtgassen, durch die wir nun schlendern: Moscheen, eine Bibliothek mit vielen alten Handschriften, Brunnen, ein großer Hamam. Wir kommen an Mauerresten unterm heutigen Straßenniveau vorbei, die an ihren großen Quadern unschwer als antik zu identifizieren sind, und stehen schließlich vor der restaurierten Synagoge aus dem 16. Jahrhundert, die man auch als Deutscher gern besuchen darf. Ein paar Meter weiter krächzen am Platz mit dem Seepferdchenbrunnen bunte Papageien, mit denen die Wirte überteuerter Lokale Touristen zu Bier in riesigen Stiefelgläsern locken wollen. Mitten auf dem Platz steht gut verborgen ein modernes Denkmal, das an den rhodischen Holocaust erinnert: 1943 deportierten deutsche Truppen etwa 1.200 jüdische Rhodier in deutsche Konzentrationslager, kaum einer überlebte.
Es ist inzwischen später Nachmittag geworden. Nahe der Ibrahim-Pascha finden wir eine kleine Bar für einen Sundowner. Schon bald erklingen lateinamerikanische Klänge, exzellent gespielt von zwei Peruanern. Ein englisches Pärchen lässt sich durch sie zum schwungvollen Tanzen auf der Gasse animieren – ihr Samba ist bühnenreif. Wir bestellen noch einen zweiten Souma, die rhodische Variante des einem Grappa ähnlichen Tsipouro, und gehen erst später in den Innenhof der mittelalterlichen Auberge d’Auvergne. Auch da ist an jedem Abend Live-Musik zu hören; zudem serviert man ausgezeichnete griechische Weine aus der angeschlossenen Vinothek.

Neustadt mit Strand

Nach tiefem Schlaf in unserem kleinen Altstadthotel mit privatem Zugang auf die Stadtmauer hinauf widmen wir uns am zweiten Tag der Neustadt. Wir folgen der ganzen meerseitigen Stadtmauer, passieren üppig mit Muscheln, Seeschnecken und Schwämmen dekorierte Kaikis seefahrender Händler. An der Platia Simis schauen wir für ein paar Minuten in die Städtische Galerie für moderne Kunst hinein und umrunden dann den historischen Mandraki-Hafen, in dem heute vorwiegend Yachten und Ausflugsboote liegen. An der Hafeneinfahrt, an der stets einige Angler Petri Heil suchen, steht auf beiden Seiten eine Säule. Eine wird von einem Hirsch, die andere von einer Hirschkuh gekrönt, den Wappentieren der Insel. In der Antike stand hier für einige Jahre wohl breitbeinig eins der sieben Weltwunder: Der angeblich 32 Meter hohe, bronzene Koloss von Rhodos.
Wir bummeln an der Verkündigungsbasilika mit ihren vielen neuen Fresken im traditionellen byzantinischen Stil vorbei zum Elli Club, einem Kuppelbau aus italienischer Zeit. Heute ist er einer von mehreren Beach Clubs mit Musikbeschallung am Stadtstrand. Gut im Blick hat man da den Fünfmeter-Sprungturm dicht vor der Küste, der in Griechenland nicht seinesgleichen hat. Wer oben zum Absprung bereit steht, hat die anatolische Küste direkt vor Augen – und hinter sich den kleinen türkischen Friedhof der Stadt, auf dem noch zahlreiche Grabsteine und eine Türbe aufrecht stehen. Da hat niemand etwas dagegen, wenn man sich zwischen den Gräben ein kurzes Nickerchen gönnt. Am Elli Beach steht als italienischer Protzbau auch das Hotel des Roses mit seinem eleganten Spielcasino, das in Vor-Corona-Zeiten scharenweise Israelis anlockte. Sie kamen sogar mit Schiffen und Jumbo-Jets, um hier ihr Geld zu verspielen.

Stand hier der Koloss

Langweilig wird es nie

Den neugriechischen Teil der Stadt schenken wir uns. Lieber bummeln wir wieder kreuz und quer durch die Gassen und über die vielen Plätze der Altstadt. Da gibt es noch so viel zu entdecken: Byzantinische Kirchlein und das Atelier eines Ikonenmalers zum Beispiel. Oder einen Juwelier, der das Uhrwerk alter Edelarmbanduhren zu Schmuck verarbeitet. Eine Kaffeerösterei, eine Sattlerwerkstatt, die Lieblingsplätze hunderte von Katzen, die dachlose Ruine einer gotischen Kirche und immer wieder reizvolle Cafés, Bars, Tavernen und Restaurants. Langweilig wird die Altstadt von Rhodos nie.

Text und Fotos: Klaus Bötig

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