Die „Feige aus dem Frankenland“

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Fotos © Waltraud Alberti:  Der Feigenkaktus ‒ Opuntia ficus-indica ‒ (η) φραγκοσυκιά (frangosykiá) Fotos © Waltraud Alberti: Der Feigenkaktus ‒ Opuntia ficus-indica ‒ (η) φραγκοσυκιά (frangosykiá)

Wenn sich der Sommer träge und schwerfällig dahinschleppt und die Tage trocken und heiß sind, dann ist die Zeit für den Feigenkaktus gekommen. Nachdem Maulbeeren und Aprikosen geerntet, Trauben und Feigen noch nicht ganz reif sind, können seine Früchte diese Vitamin-Lücke ausfüllen.

Prall sitzen sie auf den „Blättern“ und leuchten in Farbtönen von Gelb und Orange. Der Kaktus biegt sich schon unter ihrer Last. Wie immer reifen die eiförmigen Früchte mit zunehmender Wärme und Trockenheit, während die wasserspeichernden Blätter dürrer werden. Obwohl der Feigenkaktus ein Kind der Fremde ist, breitet er sich aus und trägt Früchte, als wäre er schon immer in Griechenland zuhause. Tatsächlich aber kam er erst mit den Entdeckern der „Neuen Welt“ ins Mittelmeergebiet. Auf ihrem Seeweg nach Indien trafen sie das erste Mal in den tropischen Gebieten Amerikas auf diesen Kaktus. Sie waren begeistert von seinem hohen Wuchs und von der Form seiner großen flachen Blätter. Auch die leuchtenden Farben der gelben und orangefarbenen Blüten hatten es ihnen angetan. So wurde er als „Indische Feige“ in die „Alte Welt“ eingeführt. Über Westeuropa kam der Feigenkaktus schließlich auch in die Levante und nach Griechenland, wo er als „Frankenfeige“ heimisch wurde. „Franken“: Das sind hier seit dem Mittelalter alle Katholiken bzw. Westeuropäer.

Der Kaktusfeige als Heilpflanze

Die Früchte, die einen sehr hohen Gehalt an Vitamin C aufweisen, sind eine gesunde Nahrungsquelle. Extrakte aus den Blüten gelten als Heilmittel bei Blasen- und Prostatabeschwerden. Produkte aus den Blattsprossen sollen u. a. Blutzucker senkend und den Cholesterinspiegel regulierend wirken. Interessant ist hierzu ein griechisches Hausrezept, das mir mündlich überliefert wurde: Demnach soll ein Blatt, flach durchgeschnitten, mit Olivenöl bestrichen, auf die Leber gelegt, zu deren Entgiftung beitragen. Der Brei aus den frischen Blättern kann bei rheumatischen Beschwerden aufgelegt werden. Bei Hautentzündungen und Sonnenbrand verwendet man den Press-Saft daraus. Ideal, wenn einem die griechische Sonne oder der Feigenkaktus einmal zu nahe kamen! Auch in der Homöopathie findet sich der Feigenkaktus wieder, wenn auch nur indirekt. Die berühmten Cochenille–Schildläuse, die auf den Kakteen gezüchtet werden, liefern nicht nur das leuchtende Karminrot zur Gewinnung als Lebensmittelfarbe, u. a. für Spirituosen und Kosmetika, sondern auch eine Substanz für ein homöopathisches Mittel.

Eine Anleitung für Ernte und Verzehr der Feigenkaktusfrüchte – fast ein Abenteuer

Nur gut gewappnet lassen sich seine Früchte ernten. Aber man ist ja mutig und erfinderisch, wenn man Appetit auf diese exotische Erfrischung hat!  Man schützt sich also entweder mit extrem dicken Arbeitshandschuhen aus Leder oder man nimmt mehrfach gefaltetes Zeitungspapier. So greift man nach der ersehnten Frucht und nimmt sie mit einer Drehbewegung vom Blatt. Auch mit einem langen scharfen Messer kann man sie abschneiden. Mit der freien Hand wird eine Schüssel darunter gehalten, in die die Frucht fallen kann. Ganz einfallsreich ernten unsere griechischen Nachbarn die Früchte: mit einer Spaghetti-Zange, die wir ihnen geschenkt hatten. Legt man die Früchte über Nacht in den Kühlschrank und schält sie dann anderntags, sind sie – eisgekühlt mit Zitronensaft beträufelt – eine wahre Sommer-Köstlichkeit, erfrischend, saftig und nebenbei auch noch gesund! Voraussetzung ist nur, man weiß sie zu putzen, wie man in Griechenland sagt. Man kann sie mit Messer und Gabel schälen. Einfacher geht es mit Messer und Löffel: Man durchschneidet die Frucht der Länge nach und nimmt das innere Fruchtfleisch mit einem Esslöffel heraus.

Aus dem Buch: „Garten der Götter - Pflanzen am Mittelmeer: Heilkraft, Mythos, Geschichten & Rezepte“, das gerade in 2. überarbeiteter Auflage im Verlag der Griechenland Zeitung erschienen ist.

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