Das ewige Element Griechenlands

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Das Aquarell von Wassilis Dornakis stammt aus dem Buch  „Meeresrauschen – Küsten des Lichts“. Das Aquarell von Wassilis Dornakis stammt aus dem Buch „Meeresrauschen – Küsten des Lichts“.

Ich ging ans Meer, das ewige Element Griechenlands, schwamm, legte mich dann flach auf die Kiesel, hörte aus der Ferne die Menschenherde und blickte hinaus nach Zante und noch weiter nach unserer heimlichen Heimat Ithaka. Und plötzlich tauchte wieder aus dem Meer über die Wogen reitend Odysseus’ Schiff.

Der Kapitän saß wie gewohnt am Steuer, die spitze Mütze bis zu den Augenbrauen heruntergezogen. Es glitzerten die kleinen Augen voller List, die Brauen zusammengezogen – als wäge er mit dem einen Auge eine Insel ab, die er erobern möchte, oder eine Wolke, die plötzlich am Himmel auftauchte, mit Winden beladen. Oder als wäge er seine eigene Kraft ab vor der Entscheidung, ob er tapfer oder verschlagen sein sollte. Ich richte die Blicke nach Ithaka und spüre auf meiner Stirn die frische Brise, welche seine Schläfen umhauchte, als er im Morgengrauen die Tür seines Palastes öffnete – nicht mehr vermochten ihn Frau und Sohn und Heimat und die heimischen Götter zu halten; er stach in See und kehrte nie mehr zurück. Einer sagte: „Ich habe ihn eines Abends im heimlichen Gespräch mit Helena im Röhricht des Eurotas gesehen.“ Ein anderer sagte: „Ich habe ihn gesehen, wie er über die Herkulessäulen hinausfuhr und die Welt hinter sich zurückließ.“ Und eines Nachts träumte Telemach von ihm, er sah ihn, wie er die zwei Ruder wie zwei Flügel auf den Schultern trug und so zum Olymp hinauffuhr. Telemach sprang erschrocken auf und rief: „Der Vater ist gestorben!“ Doch du, Schiffsherr von Griechenland mit der spitzen Mütze, dem wachklugen ruhigen Auge, mit dem Kopf, der Mythen erfindet und sich über die Lüge wie über ein Kunstwerk freut, trotzig, kühn und durchtrieben, sitzt im Schiffe Griechenlands und hältst das Steuer ... Die Sonne neigte sich dem Untergang zu, das Meer war wie Wein geworden, die Lieder wurden immer lauter, die Volksinstrumente wetteiferten in der Lautstärke. Zwei, drei Wagen fuhren den Strand entlang vorbei, vollbeladen mit kreischenden Frauen, die sich einander in die Arme fielen. Das Volksfest war zu Ende gegangen. Und ich, aufgesetzt nun auf den Kieselsteinchen, kreuzte die Arme wie ein Arbeiter. Reiche Belohnung – meinen Tagelohn – hatte mein Geist erhalten, die unbezwingbare Burg, das farbenfrohe Volksfest und gegen Abend auf den Wogen schließlich den großen Schatten des Odysseus.

(Nikos Kazantzakis, 1883-1957)

Das Aquarell und der Text sind aus dem Buch „Meeresrauschen – Küsten des Lichts“, das im Verlag der Griechenland Zeitung erschienen ist.

Mit vielschichtigen Aquarellen illustriert Wassilis Dornakis sein großes Thema „Licht, Küste, Meer“. Fast unmerklich taucht der Betrachter dabei ein in bezaubernd schöne Texte – von der Antike bis zur Gegenwart. Unterhaltsam und lehrreich. Wer dem Reiz des Mediterranen erlegen ist, wird sich in den „Küsten des Lichts“ wiederfinden. Wer bisher noch nie Sehnsucht nach Süden und Meer verspürt hat, der wird nach der Lektüre dieses  Buches vielleicht eine solche Sehnsucht bekommen.

Cover Kuesten

 

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