Im Osten ging eben die Sonne auf

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Das Aquarell von Wasilis Dornakis stammt aus dem Buch „Meeresrauschen – Küsten des Lichts“. Das Aquarell von Wasilis Dornakis stammt aus dem Buch „Meeresrauschen – Küsten des Lichts“.

Erst am letzten Tage vor der Abreise nach Ägina fasste ich mir ein Herz. Der Nordwind hatte die Wolken zerstreut, es war ein herrlicher Tag, die Tore in das Land Hyperions waren wieder geöffnet, und während ich demütig zwischen den Säulen des Parthenon einherschlich und die Koren der Erechtheionhalle verehrte, erlebte ich das Wort Renans: „Es gibt einen einzigen Ort, wo die Welt vollendet ist, die Akropolis von Athen.“ (...)

Auf der kleinen, Ägina südöstlich vorgelagerten Insel Moni hatte sich ein Bruchstück einer griechischen Weihinschrift gefunden. Fischer erzählten, solche Steine mit Buchstaben fänden sich auch auf der Insel Kyrä, die in der Richtung gegen Epidauros der argolischen Küste vorgelagert ist. Deshalb wurde 1905 dahin eine Expedition ausgerüstet, ein großes Segelboot gemietet, Ausgrabungswerkzeug, Feldbetten, Lebensmittel für ein paar Tage verstaut, und am Abend vor einer Vollmondnacht fuhren wir mit einem Dutzend Arbeiter dahin ab. Wir fuhren die ganze Nacht dahin, während der ich meinen Schlaf bekämpfte, um dem leisen Geplätscher der Wellen zu lauschen, die das von dem gleichmäßigen Winde getriebene Schiff durchschnitt, während der Mastbaum ächzte und die Segel rauschten. Ein unermessliches Sternengeflimmer umgab uns. Das Mondlicht hellte das blaue Dunkel ferner Küsten und Inseln schleierhaft auf. Wir kamen noch im Mondschein vor Sonnenaufgang an. Ein kurzer Rundgang auf dem Eiland, das sich wie ein großer Schildkrötenrücken aus dem Meere erhob, belehrte uns zu (Adolf) Furtwänglers Mißvergnügen, daß auf seinem überall  anstehenden Felsengrund nicht der geringste Rest antiken Mauerwerkes und auch sonst keine antiken Steine erhalten waren. Die Insel war nur von einer Schafherde mit ihrem alten Hirten bewohnt, der aussah wie ein Faun und der den schönsten großen schneeweißen Schäferhund jener albanischen Rasse, die in der ganzen Levante und in Süditalien verbreitet ist, besaß, den ich je gesehen habe, der ihm aber nicht feil war. Als wir von unserem Rundgang zurückkehrten, hatten unten am Ufer der beinahe kreisförmigen Bucht die Leute ein großes prasselndes Feuer angemacht, an dem sie einen vom Hirten erstandenen Hammel rösteten. Im Osten ging eben die Sonne auf, der Morgenwind trieb hüpfende Wellen ans Land, ich stürzte mich in die heilige Flut. Alles war reine Odyssee.

Ludwig Curtius (1874-1954)

Das Aquarell und der Text sind aus dem Buch „Meeresrauschen – Küsten des Lichts“, das im Verlag der Griechenland Zeitung erschienen ist.

Mit vielschichtigen Aquarellen illustriert Wassilis Dornakis sein großes Thema „Licht, Küste, Meer“. Fast unmerklich taucht der Betrachter dabei ein in bezaubernd schöne Texte – von der Antike bis zur Gegenwart. Unterhaltsam und lehrreich. Wer dem Reiz des Mediterranen erlegen ist, wird sich in den „Küsten des Lichts“ wiederfinden. Wer bisher noch nie Sehnsucht nach Süden und Meer verspürt hat, der wird nach der Lektüre dieses  Buches vielleicht eine solche Sehnsucht bekommen.

Cover Kuesten

 

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