Sifnos, April 1977

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Ag. Taxiarchis, Sifnos, 9. April 1977 Ag. Taxiarchis, Sifnos, 9. April 1977

In Erinnerung war mir ein 80-Jähriger geblieben, den ich damals in Kastro, dem Ort am Meer, gezeichnet hatte, ich weiß nicht, ob Du Dich daran erinnern kannst. Er war urig, stand wohl unter Wirkung des Weins, hieß Apostolos und wollte, dass ich sein Konterfei überlebensgroß an die Hauswand male. Nach ihm, der gestorben sein dürfte, erkundigte ich mich und erhielt die Antwort: Ach, der Makrás? Der lebt, dort beim Soundso wirst Du ihn finden.

Und tatsächlich, 98-jährig, das Fischerkäppi auf dem Kopf, etwas schlanker geworden, saß er in der Kneipe, rauchte, trank, riss großartige Sprüche, ließ sich wieder zeichnen, bis seine böse Frau in der Türe des unter einer Eiche gelegenen Lokals erschien, ihn nach Hause zu holen. Da wurde er fuchsteufelswild, knallte die Faust auf den Tisch, das sei ein öffentlicher Ort, da habe keine Frau etwas verloren usw. Sie setzte sich oben vor die Tür, sah giftigen Blicks hinunter, bis man ihr ihren im Gehen schon wieder einmal stark beeinträchtigten Gemahl herausführte und er sich geduldig heimbringen ließ. Er ist eine Berühmtheit, um dessen wilde Vergangenheit sich allerhand tolle Geschichten ranken.

Apostolos Gesichter 300

Apostolos, Kastro, Sifnos, 9. April 1977


Text und Zeichnungen aus unserer Neuerscheinung: „Gesichter Griechenlands“

Die „Gesichter Griechenlands“ von Melchior Frommel sind einmalige Momentaufnahmen von Hellas, die ein wunderbar nostalgisches Gesamtbild eines außergewöhnlichen Landes ergeben. Als Leitfaden dienen die mehr als 100 Porträts von Alten, Frauen, Kindern und Burschen sowie Landschafts- und Milieustudien. Dekoriert sind die Zeichnungen mit originellen Texten aus 60 Jahren. Frommel „ist ein Künstler, der schon auf seinen ersten Reisen nach Griechenland unsere einfachen Menschen geliebt hat und, fasziniert von ihrer Physiognomie, sie zu zeichnen begann.“ Das schreibt der griechische Literat und Übersetzer Dinos Christianopoulos. Für den Künstler war es leicht, in Griechenland „auf Menschenfang“ zu gehen, wo „die Landschaft und die alte Kunst ihre Ergänzung im lebendigen Alltag“ fanden. In den Gesichtern der Menschen, die Frommel abbildet, findet man auch ein Griechenland wieder, wie es einmal war Und für diese Authentizität garantiert das Eingeständnis des Künstlers: „Nirgendwo kann ich Menschen so frei gegenüber sitzen wie hier in Griechenland.“

cover gesichter rahmen 300

 

 

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