Serifos, Samstag 15.8.1959

  • geschrieben von 
Serifos Stadt auf der Insel Serifos, 1959 Serifos Stadt auf der Insel Serifos, 1959

Gerade bin ich zurück vom Besuch der Morgenliturgie des großen Marienfestes, das von gestern Abend an bis übermorgen (Montag nach Maria Himmelfahrt) in den verschiedenen Dörfern gefeiert wird. (…) Und wie es hier immer geht, erst zeichnete ich ein hübsches kleines Kind und gleich waren ungezählte drum herum, die bewunderten, scherzten, auch hofften, gezeichnet zu werden.

Es bildeten sich Gruppen, und ich brauchte nur (…) von einer zur anderen gehen, hier ein alter Invalide, der Kunststücke mit Papierkügelchen vollführte, dabei Matrosen und die Burschen mit dem Schnurrbart stolz unter der Nase, da ein halbes Dutzend schöner Griechinnen, im schönsten Festkleid mit Bändern im Haar, den leidenschaftlichen schwarzen, von schwarzen Brauen überwölbten Augen, die so gerne mit dem Germanos zweideutige Gespräche führen und von ihren Brüdern deswegen gescholten werden. (…) Und ein Lautenspieler und Sänger, wie ich ihn noch niemals ähnlich habe spielen hören, der beste Griechenlands, behaupten die Serfioten – man kann es ihnen glauben, so fremdartig, virtuos unherkömmlich wusste er mit gequetschter, langgezogener Stimme und eigenartigsten Harmonien und Rhythmen die Tänzer zu begleiten. Jetzt holt man mich zur Hochzeit, später mehr!

Kind 300

Text und Zeichnungen aus unserer Neuerscheinung:

Die „Gesichter Griechenlands“ von Melchior Frommel sind einmalige Momentaufnahmen von Hellas, die ein wunderbar nostalgisches Gesamtbild eines außergewöhnlichen Landes ergeben. Als Leitfaden dienen die mehr als 100 Porträts von Alten, Frauen, Kindern und Burschen sowie Landschafts- und Milieustudien. Dekoriert sind die Zeichnungen mit originellen Texten aus 60 Jahren. Frommel „ist ein Künstler, der schon auf seinen ersten Reisen nach Griechenland unsere einfachen Menschen geliebt hat und, fasziniert von ihrer Physiognomie, sie zu zeichnen begann.“ Das schreibt der griechische Literat und Übersetzer Dinos Christianopoulos. Für den Künstler war es leicht, in Griechenland „auf Menschenfang“ zu gehen, wo „die Landschaft und die alte Kunst ihre Ergänzung im lebendigen Alltag“ fanden. In den Gesichtern der Menschen, die Frommel abbildet, findet man auch ein Griechenland wieder, wie es einmal war Und für diese Authentizität garantiert das Eingeständnis des Künstlers: „Nirgendwo kann ich Menschen so frei gegenüber sitzen wie hier in Griechenland.“

cover gesichter rahmen 300

Nach oben