Athen brennt ?!

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Athen brennt ?!
So scheint es zumindest, wenn man sich im Internet verbreitete Videos vom und nach dem 6. Dezember 2008 anschaut. Für viele nur der glückselige Nikolaustag, für die anderen der Beginn eines jährlich wiederkehrenden Aufbegehrens gegen die engen Stricke eines Staates und dessen Exekutive. 
 
Das Video beginnt, es ist der 06.12.08 gegen 21 Uhr. Auf der Straße schreien Leute „Er ist tot, sie haben ein Kind getötet“. Mülltonnen brennen, Menschen laufen hektisch auf den Straßen, „Es ist Krieg“, schreit ein alter Mann, während er sich in einem Häuservorsprung zurückzieht.
Alexandros Grigoropoulos war erst 15 Jahre alt, ein Kind, sein ganzes Leben noch vor sich. Jetzt wäre er 23, ein Jahr älter als ich. Zur falschen Zeit am falschen Ort, zu einfach gesagt?
Wer ist der Schuldige? Der Polizist, der geschossen hat? Das System? Alexandros, der Junge, dessen Blut vergossen wurde?
Er wurde, hier in Athen, zum Märtyrer einer ganzen Generation gemacht, sein Tod ist der Grund, dass jedes Jahr am 6. Dezember junge und alte Griechen auf die Straße gehen und ihren Widerstand zum Ausdruck bringen – gegen das System, gegen die Finanzkrise, gegen ihre Situation, gegen alles! 
Eine Stadt, in der sich die Polizei scheut, ein bestimmtes Viertel, Exarchia, zu betreten, da die Autonomen- und die Anarchistenszene sie als Vertreter des Staates ansieht. Die Angst der Polizisten, das Viertel zu betreten, scheint zu groß, vor den eigenen Verlusten, Gewalt stößt auf Gegengewalt, und wer kann am Ende schon sagen wer schuld ist. Eine Stadt, in der die Polizisten keinen Fuß auf Universitätsgelände setzen, um dort ihres Amtes zu walten. „Das Asylrecht“ dort ist zwar gekippt, trotzdem, ohne Zustimmung der Uni dürfen sie dort nicht rein. 
In dieser Stadt also jährte sich gestern zum achten Mal der Mord an Alexandros. Und gestern glichen einige Straßen in Exarchia wieder kleinen Kriegsschauplätzen. Molotowcocktails und Tränengas jedes Jahr wieder. 
Noch vor wenigen Tagen sagte der griechische Außenminister, dass dies die erste Generation sei, die er erlebe, in der es keine Antikriegsbewegung gebe. Ist das wirklich so? Ist nicht jedes Aufbegehren, ob man es nun für gut oder schlecht hält, eine Bewegung? 
Gibt es nicht auch in jeder diese Bewegungen Leute, die nur zerstören wollen, genauso wie die, die wirklich etwas zum Guten ändern wollen? Heiligt der Zweck die Mittel? Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich es auch nie erfahren. 
 
06.12.08, 01.30 Uhr, das Video endet, Schreie und ein geworfener Molotowcocktail sind der letzte Eindruck, denn ich von diesem denkwürdigen Tag bekomme. 
 
Athen hat gebrannt. 
 
Luisa Bollweg
 
(Griechenland Zeitung Luisa Bollweg/ Foto: eurokinissi)
 
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