Ankara stellt Lausanne-Vertrag in Frage – Athen in Aufruhr Tagesthema

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Ankara stellt Lausanne-Vertrag in Frage – Athen in Aufruhr

Die Stimmung zwischen den beiden Nachbarländern Griechenland und Türkei trübt sich wieder einmal ein. Im Rahmen eines Treffens mit Gemeindevorstehern in Ankara hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den Vertrag von Lausanne aus dem Jahre 1923 in Frage gestellt. Er sprach von „unfairen Bestimmungen“ und einer „Niederlage der Türkei“. Als Beispiel nannte er die griechischen Ägäis-Inseln, die in „Rufweite“ der Türkei liegen.
Es gäbe noch immer einen „Kampf darum, was ein Festlandsockel sei, „und welche Grenzen wir auf dem Land und in der Luft haben“, so der türkische Staatschef. „Diejenigen, die sich damals an den Verhandlungstisch setzten“, so monierte er, seien den realen Umständen nicht gerecht geworden.


Die griechische Seite reagierte prompt auf diese Äußerungen. „Alle müssen den Vertrage von Lausanne respektieren“, hieß es aus Athen. Es handle sich um eine „Realität, die nicht einmal Ankara ignorieren kann“.
Die kommunistische Oppositionspartei KKE sprach von „gefährlichen“ und „provokativen“ Äußerungen des türkischen Staatschefs. Sein Ziel sei es nach wie vor, die Grenze zu Griechenland in Frage zu stellen und Grauzonen zu schaffen. Die KKE weist ebenfalls darauf hin, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Verhandlungen für die Lösung der Zypernfrage auf Hochtouren laufen. Die Insel ist nach der Invasion türkischer Truppen im Jahre 1974 in zwei Teile geteilt.
Die von einigen Beobachtern als irredentistisch bezeichneten Äußerungen auf der anderen Seite der Ägäis mögen erstaunen; erst vor wenigen Tagen hatte sich Erdogan mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras im Rahmen eines UN-Flüchtlingsgipfels in New York getroffen. Doch in erster Linie dürften die jüngsten Äußerungen Erdogans wohl eher ein „inländisches Publikum“ gerichtet gewesen sein und nicht unbedingt an die Adresse Griechenlands. Es dürfte vor allem darum gehen, nach dem Putschversuch im Juli das „Kemalische Erbe“ in Frage zu stellen. Allerdings, und das weiß man in Athen nur zu gut: Der Friede in der Ägäis hing in den letzten Jahrzehnten des Öfteren an einem seidenen Faden. Anfang des Jahres 1996 wäre es nahe der griechischen Felseninseln Imia beinahe zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen beiden Ländern gekommen. Nicht zuletzt durch intensive Vermittlungsbemühungen der USA entspannte sich die militärisch aufgeheizte Lage wieder.

Elisa Hübel

Unser Foto (© Eurokinissi) entstand am 22. September während eines Treffens von Ministerpräsident Tsipras und dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan in New York.

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