Der Weg ist das Ziel – Nach Griechenland auf dem Landweg

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Für unseren Autor ging die Route nach Griechenland über die Alpen (© Griechenland Zeitung / Alexander Jossifidis). Für unseren Autor ging die Route nach Griechenland über die Alpen (© Griechenland Zeitung / Alexander Jossifidis).
Diese Reportage ist aus dem Archiv und erschien in der Griechenland Zeitung Nr. 631 am 13. Juni 2018.
 
Der Sommer steht vor der Tür, und im Zeitalter der Billigflieger scheint es anachronistisch, mit dem Auto nach Hellas zu reisen. Doch es ist eine lohnende Alternative zum Flugzeug. Eine Fahrt von Deutschland nach Thessaloniki
 
Ein gewaltiger Platzregen lässt abschüssige Straßen binnen weniger Minuten zu reißenden Bächen werden. Wir sind in Murnau, einer Gemeinde im oberbayerischen Alpenvorland. Noch vor einer halben Stunde genoss unsere kleine Familie ein erfrischendes Bad im Staffelsee. Jetzt sitzen wir zum Glück bei Freunden in deren Häuschen. „Hier bei uns gibt es häufig heftige Sommergewitter“, erklärt Kai, der Gastgeber, und zeigt aus dem Wohnzimmerfenster. Die majestätischen Alpen sind verschwunden. Sie verstecken sich hinter einer grauen Wolken- und Regenwand. Murnau ist die erste Station auf unserer Reise von Deutschland nach Griechenland. Wir haben den Weg zum Ziel erklärt. Natürlich wollen wir schnell nach Thessaloniki. Allerdings soll die Fahrt so stressfrei wie möglich verlaufen. Zumal wir mit kleinen Kindern reisen und ein PS-schwaches Auto fahren.

Bella Italia

Folgerichtig schwimmen wir nach dem Überqueren des Brenners am kommenden Tag erneut in einem See. Diesmal ist es der Gardasee. Hier und im benachbarten Verona spüren wir zum ersten Mal den Süden. Ist es die Vegetation, die Wärme, die Luft? Unser unscheinbares Hotel liegt im Gassengewirr unweit der Arena von Verona. Ein kleiner Gecko klettert die Hausfassade hoch. Man erzählt uns, Operndiven würden hier ebenfalls gerne übernachten. Verona ist eine augenscheinlich reiche Handelsstadt. Luxuriöse Modegeschäfte und stilvoll gekleidete Einwohner begegnen uns bei einem Bummel durch die Altstadt. Wir sehen keine Bettler, keinen Leerstand. Unser Spaziergang führt uns in Richtung des Flusses Etsch. Unterwegs treffen wir Touristen, die auf den Spuren Romeos und Julias wandeln. So vergessen wir, dass wir nur auf der Durchreise sind. Erst eine Schaufensterauslage unweit unserer Herberge erinnert uns wieder daran. Wir stehen vor dem Fanshop des lokalen Fußballvereins Hellas.
 
Hotelzimmer Altstadt Verona SMALL

Der Stau
 
Auf den in die Jahre gekommenen Autobahnen der Emilia-Romagna reihen sich die Lkw in scheinbar endlosen Kolonnen aneinander. Es ist heiß und ausgerechnet bei Imola – dem Synonym für italienischen Motorrennsport – kommt der Verkehr beinahe endgültig zum Erliegen. Autos mit Nummernschildern aus Baden-Württemberg und geschmückt mit Griechenlandaufklebern quälen sich mit uns durch die Mittagshitze. Müssen sie noch heute die Fähre von Ancona nach Igoumenitsa beziehungsweise Patras erreichen? Uns plagt zum Glück kein Zeitdruck, da unser Schiff erst am folgenden Tag in See sticht. Dennoch verfluche ich für einen längeren Moment unser Vorhaben, mit dem Auto nach Griechenland zu fahren. Im Rückspiegel sehe ich meine Kinder, die mit roten Köpfen tapfer ihr mittlerweile lauwarmes Mineralwasser trinken. Schließlich kommen wir reichlich erschöpft in Portonovo an. Der kleine Hafen liegt südlich von Ancona. Unser Familienhotel steht auf einem bewaldeten Hügel. Hier oben eröffnet sich uns ein bezaubernder Blick auf die Steilküste und das glitzernde Blau der Adria. Vergessen sind die schweißtreibenden Stunden zuvor. Zum ersten Mal können wir diesen Sommer im Mittelmeer baden. Griechenland rückt immer näher.
 
Die Fährüberfahrt
 
Für die von Griechen aus Sizilien gegründete Stadt Ancona haben wir am folgenden Tag keine Augen. Die Fähre Olympic Champion legt am Hafen an. Ein leichtes Kribbeln verspüre ich, als ich den Pkw in den Bauch dieses Schiffskolosses lenke. Vor mir rollt ein getunter weißer BMW die Schiffsrampe hoch. Er besitzt ein französisches Nummernschild und an seiner Heckscheibe klebt ein übergroßes Logo der Grauen Wölfe, der türkischen Rechtsextremisten. Überhaupt hören wir beim abendlichen Spaziergang über Deck viel Türkisch. Es herrscht ansonsten ein internationaler Sprachewirrwarr. Die Fähre ist voller Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen Europas. Diejenigen, die keine Kabine gebucht haben, suchen sich Schlafplätze. Insofern empfinden wir es als Luxus, gegen Abend unsere kleine Kabinentür hinter uns schließen zu können. Fern des Trubels schlafen wir alsbald ein.
 
Blick auf die italienische Kueste SMALL
 
Endlich Griechenland
 
Am folgenden Vormittag grüßt uns die Küste Korfus im warmen Morgenlicht. Nun ist es nicht mehr weit bis nach Igoumenitsa. Mein Handy heißt mich überraschenderweise in Kroatien und in Albanien willkommen. Doch davon lasse ich mich nicht irritieren. Als wir den Hafen von Igoumenitsa erreichen, kommt eine seltsame Euphorie auf. So als hätten wir soeben einen sportlichen Wettbewerb gewonnen. Ein Gefühl, welches sich bei einem routinierten zweistündigen Flug von Berlin nach Thessaloniki nicht mehr einstellt. Gleich hinter der Hafenanlage beginnt die Egnatia. Die legendäre antike Handelsstraße ist heute eine moderne Autobahn. Es ist eine Wohltat, sie zu befahren. Im Vergleich mit den überfüllten italienischen Autobahnen sind wir nun fast alleine unterwegs. Wir nehmen uns vor, die zahlreichen Tunnel zu zählen, verlieren jedoch schon bald den Überblick.
 
Als Kind bereiste ich mehrmals mit meinen Eltern die Strecke durch das Pindos-Gebirge nach Thessaloniki. Es war eine nervenaufreibende Angelegenheit. Gerade der Katara-Pass ist mir in Erinnerung geblieben. Vollgepackt und zwischen stinkenden Lkw eingeklemmt schlichen wir im Schneckentempo die Serpentinen hoch und rollten sie mit quietschenden Bremsen wieder hinunter. Damals machten meine Eltern gerne eine Pause im Bergstädtchen Metsovo. Die Ortschaft war fest in der Hand der Durchreisenden. Daran erinnernd verlassen wir die Autobahn und steuern neugierig Metsovo an. Heute liegt der geschäftige Ort mit seinen guterhaltenen Steinhäusern zwar etwas abseits. Allerdings ist er nach wie vor ein idealer Rastplatz. Wir atmen die erfrischende Bergluft und genießen die beeindruckende Berglandschaft. Gerne wären wir länger geblieben, doch Thessaloniki ruft.
 
Nach kurzer Pause erreichen wir wieder die Egnatia. Beim westmakedonischen Kozani warnen Hinweisschilder vor kreuzenden Bären. Ferner soll der Fahrende im Tunnel seine Sonnenbrille absetzen. Jetzt ist es nicht mehr weit. Wir passieren den gemächlich dahinfließenden Axios. In der Ferne sehen wir bereits das Häusermeer von Thessaloniki. In wenigen Minuten ist es geschafft und die Stadtgrenze erreicht. Schließlich rollt unser Pkw die Hafenpromenade entlang. Es grüßt der Weiße Turm. Mit dem Flugzeug wären wir zwar schneller gereist. Doch informativer und spannender war die Reise mit dem Auto. Der Weg war eben auch das Ziel.
 
Thessaloniki Jossifidis SMALL

Alexander der Große in Thessaloniki SMALL
 
Text und Fotos: Alexander Jossifidis
 
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