Die Heimat des Feuergotts erwacht aus dem Dornröschenschlaf

  • geschrieben von  Marianthi Milona
Die junge Athenerin Irini arbeitet im Sommer auf Limnos (Foto © GZ / Marianthi Milona). Die junge Athenerin Irini arbeitet im Sommer auf Limnos (Foto © GZ / Marianthi Milona).

Um die Bemühungen, die Insel Limnos zu einem Ziel des „militärischen Tourismus“ zu machen, ging es im ersten Teil des Reiseberichts. In dieser Ausgabe beschäftigt sich die GZ-Autorin ausschließlich mit den „normalen“ Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten. Und derer sind gar nicht wenige ...

 

Wer kennt heute noch die Sage vom griechischen Gott Hephaistos? Dieser eigensinnige und mutige Sohn von Hera und Zeus schlug sich bei einem Streit zwischen seinen Eltern auf die Seite seiner Mutter. Zeus missfiel sein Verhalten so sehr, dass er Hephaistos am Fuß packte, ihn im Kreis drehte und vom Olymp hinaus in die Ägäis schleuderte. Und Hephaistos fiel auf Limnos herab. So heißt es zumindest in der griechischen Mythologie. Und an der Stelle, wo er den Boden von Limnos berührte, soll später die heilende Limnos-Erde entstanden sein. Der Gott des Feuers lernte die Insel Limnos lieben und entschied sich von nun an, hier seine Schmiedewerkstätten zu eröffnen. Ihm zu Ehren gründeten die Einwohner die antike Stadt Iphestia. Als sich Zeus’ Zorn wieder gelegt hatte, musste er Dionysos um Hilfe bitten, um den Sohn wieder zurück auf den Olymp zu holen. Der Gott des Weines kam nach Limnos und machte Hephaistos betrunken, setzte ihn auf einen Esel und ließ die hübschen Menaden um ihn herum tanzen. Hephaistos verfiel dem Wein und den Weibern und wusste nicht, was ihm geschah. Nur so konnte Dionysos ihn überlisten und zurück auf den Olymp bringen.
Das alles erfährt man bei einer Reise auf Limnos. Doch ist diese Insel auch in den folgenden Jahrhunderten so geschichtsträchtig gewesen, dass es sich lohnt, sie heute in all ihrem Facettenreichtum bekannt zu machen.

der kleiner Fischerhafen von Myrina noch in Dornröschenschlaf SMALL

Insel der Winde, Weine und Weizenfelder

Limnos hinkt anderen griechischen Inseln in Sachen Tourismus weit hinterher. Aber das ist nicht immer ein Nachteil … Das griechische Militär, obwohl im Alltag nicht spürbar präsent, hat auf Limnos aufgrund der Nähe zur Türkei eine wichtige Basis. Dieser Umstand bedeutete lange Zeit ein Hindernis für die touristischen Ausbaupläne. Inzwischen erfolgte ein Sinneswandel. Die Gemeinde Limnos und das griechische Verteidigungsministerium unterstützen sich gegenseitig bei dem Vorhaben, das Eiland zu einer attraktiven Destination zu machen. Schließlich bietet auf Limnos die Geschichte genügend Gründe, sie gut für den Tourismus der Zukunft zu wappnen – von der Antike über die Zeit der Weltkriege bis heute.
Die Insel ist außerdem mit ihren unberührten Naturlandschaften ein interessantes Beobachtungsterrain für Vogelexperten. An den meist leeren Sandstränden und in den romantisch anmutenden Buchten wiederum kommt es immer noch vor, dass man plötzlich die Delfine singen hört. An den größeren Stränden wiederum wird gesurft und auf Wellen geritten. In der Bucht von Makri Gialos, unterhalb der prähistorischen Siedlung Poliochni, in der nachweislich das erste Parlament gegründet wurde, haben vor ein paar Jahren sogar die Dreharbeiten zum Film „Troja“ mit Brad Pitt in der Rolle des Achill stattgefunden.
Und immerzu gibt der starke Wind aus Nord-Nordost den Ton an und sorgt für kühlende Erfrischung. Wenn er kurz mal innehält, erschreckt man fast. Doch das ist kein Zustand, der lange anhält. Es dauert nur wenige Minuten und schon bläst es dir wieder um die Ohren. Nicht zuletzt aus diesem Grund haben auch die Mücken wenig Chancen, einen Stechangriff zu landen.

Besonderheiten der Insel

Limnos ist nicht grün, besitzt aber ein mildes Klima. Das Landschaftsbild ist harmonisch und von einer sanften Hügellandschaft geprägt, in der im Sommer die Ockertöne vorherrschen. Ausgedehnte Kornfelder erzählen, womit sich die Bauern bis heute vorwiegend beschäftigen. Limnos besitzt noch eigene Urkornarten und wird deshalb gerne von Forschern der Ernährungswissenschaft aufgesucht. Die Erde ist vulkanischen Ursprungs und erlaubt einen erfolgreichen Anbau von Wein, Gemüse und Kräutern. Selbstgemachte Pasta, hier Flomari genannt, und Thymianhonig sind zwei Spezialitäten der Insel. Aber auch die, seit der Antike vielgerühmte Limnio-Rebe und die Moschato Alexandrias (in Europa vorwiegend für den Prosecco und Schaumwein verwendet) wird hier auf fruchtbaren Hügeln kultiviert.

Flomari sind die typischen hausgemachten Nudeln auf Limnos SMALL

Antike Wundermittel

Von der jungen Archäologin Anastasia Souri höre ich im Bus zum ersten Mal etwas über die heilende Wirkung der Insel-Erde. „Die Limnos-Erde ist das erste offizielle Naturmedikament der Welt. Mit einem eigenen Markenstempel. Diese Erde wurde einmal im Jahr vom Berg nach einem bestimmten Ritual abgebaut. Und von der Antike bis in unsere christliche Zeitrechnung in Tablettenform verabreicht“, erzählt die junge Archäologin, die ihr Einkommen nebenbei mit touristischen Führungen auffrischt. „In der Antike hatten die Tabletten verschiedene Tierformen, später wurden sie in Form von christlichen Symbolen gepresst. Gänzlich verschwand die Limnos-Erde als Heilmittel erst mit dem Einzug der Pharmaindustrie“. Dieses limniotische Wundermittel wurde für und gegen alles eingesetzt: Bei Fieberanfällen und Allergien, zur Bekämpfung der Pest. Als Creme verabreichte man es auch bei Hauterkrankungen.

Wenige Unterkünfte

Das momentan größte Problem zur Etablierung eines nachhaltigen Tourismus stellt auf Limnos der Mangel an Unterkünften dar. Die wenigen Hotels überraschen jedoch mit ungewöhnlichen Konzepten. Wie im Fall eines Hotels in der Ortschaft Varos. Lena Liaska erzählt mir, dass ihr Vater schon vor Jahren damit begonnen hat, historische Häuser aufzukaufen, die überall im Dorf verstreut lagen und liegen. Jedes einzelne davon hat seine eigene Geschichte, erklärt sie: „In einem Gebäude, in dem heute unsere Suiten sind und in dem Familien wohnen, ist um 1830 die Hebammenstation gewesen, in der praktisch alle Kinder der Insel zur Welt gekommen sind. Andere Schlafzimmer waren einst Kornkammern und Windmühlen. Der Ort besaß früher zwölf Mühlen, sechs auf unserer Seite und sechs auf der anderen Seite des Hügels.“

Restaurierte Kornmühlen des Varos Village Hotels SMALL

Realisierung eines lang ersehnten Traums

Kostas Liaskas, Architekt, Bauherr und der zeitlich längste Präsident der TEE, der griechischen Ingenieurskammer, eröffnete das Hotel im Jahr 2010. Die Familie Liaska hatte allerdings die Insel seit vielen Jahren kennen und lieben gelernt. Die Liaskas verbrachten bereits seit Jahrzehnten ihre Ferien auf Limnos. Der Traum des Architekten war es, den traditionellen Ort Varos, der infolge der Landflucht vom Aussterben bedroht war, wieder neu aufzubauen. Lena Liaska, die das Hotel heute gemeinsam mit ihrem Mann führt, erzählt: „Die Hebammen- und Krankenstation nennen wir heute das Steinhaus, und gegenüber, im „Archondiko“, dem Herrenhaus, wohnte früher der Inselarzt. Das andere Hotelhaus auf dem Hügel, das schon aus der Ferne zu erkennen ist, haben wir „Kloster“ genannt, weil es in seiner imposanten Architektur an ein Kloster erinnert.“ Tatsächlich wirken die Zimmer in ihrer Anordnung wie die Mönchszellen eines Konvikts, wenn man den idyllischen Innenhof betritt. Sechs Häuser gehören zu diesem ungewöhnlichen Hotel in Varos: die Limnos-Erde, das traditionelle Kafenion, das Maulbeerbaum-Haus, das Steinhaus, das Herrenhaus und das Kloster. Und sie geben ein gutes Beispiel, wie man auf einer Insel sanften Tourismus betreiben kann.
Die Unterbringung in Varos bietet sich gut an, um von dort Tagesausflüge zu machen: zur Hauptstadt Myrina im Westen, zur den Sanddünen im Norden und zu den kleinen Binnenseen, Chortarolimni und Aliki, im Osten. Ebenso sind die archäologischen Stätten Ifestia, Kaveirio und Poliochni von hier aus gut erreichbar. Genauso wie die Kriegsfriedhöfe Moudros und Portianou.

Nach Limnos fährt man nicht einmal

Ein limniotisches Sprichwort sagt: Auf Limnos weinst du zweimal. Zuerst wenn du ankommst, weil du siehst, dass es wenig grüne Flächen gibt – das Resultat einer intensiven Tierhaltung. Zweitens, wenn du wieder abfährst, weil dich die Insel in ihren Bann gezogen hat. – Wer einmal auf Limnos gewesen ist, der möchte gerne wieder kommen. Vom Ausland ist die Anreise noch etwas umständlich. Man muss in Thessaloniki oder Athen zwischenlanden und dann weiterfliegen, von Thessaloniki aus sogar mit einer kleinen Propellermaschine. Der Flug dauert allerdings dann nur noch 50 Minuten. Erstaunlich finde ich noch immer, dass die Insel Limnos bis heute auch für die Nordgriechen als große nordägäische Unbekannte gilt.

Text und Fotos von Marianthi Milona

Diese Reportage stammt aus dem Archiv und erschien in der Griechenland Zeitung Nr. 634 am 04. Juli 2018.

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