Ein kleines Schmuckstück am Wegesrand

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Außenansicht: Fast wie eine Trutzburg (Fotos: GZjr) Außenansicht: Fast wie eine Trutzburg (Fotos: GZjr)

Auf dem Weg von Korinth nach Epidauros stößt man kurz hinter der so genannten Selonda-Bucht mit ihren ausgedehnten Aquakulturen auf ein wahres Kleinod unter den Klöstern der Peloponnes: das Kloster Agnoundos (Ιερά Μονή Αγνούντος).

Schon von weitem sichtbar liegt das Kloster etwa sechs Kilometer nördlich von Nea Epidavros auf einem Plateau am Hang des Asprovouni. Schilder weisen zwar auf die Anlage hin, die meisten Reisenden jedoch fahren achtlos an ihnen vorüber. Wer sich aber die Mühe macht anzuhalten und die nur wenigen Meter zum Kloster hinaufzugehen, wird dafür reichlich belohnt. Sogleich nämlich taucht man ein in die ruhige und stimmungsvolle Atmosphäre, die bereits den liebevoll gestalteten Bereich vor der fast wie eine kleine Trutzburg daliegenden Anlage erfüllt. 

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Katholikon (Kirche)

Das weit geöffnete Tor, in deren einst wehrhaften Umfassungsmauer, scheint geradezu zum Eintreten aufzufordern, und steht man dann schließlich in dem kleinen Hof, glaubt man sich fast in einer anderen, romantisch verwunschenen Welt. Machtvoll ragt im Zentrum die Kirche des Klosters, sein Katholikon, empor. Nur ein schmaler Umgang trennt sie von den übrigen Gebäudeteilen, die auf allen vier Seiten von innen gegen die Außenmauer geschoben sind. Dennoch entsteht keineswegs der Eindruck von Enge oder Gedrungenheit. Es ist viel eher eine beinahe schon intime Idylle, die man hier zu spüren vermeint. Entscheidenden Anteil an der malerischen Gesamterscheinung hat dabei zweifellos die geradezu überbordende Blüten- und Pflanzenpracht, die den gesamten Hof schmückt und von den hier anwesenden Schwestern auch mit Hingabe gepflegt wird.
Marienikone an der Stelle eines Lichts

Der Name des Klosters Agnoundos, das dem Volksmund auch unter der älteren Bezeichnung Agnanda (Αγνάντα) bekannt ist, nimmt Bezug auf seine Lage oberhalb einer kleinen, von Höhenzügen sanft umgrenzten Ebene. Er leitet sich nämlich von dem Verb αγναντεύω (agnandévo) her, zu Deutsch: „überblicken, überschauen“. Maria persönlich, die Herrin der Anlage, soll es der Legende zufolge gewesen sein, die diesen Platz ausgewählt hat. Dabei bediente sie sich eines Vorgehens, das ähnlich auch für andere Klostergründungen überliefert ist. So hören wir, dass hoch am Asprovouni, während der Dunkelheit, einst ein eigentümliches, helles Licht zu strahlen begann. Bei den Menschen der Umgebung rief diese Erscheinung, die sich Nacht für Nacht wiederholte, Unbehagen hervor. Als man sich endlich ans Herz fasste, um der Sache auf den Grund zu gehen, fand man an der Stelle des Lichts eine Marienikone im Boden verborgen. Natürlich erkannte man darin die Aufforderung, der Muttergottes ein Kloster auf dem Asprovouni zu errichten.

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Überbordende Blüten- und Pflanzenpracht

Wichtiges spirituelles Zentrum der Region

Eilfertig ging man an die Arbeit, musste am nächsten Morgen jedoch überrascht feststellen, dass die Werkzeuge verschwunden waren. Als sich das gleiche Geschehen auch in den nächsten Tagen ständig aufs Neue zutrug, und man die Werkzeuge stets an derselben Stelle wiederfand, begriff man: Maria selbst gab ganz offensichtlich diesem Ort den Vorzug vor dem ursprünglich geplanten. So also entstand die Anlage an ihrem heutigen Platz.
Über den Zeitpunkt der Gründung liegen uns keine sicheren Anhaltspunkte vor. Demzufolge muss auch ein Ansatz ins 11. Jahrhundert, wie er öfter vertreten wird, dahingestellt bleiben. Immerhin aber könnte die überlieferte Nachricht, dass das Kloster im frühen 15. Jahrhundert die Zeit seiner größten Blüte durchlebt habe, vielleicht auf eine mittelalterliche Entstehung hindeuten. Insbesondere aufgrund umfangreichen Landbesitzes gelangte es jedenfalls zu beachtlichem Wohlstand, und zeitweise sollen ihm angeblich bis zu 120 Mönche angehört haben. In der Region galt es als überaus wichtiges spirituelles Zentrum.
Diese hohe Bedeutung konnte es sich auf Dauer allerdings nicht bewahren, und so ist im Laufe der Zeit auch ein empfindlicher Rückgang seines vormaligen Reichtums zu beobachten.

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Malerischer Klosterhof

Mönchisches Leben verschwand für Jahrzehnte

Dramatischen Ausdruck fand dieser Niedergang in einem Schreiben jener zwölf Mönche, die das Kloster im Jahre 1838 noch bewohnten. Sie beklagten darin, weder Tiere noch kultivierbares Land zu besitzen, ja nicht einmal Wasser zum Trinken stünde ihnen noch zur Verfügung. Die gewaltigen wirtschaftlichen Probleme, mit denen sich die Mönche konfrontiert sahen, führten 1874 zur Vereinigung ihrer Heimstatt mit dem nahe gelegenen Taxiarchen-Kloster. Nur 17 Jahre später schloss man sich vorübergehend zudem mit dem Kloster von Talanti bei Arachneo zusammen. Bis auf einen Vater suchten sich alle Mönche in den beiden anderen Anlagen ein neues Zuhause. Endgültig besiegelt schien der Untergang des Klosters Agnoundos, als 1933 durch einen offiziellen Beschluss auch der letzte ihm verbliebene Besitz zwangsveräußert wurde. Mönchisches Leben war aus seinen Mauern verschwunden, stattdessen hatten sich die Bewohner der Umgebung seiner bemächtigt, um es einer landwirtschaftlichen Nutzung, unter anderem als Stallung zuzuführen. Damit freilich war es in nicht geringem Maße Verfall und Zerstörung preisgegeben.

Pittoresker Charme in romantischer Landschaft

Dies sollte sich erst ändern, nachdem das Taxiarchen-Kloster, mit dem das Kloster Agnoundos weiterhin vereint war, 1945 einer Schwesterngemeinschaft übergeben wurde. Die drei Jahre später ernannte Äbtissin Christonimfi ging mit großem Engagement daran, die Anlage wieder in einen ihrer eigentlichen Funktion angemessenen Zustand zu versetzen. Dank der umfangreichen Arbeiten, die zu diesem Zweck durchgeführt wurden, erinnert heute nichts mehr an das unwürdige Zwischenspiel, welches das Kloster, das seit 1980 unter Denkmalschutz steht, über sich ergehen lassen musste. Dass man bei der Instandsetzung aber auch nicht alle Spuren verwischte, die der Zahn der Zeit über die Jahrhunderte hin im Kloster hinterlassen hatte, kommt dem pittoresken Charme sehr zugute, der die Anlage jetzt auszeichnet.
Den Besucher des Klosters Agnoundos erwartet heute eine außergewöhnliche, von friedvoller Beschaulichkeit geprägte Atmosphäre. Eine besondere Überraschung hält zudem das Innere des Katholikon für ihn bereit, das der Entschlafung Mariens geweiht ist. Nach dem Betreten braucht es ein wenig, bis die Augen sich an das Halbdunkel der Kirche gewöhnt haben. Dann aber taucht man ein in eine hinsichtlich ihrer Fülle geradezu überwältigende Bilderwelt. Überreich nämlich ist der Bau in seiner gesamten Höhe mit Malereien geschmückt, deren Konzeption im Wesentlichen der üblichen orthodoxen Bildtradition folgt. Eine Inschrift datiert sie in das Jahr 1759, die Ikonostase entstand 1713.

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Alle Gebäude wurden – so wie hier die Friedhofskirche – in den letzten Jahrzehnten liebevoll restauriert.

Freundliche Nonnen heißen Besucher willkommen

Von der Südseite des Klosters führt ein Weg hinauf zur ehemaligen Friedhofskapelle aus dem 18. Jahrhundert. Gräber finden sich hier oben allerdings nicht mehr. Als so genanntes Metochi – gewissermaßen als Ableger – gehört das Kloster Agnoundos noch immer zum Taxiarchen-Kloster, und die freundlichen Nonnen, die den Besucher willkommen heißen, sind Mitglieder der dort lebenden Gemeinschaft. Sie kommen nur tagsüber her, um die Klosterpforte zu öffnen und so Pilgern und Reisenden die Möglichkeit zum Besuch dieses doch sehr stimmungsvollen Vertreters griechischer Klosterarchitektur zu bieten.

Text und Fotos von Jens Rohmann

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